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ThüringenEin Kindergarten schließt - was das für ein Dorf bedeutet

16.06.2026, 04:02 Uhr
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Im kleinen Meininger Ortsteil Wallbach gab es 96 Jahre lang Kinderbetreuung. Nun schließt der Kindergarten. Er ist nicht der Einzige in Thüringen, dem dieses Schicksal droht.

Meiningen (dpa/th) - Eine Feier machen sie noch im Kindergarten "Am Märchenwald" in Wallbach. Die Stadt Meiningen will ein paar Biertischgarnituren bereitstellen. Sie werden Eltern einladen, das Kita-Personal und natürlich die zehn Kinder, die zuletzt noch in der Einrichtung angemeldet waren. Für die beiden Schulanfänger gibt es ein Zuckertütenfest. Noch einmal lachen, spielen, toben auf dem riesigen Gelände. Dann ist Schluss. Nach 96 Jahren Kinderbetreuung in dem kleinen Ort bei Meiningen wird der Kindergarten schließen.

Zwei Erzieher, zehn Kinder

"Wir haben gehofft, dass so etwas nie passiert", sagt Wallbachs Ortsteilbürgermeister Steven Bamberg. Der Kindergarten "Am Märchenwald" liegt malerisch, umgeben von bewaldeten Bergen. Ein schmaler Pfad führt hoch zum weitläufigen Gelände der Einrichtung. Es gibt einen Sandkasten, eine Kletterhütte, eine Schaukel. Bunte Fähnchen wehen im Wind. Wer bis zum Zaun geht und durch das Tor tritt, steht im Wald.

Ein Kindergarten im Ort sei etwas Besonderes - noch dazu in einer solchen Lage, direkt am Wald, sagt Bamberg. Der SPD-Politiker war selbst einst Kindergartenkind in der Einrichtung. Nun muss er das Aus organisieren. "Wir haben uns Mühe gegeben, mit viel Werbung wenigstens noch die 100 Jahre voll zu bekommen. Aber es war nicht möglich." Die Stadt hatte den Kindergarten in Wallbach vor zwei Jahren übernommen und noch einmal investiert - in Umbauten und ins Außengelände. Doch die Lage spitzte sich zuletzt zu. Nicht eine einzige neue Anmeldung lag der Einrichtung zuletzt für das neue Kita-Jahr vor. Acht Kinder wären dann noch übrig, zwei Erzieherinnen - es reicht einfach nicht mehr.

Kindergärten unter Druck

Wie in vielen anderen Regionen Ostdeutschlands schlägt die Demografie auch in Wallbach erbarmungslos durch. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts wurden im Jahr 2025 in Thüringen nur rund 11.000 Kinder geboren. Im Jahr 1990 waren es noch dreimal so viele. Nach einem Hoch in den Jahren 2018 bis 2020, brechen die Kinderzahlen in den Einrichtungen inzwischen in vielen Regionen ein. Im Jahr 2019 besuchten 94.700 Kinder einen Kindergarten, im vergangenen Jahr waren es nur noch 81.500. Viele Kindergärten im Freistaat stehen unter Druck, weil Plätze frei bleiben. Einige Einrichtungen mussten bereits schließen oder stehen kurz davor.

So wie die Kita "Am Märchenwald" in Wallbach. Zwei Erzieherinnen wechseln sich hier mit Früh- und Spätschicht ab. Es gibt noch eine Sozialassistentin. Der Kindergarten hat von 06.45 Uhr bis 16.30 Uhr geöffnet. Die Einrichtung im Nachbarort öffnet von 6 bis 17 Uhr. Für einige Wallbacher passen die längeren Öffnungszeiten besser zu ihrem Job - sie meldeten ihre Kinder dort an. Bei Krankheit und Urlaub braucht es Vertretungen aus anderen Einrichtungen.

Krankheit, Urlaub, kein Ersatz

Im November vergangenen Jahres kam dann alles zusammen: Zwei Krankheitsfälle, eine Mitarbeiterin im Urlaub, Ersatz gab es nicht. Eine Woche lang mussten die Wallbacher Kinder in die Einrichtung im Nachbarort. Künftig werden sie dort dauerhaft in der Betreuung sein.

Ab einer gewissen Größe, sagt Meiningens Bürgermeister Fabian Giesder, werde es schwierig, eine gute Betreuung und frühkindliche Bildung zuverlässig abzusichern. "Dass dieses demografische Echo in den Bevölkerungsberechnungen uns irgendwann ereilen wird, war klar", sagt der SPD-Politiker. Es hätte Meiningen und andere Orte in Thüringen schon eher treffen können. Giesder sagt, dass der Einbruch der Kinderzahlen eigentlich für die Jahre ab 2018 prognostiziert worden war. Doch erst kamen syrische Geflüchtete. Alleinstehende zogen weiter in die Großstädte, sagt Giesder. Familien blieben. Später kamen ukrainische Kinder in die Kitas. Der Einbruch der Kinderzahlen trifft Meiningen also mit Verspätung, aber trotzdem mit Wucht.

Auf die Frage, ob es angesichts der demografischen Entwicklung um einen geordneten Rückbau von Strukturen geht, denkt Giesder kurz nach und sagt dann: "Am Ende ist es so. Die Frage ist, wie geordnet ist er?" Seine Sorge sei, dass teils zu schnell zurückgebaut wird. "Umso wichtiger wäre für mich das Instrument der Kita-Bedarfsplanung", so Giesder. Es gebe keine Regeln wie in der Schulnetzplanung - zum Beispiel wie lange ein Schüler im Bus maximal unterwegs sein darf, um seine Schule zu erreichen. "Wenn das nicht koordiniert wird, so ein Prozess, in flächigen, ländlich geprägten Regionen, kann das übel ausgehen", sagt Giesder. Wenn es nicht gut laufe, gebe es dann nur noch in den Städten Kita-Plätze.

Zuschuss für kleine Kindergärten

Zwischen dem 1. März 2025 und dem 1. März 2026 wurden nach Angaben des Thüringer Bildungsministeriums 19 Kindertageseinrichtungen geschlossen. Das entspricht etwa 1,5 Prozent aller Kindergärten in Thüringen. Los gingen die Probleme schon vorher. Noch vor der Landtagswahl 2024 verabschiedete der Thüringer Landtag eine Änderung des Personalschlüssels in den Kindergärten. Die Betreuung wurde verbessert: Eine Erzieherin muss sich um weniger Kinder gleichzeitig kümmern. Um was es aber auch ging: Jobs retten. Die neuen Regeln verschafften den Kita-Trägern eine Atempause.

Nun wollen CDU, BSW und SPD mit Unterstützung der Linken nachlegen und finanzielle Unterstützung für kleine Kindergärten auf den Weg bringen. Sie sollen mehr Geld über eine Kopf-Pauschale erhalten.

Orte der Begegnung

In Wallbach gründet sich nun ein Förderverein. Wallbachs Ortsteilbürgermeister Bamberg sagt, der Kindergarten war auch ein Treffpunkt. Zu mehreren Veranstaltungen kamen Familien zusammen. "Es gibt ja keine Gaststätten, keine Kneipen mehr." Die Kita sei auch wichtig für den Zusammenhalt im Ort gewesen. Andere Kindergärten sollen ihn künftig für Waldwochen oder für Ausflüge nutzen können. Das Gebäude werde nicht verkauft. "Es kommen ja vielleicht auch wieder andere Zeiten."

Quelle: dpa

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