HessenKirschbauern in Hessen kämpfen mit Kosten und Klimarisiken

Steigende Kosten, Extremwetter und Schädlinge: Hessens Kirschbauern stehen vor großen Herausforderungen.
Witzenhausen/Friedberg (dpa/lhe) - Die Kirschblüte in Hessen hat begonnen und verwandelt die Landschaft vielerorts in ein rosa und weißes Blütenmeer. Die Kirschbauern im Land stehen allerdings zunehmend unter Druck. Steigende Personalkosten, Extremwetter und Schädlinge stellen sie vor Herausforderungen.
Wo werden in Hessen Kirschen angebaut?
Auf rund 5.700 Hektar werden laut dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) in Deutschland Süßkirschen angebaut – etwa 238 Hektar davon liegen in Hessen. Zu den wichtigsten Anbauregionen im Land zählen die Gebiete rund um Witzenhausen im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis sowie Wiesbaden-Frauenstein und Friedberg-Ockstadt, das "Kirschendorf" in der Wetterau.
2025 fiel die Kirschernte in Hessen nach Angaben des LLH mit rund 4.300 Tonnen deutlich besser aus als im witterungsbedingt schwachen Vorjahr 2024. Damals wurden demnach nur rund 3.200 Tonnen geerntet.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Betriebe?
Steigende Kosten, der Klimawandel und Schädlinge setzen den heimischen Anbau unter Druck. "Eine große Herausforderung ist die verfrühte Kirschblüte", sagt Christian Dyroff aus dem Beratungsteam Gartenbau des LLH. In diesem Jahr etwa seien der Februar und März sehr mild gewesen, die Bäume hätten früher ausgetrieben. Seit Jahren beginne die Blüte immer früher. "Damit können Spätfröste, die noch stattfinden können, zu großen Ausfällen führen." Je weiter der Baum entwickelt sei, desto empfindlicher sei er bei Frost.
Zudem belaste der steigende Mindestlohn für die Saisonarbeitskräfte die Betriebe. "Bei der Kirschernte ist viel Handarbeit notwendig. Da spielt das eine große Rolle", erläutert Dyroff. Auch strengere Pflanzenschutzauflagen stellten die Betriebe vor Herausforderungen. Immer mehr Mittel würden nicht mehr zugelassen, dabei blieben die Qualitätsanforderungen aber gleich. "Das ist das Dilemma, das Obstbaubetriebe immer mehr spüren." Der LLH unterstützte sie dabei, Alternativen und andere Lösungsmöglichkeiten zu finden.
Die insgesamt steigenden Produktionskosten ließen sich nur selten an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergeben, bilanziert Dyroff.
Welche Folgen drohen dem heimischen Anbau?
"Ohne gezielte Beratung, passende Förderinstrumente und das Bewusstsein der Verbraucherinnen und Verbraucher für den Wert regionaler Kirschen droht insbesondere kleineren, familiengeführten Obstbaubetrieben mittelfristig der Rückzug aus dem Anbau – mit entsprechenden Folgen für Kulturlandschaft, Biodiversität und regionale Wertschöpfung", warnt der LHH. "Die Anzahl der Betriebe nimmt in Hessen und in ganz Deutschland ab", sagt Dyroff.
Auch der hessische Bauernverband betont, dass die genannten Herausforderungen dazu führen, dass sich immer weniger Betriebe für den Anbau von Kirschen entscheiden. "Was den Betrieben helfen würde, wäre ein klares Bekenntnis der Verbraucher zu deutschen beziehungsweise hessischen Kirschen an der Ladentheke sowie bessere politische Rahmenbedingungen", erklärt Sprecherin Marie-Claire von Spee.
Wie beurteilen die Betriebe selbst die Situation?
"Ich weiß nicht, wie lange wir das noch durchhalten", sagt Berit Diegmann. Die 50-Jährige führt gemeinsam mit ihrem Mann Markus den Obsthof Kiebe in Witzenhausen in dritter Generation. Der Familienbetrieb baut seit rund 70 Jahren Süßkirschen an - inzwischen als einziger Vollerwerbsbetrieb in der Anbauregion Witzenhausen. "Wir überlegen jedes Jahr, ob wir noch weitermachen oder nicht. Wir müssen ja auch immer wieder investieren". Aber das Herz hänge auch an dem Betrieb.
Hinter dem Hof liegen laut Diegmann viele schlechte Jahre mit Frostereignissen. Aufwand und Einnahmen stünden in keinem Verhältnis, sagt sie. "Wir behalten am Ende weniger als den Mindestlohn übrig." Zudem sei auch eine Kaufzurückhaltung bei den Konsumenten spürbar. "Wir konkurrieren mit günstigerem Obst aus dem Ausland im Discounter", erklärt Diegmann. Zwar gebe es nach wie vor Kunden, die regionale Kirschen bevorzugten und sich diese auch gönnten. "Aber die gekaufte Menge wird kleiner." In den kommenden Jahren werde der Preisdruck noch zunehmen, fürchtet sie.
Für die diesjährige Ernte sei noch keine Prognose möglich. "Das ist noch überhaupt nicht absehbar." Erst in der vergangenen Nacht habe es gefroren. Bis zur Ernte seien weitere Nachtfröste, aber auch Hagel und Starkregen möglich.
Ähnlich sieht die Situation im südhessischen Wetteraukreis aus. "Ob es wirtschaftlich sein wird, kann ich noch nicht sagen", sagt Steffen Rehde, der auf seinem Hof in Friedberg-Ockstadt auf rund acht Hektar Kirschen anbaut. Steigende Kosten für Treibstoff und Dünger sowie der immer höhere Mindestlohn seien die Probleme. Zudem habe es Nachtfrost gegeben. Was letzten Endes das Kilo Kirschen kosten werde und wie die Ernte ausfällt, sei noch ungewiss. "Ich hoffe, dass die Kunden den Aufwand würdigen werden."