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HessenFarbenfrohe Motivation – Abiplakate hängen schon an Schulen

31.03.2026, 04:02 Uhr
Lorans-l-und-Marmik-Yedgarian-haengen-ein-Abiturplakat-fuer-die-Abschlusspruefung-ihres-19-jaehrigen-Sohnes-Julian-in-Wiesbaden-auf
(Foto: Jens Albes/dpa)

Leiter, Schnur und viel Herz: Eltern und Freunde wollen Prüflinge in Hessen mit Sprüchen und Zeichnungen motivieren. Seit wann es diesen kreativen Brauch gibt – und wie dieser bei Stress helfen kann.

Wiesbaden (dpa/lhe) - Mit Scheren und Schnüren rücken Eltern auf dem Pausenhof der Wiesbadener Gutenbergschule an. Bereitwillig verleiht der Hausmeister eine Leiter. Marmik Yedgarian lehnt sie an die Schulfassade und erklimmt sie, seine Frau Lorans hilft im Gebäude durch ein offenes Fenster. Weniger später ist das farbenfrohe Abiplakat befestigt: "Ab in die Prüfung, stabil bleiben, stark durchziehen, danach ab in den Erfolg". Neben dem Spruch zeigen gemalte Bilder unter anderem zwei Judokämpfer, eine Gitarre und ein Schachspiel. Sohn Julian Yedgarian (19) ist gerührt: "Das sind meine Hobbys. Ein gutes künstlerisches Plakat für mich."

Schon jetzt in den Osterschulferien finden sich bei Gymnasien in Hessen Sprüche, Zeichnungen und Fotos auf Stoff- und Kunststoffplanen. Anlass ist der landesweite Start der schriftlichen Abiturprüfungen am 15. April. Die Banner sollen die Prüflinge ganz persönlich motivieren.

"Mit Highspeed in die Zukunft"

Ein anderes Beispiel an der Gutenbergschule: ein Plakat, das Schülerin Annamarie als einstiges Kleinkind unterwegs auf einem Bobbycar zeigt. Daneben zu sehen ist ein Sportwagen mit der Jahreszahl 2026, ein vierblättriges Kleeblatt und die Botschaft: "Mit Highspeed in die Zukunft - wir drücken dir die Daumen, Annamarie!"

Die Familien und Freunde der hessischen Abiturientinnen und Abiturienten seien "sehr kreativ bei der Gestaltung der Wünsche und Motivations-Plakate zum Abitur", lobt das Bildungsministerium. Der bis in die Neunziger zurückreichende Brauch der Abschlussplakate zeige sich seit einigen Jahren auch bei den Abschlussprüfungen der Haupt-, Real- und Fachoberschulen.

Beim Abitur von Hessens Bildungsminister Armin Schwarz 1987 hat es also noch keine Motivationsplakate allerorten gegeben. Mit welchem Erfolg hat der CDU-Politiker es dennoch geschafft? Sein Ministerium teilt mit: "Die Note dürfen wir Ihnen verraten. Herr Schwarz hatte einen Abiturschnitt von 2,2."

Banner als emotionale Stütze in unsicherer Zeit

Auch Thilo Hartmann, Vorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW in Hessen, findet die Abibanner generell gut. Schulabschlussprüfungen seien "von Unsicherheiten und auch einem gewissen Druck geprägt", Wertschätzung und Unterstützung könnten Prüflinge da motivieren und beruhigen. "Familie und Freundeskreis sind, aller digitalen Einflüsse zum Trotz, die mit Abstand wichtigsten emotionalen Stützen für junge Menschen."

Auch Ingbritt Krambo freut sich an der Gutenbergschule über ihr Abiplakat. "Ready for take off", also "bereit zum Abflug" heißt es hier. "Ich will Flugbegleiterin werden", erklärt die 18-jährige Schülerin. Und "Lights will guide you" steht auf dem Abibanner – "Lichter werden dich leiten", ein Zitat des Songs "Fix You" der britischen Band Coldplay. "Diese Musik habe ich immer mit meinem Vater gehört", erzählt Ingbritt. Zahlreiche Abiplakate haben persönliche Anspielungen – nicht jeder kann sie verstehen.

Keine Anarchie bei Abiplakaten

Deutschland ist ein Land mit vielen Regeln, auch bei Abibannern. "Die Schulen legen genau fest, in welchem zeitlichen Rahmen die Plakate aufgehängt werden dürfen, und sie legen auch fest, an welchen Stellen die Familien und Freunde sie befestigen dürfen" – wie etwa an Zäunen, erläutert das hessische Bildungsministerium.

Das Ministerium berichtet auch von einer besonderen Aktion: "Ein junger Förster ist vor ein paar Jahren in einen Baum vor der Schule geklettert, um für seine Freundin ein Plakat in der Baumkrone aufzuhängen." Das Abitur wurde bestanden und heute seien die beiden verheiratet. "Aber bitte nicht nachmachen."

Werden Plakate zu professionell? GEW-Chef warnt

Einen bestimmten Trend sieht Gewerkschaftschef Hartmann aber kritisch. Zwar gebe es viele gelungene und kreative Plakate mit ironischen Bezügen zu aktuellen Themen oder dem Schulleben. "Gleichzeitig sehen wir eine wachsende Professionalisierung mit einem Hang zu einer gewissen Gigantomanie. Immer größere Plakate und häufig auch von spezialisierten Firmen angefertigte PVC-Drucke werden hergestellt", erklärt Hartmann.

Damit gehe auch ein "Run auf die besten Plätze" einher. "Das teure Plakat soll schließlich von allen gesehen werden", sagt der GEW-Chef. Schiebe sich ein "gewisses Geltungsbedürfnis der Eltern" in den Vordergrund, sei das problematisch. Schwierig wird es laut dem Gewerkschaftschef, wenn ein Plakat von Prüflingen als peinlich aufgefasst oder "zusätzlicher Druck aufgebaut wird".

Und wenn ein Abiturient kein Plakat bekommt?

Bedenklich findet Hartmann auch, dass Plakate für Abschlussprüfungen von Real- und Hauptschülerinnen und -schüler bislang weitaus seltener seien als an den Gymnasien. Das könne "als Ausdruck einer gesellschaftlich weniger starken Wertschätzung anderer Schulabschlüsse gewertet werden", befürchtet er.

Und der GEW-Chef sieht noch ein Problem: Nicht alle Prüflinge bekommen einen Plakatgruß von ihren Familien oder Freunden. "Neben der belastenden Prüfungssituation kann so ein erheblicher sozialer und emotionaler Druck entstehen, verstärkt durch das Gefühl, dies allein durchstehen zu müssen", mahnt Hartmann. Er rät: In den Schulen sollte diese Problematik vorab besprochen werden.

Quelle: dpa

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