Hessen"Es ist schon so viel verloren, aber es gibt immer Hoffnung"

Zerbombte Straßen, Angst um die Familie, kaum Brot: Drei junge Menschen mit iranischen Wurzeln erzählen, warum sie zwischen Trauer, Hoffnung und Wut schwanken – und was ihnen jetzt Mut macht.
Kassel/Frankfurt (dpa/lhe) - "Ich checke jede Minute die Nachrichten", sagt Saghar und wirft einen Blick auf ihr Smartphone. Im April 2024 kam die 29-Jährige aus dem Iran nach Kassel, um an der Universität dort Politik- und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Ihre Familie und Freunde sind in Teheran geblieben.
"Im Iran gab es keine Hoffnung mehr auf eine gute Zukunft", sagt Saghar, die ihren Nachnamen aus Sorge um ihre Angehörigen im Iran nicht nennen möchte. Sie sei gegangen, weil es in der islamischen Republik viel Diskriminierung, Korruption und Traurigkeit gebe. "Ich konnte den Mangel an Freiheit nicht mehr tolerieren."
Gefühlsmix aus Traurigkeit und Hoffnung
Nach dem Angriff Israels und der USA auf ihr Heimatland empfinde sie eine merkwürdige Mischung an Gefühlen. "Ich bin traurig, habe Angst und empfinde gleichzeitig Freude und Hoffnung." Als sie vom Tod Ali Chameneis und weiterer hochrangiger Vertreter der iranischen Regierung erfahren habe, sei das ein glücklicher Moment gewesen. Mit Chameneis Tod sei der politischen Führung der Kopf abgeschlagen worden. "Das macht mir Hoffnung. Vielleicht haben die Iraner noch einmal die Kraft, auf die Straße zu gehen und für einen Umsturz zu kämpfen."
Es sei es schwierig, mit ihrer Familie im Iran Kontakt aufzunehmen, berichtet Saghar. Gerade habe sie aber kurz mit ihrer Mutter telefonieren können. "Sie war ruhig, weil sie mir keine Sorgen bereiten will. Aber sie war traurig und frustriert. Niemand weiß, wie lange der Krieg dauern wird", schildert Saghar. Ihre Familie gehe kaum auf die Straße, das sei zu gefährlich. Die Menschen im Iran seien tief traumatisiert und verletzt.
Hoffnung auf Normalität im Iran
In einem Video habe sie eine ihr gut bekannte Straße in Teheran gesehen - völlig zerbombt. "Auf dieser Straße habe ich so viel erlebt: meinen ersten Kuss, ich habe dort die Universität besucht und meinen Freund getroffen", berichtet die 29-Jährige, die in Teheran als Englischlehrerin gearbeitet hat. Nun sei diese Straße blutgetränkt nach den niedergeschlagenen Protesten und den zahlreichen Kriegen im Land.
"Es ist schon so viel verloren, aber es gibt immer Hoffnung", sagt Saghar. Wenn sie einen Wunsch frei habe, dann den, "dass der Tag kommt, an dem ich an den Iran denke und es ein normales Land ist - mit Menschenrechten und ohne politische Verfolgung und Tötungen." Der Weg zu einem demokratischen Iran sei aber noch lang. "Der Wiederaufbau wird Jahre dauern", glaubt die 29-Jährige. Die Iraner im Land selbst wie jene im Ausland müssten nun solidarisch sein. "Es ist unsere Verantwortung, von hier aus die Stimme zu erheben."
Tiefe Sehnsucht nach der Heimat
Das tut Tahireh Panahi schon seit Jahren. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Öffentliches Recht an der Uni Kassel organisiert unter anderem Mahnwachen, Proteste und engagiert sich in einem iranischen Verein. Ihre Familie hat den Iran bereits 1953 verlassen. "Ich war nie dort, habe kaum Verwandte dort. Dennoch habe ich eine tiefe Sehnsucht nach meiner Heimat", sagt die 32-Jährige.
Sie sei die vergangenen Monate angesichts der Entwicklungen im Iran sehr angespannt gewesen. "Ich war in Gedanken immer nur dort", berichtet die Juristin. Nun verspüre sie ein wenig Erleichterung. "Ich möchte irgendwann ohne Angst in den Iran reisen." Das wünsche sie sich für alle Exil-Iraner. Und sie wünsche sich, dass die Taten der iranischen Regierung aufgearbeitet werden, "damit es ein "Nie wieder" geben kann, einen Versöhnungsprozess."
Saghar und Tahireh Panahi hoffen auf dem Weg dahin auf Unterstützung aus Deutschland und Europa. "Ich bin enttäuscht", sagt Tahireh Panahi. Es müsse ihrer Meinung nach viel mehr Aufmerksamkeit für und Empörung über die Lage im Iran geben. Beides will sie von Kassel aus erreichen: "Ich versuche, laut zu sein und den Menschen dort von hier aus eine Stimme zu geben."
Kaum Brot zu kaufen
Ilya Mohini ist zurzeit viel bei seinen Eltern in Frankfurt. Der Deutsch-Iraner hat seit drei Tagen keinen Kontakt mehr zu seinen Onkeln und Tanten im Iran. Sie hätten einen Tag vor den Angriffen mit der Familie telefoniert, erzählt er. "Wir wussten ja nicht, dass eine Nacht später was passiert und auch dann alles geblockt wird." Das Letzte, dass er da gehört habe, sei, "dass es kaum Brot zu kaufen gibt, also dass die Schlangen voll sind".
Man habe versucht, der Familie Mut zuzusprechen, gesagt, dass schon nichts passieren würde. "Versucht nur genug Nahrung irgendwie zu bunkern", erinnert sich der 27-Jährige an die Ratschläge, die sie gegeben haben.
Mohini arbeitet als parlamentarischer Assistent im EU-Parlament für die Partei des Fortschritts. Seine Eltern seien vor einigen Jahren als politische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, als er vier Jahre alt war, erzählt er.
Angriffe waren keine Überraschung
Die Angriffe auf den Iran kamen für ihn nicht überraschend. "Tatsächlich haben wir die letzten zwei, drei Wochen jeden Abend versucht Fernsehen zu gucken, Nachrichten", sagt er. "Und wir haben immer darauf gewartet, dass jetzt die Nachricht kommt. Und das war tatsächlich die einzige Nacht, wo ich einfach schlafen gegangen bin, ohne mir was dabei gedacht zu haben. Und dann kam halt morgens die Nachricht."
Das Gefühl in ihm sei zwiegespalten, sagt er. "Einerseits hat man natürlich die Hoffnung, dass es zu einem Umsturz kommt. Auf der anderen Seite bin ich auch nicht in der Laune zu feiern, wenn halt immer noch Bomben einschlagen."