HessenStudie: Zustimmung zu Demokratie – Skepsis bei Umsetzung

Dem "Hessen-Monitor" zufolge ist die grundsätzliche Zustimmung zur Demokratie groß. Nicht jedoch zur Politik im Alltag. Und wie sehr fühlen sich Hessens Bürger ihrem Dorf oder ihrer Stadt verbunden?
Wiesbaden (dpa/lhe) - Laut einer Umfrage gibt es in Hessen einen auffälligen Kontrast zwischen einer hohen Zustimmung zur Demokratie als Idee und einer kritischen Bewertung der politischen Praxis im Alltag. Das zeigen die Ergebnisse der Studie "Hessen-Monitor", die ein Forschungsteam in Wiesbaden vorgestellt hat.
Die repräsentative Befragung habe einerseits eine außerordentlich hohe Unterstützung für die Demokratie bei den Hessen und Hessinnen zum Ausdruck gebracht, teilte Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) mit. Demnach befürworteten mehr als 95 Prozent der Befragten die Demokratie als Idee, mehr als 92 Prozent zeigen sich mit der "Demokratie des Grundgesetzes" zufrieden.
Nur rund zwei Drittel mit der Politikpraxis im Alltag zufrieden
Kritischer fällt andererseits laut dem Wissenschaftsministerium die Bewertung der politischen Praxis aus. Nur gut 64 Prozent seien mit dem Funktionieren der Demokratie im Alltag zufrieden.
Die Befragten zeigen sich dabei polarisiert - in der Studie heißt es: "Bei AfD-Anhängern beträgt die Zufriedenheit mit der demokratischen Praxis 15,4 Prozent, bei Grünen-Anhängern 85,0 Prozent."
Minister Gremmels: "Viele Menschen vermissen, dass Politik zuhört"
Wissenschaftsminister Gremmels betonte, die Demokratie stehe von innen und von außen unter Druck. Ihre Unterstützung sei laut Studie nicht selbstverständlich: "Viele Menschen vermissen, dass Politik zuhört und Veränderungen bewirken kann."
Der SPD-Politiker ergänzte: "Deshalb müssen wir Entscheidungen nachvollziehbarer machen und die Menschen stärker an politischen Prozessen beteiligen." Bei Parteien führe "Dauerstreit auf Bundesebene" nicht zu mehr Vertrauen in die Politik - hier gelte es, besser zu werden.
Hessinnen und Hessen zeigen sich heimatverbunden
Ein weiterer zentraler Befund der Studie ist die regionale Verbundenheit. Rund 85 Prozent der Befragten fühlen sich laut "Hessen-Monitor" ihrer Gemeinde verbunden, gut 81 Prozent dem Land Hessen. "Die Studie zeigt damit, dass demokratische Erfahrungen vor allem vor Ort gemacht werden - in Kommunen, Vereinen, Nachbarschaften und öffentlichen Einrichtungen", erklärte das Wissenschaftsministerium.
Die Marburger Politologie-Professorin Isabelle Borucki sagte, generell sei das Vertrauen der Hessen etwa in ihren Bürgermeister vor Ort größer als in den fernen Bundestag. Eine Ausnahme auf Bundesebene bilde allerdings das Bundesverfassungsgericht mit einem sehr hohen Bürgervertrauen.
Beim Thema Wirtschaft schildert die Studie gleichsam das Öffnen einer Schere: Während gut 80 Prozent der Befragten ihre persönliche wirtschaftliche Situation positiv bewerten, beurteilen lediglich rund 26 Prozent auch die wirtschaftliche Lage Deutschlands als gut. Das Ministerium kommentierte: "Das ist politisch wichtig, weil ein allgemeines Krisengefühl auch dann entstehen kann, wenn die persönliche Lage stabil ist."
Gut ein Drittel empfindet laut Studie Muslime als Bedrohung
Wie sieht es mit dem Vertrauen in Krisenbewältigung in den Städten und Gemeinden aus? Mehr als zwei Drittel der befragten Bürger trauen ihren kommunalen Behörden zu, im Krisenfall angemessen zu handeln.
Zudem gibt es einige auffällige Antworten auf konkrete Einzelfragen in der Studie. Beispielsweise betrachten demnach 36 Prozent der Befragten "Muslime als Bedrohung". 37 Prozent könnten sich "eine einzige starke Partei" vorstellen.
Laut der Parlamentarischen Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion, Lisa Gnadl, zeigt die Studie insgesamt zwar, dass die Hessen "zur Demokratie in Deutschland stehen", aber auch, "dass unsere repräsentative Demokratie neue Wege gehen muss, um auch diejenigen wieder zu erreichen und einzubinden, die aktuell mit Skepsis auf die praktische Umsetzung von Politik blicken".
Für den "Hessen-Monitor" wertete das Forschungsteam 3.208 online ausgefüllte Fragebögen aus. Diese stammten von im Mai und Juni 2026 zufällig ausgewählten volljährigen Bürgern unterschiedlichen Alters.
"Hessen-Monitor" soll Demokratieforschung stärken
Die noch nicht vollständig ausgewertete Studie soll demokratische Einstellungen, gesellschaftliche Entwicklungen sowie Herausforderungen für den Zusammenhalt der Bürger beobachten. Sie ist Teil des Landesprogramms "Stärkung der Demokratieforschung in Hessen".
Minister Gremmels sagte, er wünsche sich regelmäßige Erhebungen im Rahmen des "Hessen-Monitors". Laut dem Forschungsteam soll künftig etwa das Stadt-Land-Gefälle in den Augen der Bürger unter die Lupe genommen werden.