HessenRekordsumme für Kindheitstraum: 11.110 Euro für Bajazz-Amt

Ein altes Ritual, ein neuer Rekord und ein Mann, der an Rosenmontag seinen Traum lebt: Wie Julian Herrmann zum Bajazz wurde und was den Herbsteiner Springerzug so besonders macht.
Herbstein (dpa/lhe) - Mit 11.000 Euro kann man auf Weltreise gehen. Oder sich einen ordentlichen Gebrauchtwagen leisten. Man kann sich aber auch einen Wunsch erfüllen, den man schon als kleiner Junge hatte. Genau das hat Julian Herrmann getan. Für die Rekordsumme von 11.110 Euro hat der 33-Jährige das ehrenvolle Amt ersteigert, in diesem Jahr am Rosenmontag als Bajazz den traditionellen Springerzug im Vogelsbergstädtchen Herbstein anzuführen.
"Das möchte ich einmal werden, wenn ich groß bin"
"Das war ein Kindheitstraum von mir. Ich habe den Bajazz das erste Mal im Kindergarten gesehen, so mit fünf oder sechs Jahren", erzählt er. "Das hat mich fasziniert. Von da an wusste ich: Das möchte ich einmal werden, wenn ich groß bin." Dass der Wunsch nun wahr wird, hat den Maschinenführer eine Menge Geld gekostet – und Nerven.
Die Versteigerung der Bajazz-Rolle Anfang Januar war ein Wettstreit, wie ihn die Herbsteiner selten erlebt haben. "Das ging über eineinhalb Stunden", erinnert sich Sitzungspräsident Marius Bettenbühl. Der 28-Jährige war 2023 selbst Bajazz. Für 6.660 Euro ersteigerte er damals das Ehrenamt. Damals ein Rekord – im Vergleich zum diesjährigen Auktionspreis aber geradezu ein Schnäppchen.
"Wie in einem Rausch"
Die Versteigerung wurde zu einem Duell zwischen Herrmann und einem anderen Bieter. Er habe während des Wettbietens alles um sich herum ausgeblendet - es habe nur ihn, seinen Mitbewerber und den Auktionator gegeben, erzählt der diesjährige Bajazz.
Eigentlich hatte sich der 33-Jährige vorher ein Limit bei 8.500 Euro gesetzt. "Aber wie das so ist, wenn man wie in einem Rausch ist: Da geht man auch leicht schon einmal darüber", grinst der Sieger.
"Es herrschte Totenstille zum Schluss", berichtet Bettenbühl, der wie viele andere Herbsteiner die Auktion mit wachsendem Staunen verfolgt hatte. "Wir waren noch nie fünfstellig. Das hat es vorher nie gegeben."
Auch die Mutter fieberte mit
Unverständnis im Freundes- oder Familienkreis, dass er so viel Geld ausgibt, um diesmal der Bajazz zu sein, hat Herrmann nicht erlebt. Manche meinten, die Summe sei etwas hoch gewesen. "Aber gefreut haben sie sich."
Mitgezittert hat auch Herrmanns Mutter. "Ihr war klar, dass ich es um jeden Preis mache und dass ich mich von nichts zurückhalten lasse", sagt der 33-Jährige lächelnd. Über die immer höheren Summen der Auktion war sie allerdings genauso verdutzt wie die anderen Zuschauer.
Geld fließt in Traditionspflege
Freude über die Rekordsumme herrscht auch bei Fastnachtsvereinigung Herbstein (FVH), in deren Kasse das Geld fließt. Mit dem Erlös kümmert sich der rührige Verein um die Pflege der weit über Hessens Grenzen hinaus einzigartigen Tradition. Das Geld werde unter anderem für die Anschaffung neuer Kostüme sowie für Änderungen und Ausbesserungen an bestehenden Kostümen ausgegeben, berichtet Bettenbühl.
Neben dem Outfit für den Bajazz sind das beispielsweise noch die spezielle Tracht der sechs männlichen Pärchen sowie die Kostüme des Erbsenstrohbärs und des Fruchtbarkeitsstorchs. Und natürlich sind da die immer größer werdenden Ausgaben für die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Rosenmontagszug, die die Fastnachtsvereinigung in Herbstein finanziell genauso belastet wie andere Karnevalsvereine in Deutschland.
Brauch stammt aus Tirol
Tiroler Steinmetze brachten den Sprungtanz im 17. Jahrhundert nach Herbstein, als sie Restaurationsarbeiten an der Stadtmauer ausführten. Wie unzählige Bajazze vor ihm wird Julian Herrmann am Rosenmontag in buntem Gewand, mit goldener Krone auf dem Kopf und Schellenstab in der Hand sich bei seinen Sprüngen in einer bestimmten Schrittfolge von Tausenden Zuschauern am Streckenrand anfeuern und bejubeln lassen.
Gute Kondition von Vorteil
Los geht der Rosenmontagszug wie eh und je um 10.11 Uhr mit dem Bajazz-Ruf: "Fertig Drei-Vier!" Rund vier Stunden dauert das Spektakel. Das sei auch eine Frage der Kondition, erklären der diesjährige und der frühere Bajazz übereinstimmend. Herrmann hat sich mit Laufen und Nordic Walking auf den anstrengenden Sprungtanz vorbereitet.
Außerdem gibt es vor dem Höhepunkt der Herbsteiner "Foaselt" an jedem Sonntag ein Übungsspringen. "Wir haben einen extra Sprungtanzmeister, der darauf achtet, dass die Schrittfolge, die ganze Choreographie synchron abläuft, dass jeder die gleiche Pose hat und der Arm an der richtigen Stelle ist", erklärt Bettenbühl. Das betrifft nicht nur den Bajazz als Anführer des Zuges, sondern auch die sechs Pärchen in seinem Gefolge, die unter anderem üben müssen, dass die Schirme richtig gehalten werden und die Drehungen sitzen.
Durchatmen beim "Aufspielen"
Damit das alles am Rosenmontag nicht allzu anstrengend wird und die Sprungtänzer nicht zusammenklappen, stoppt der Zug immer wieder bei verschiedenen Geschäftsleuten an der Zugstrecke. Beim sogenannten Aufspielen werden sie nach altem Brauch um eine kleine Spende gebeten. Im Gegenzug lässt der Bajazz den Spender und die Spenderin hochleben und lädt sie zum anschließenden Rosenmontagsball ein.
"Hochachtung vor unserer Tradition"
Nachwuchsprobleme kennt die FVH nicht. "Viele Jugendliche haben Interesse am Springerzug. Und sie haben Hochachtung vor unserer Tradition", betont Bettenbühl. "Nur wenn man mit ein bisschen Respekt an die Sache herangeht, funktioniert das." Auch für Neulinge, die noch nie an dem Sprungtanz teilgenommen haben, gelten Benimmregeln: "Sobald man ein Kostüm anhat, repräsentiert man den Verein."
Keine Chance für Frauen
Frauen haben allerdings keine Chancen, einmal Bajazz oder Teil eines der Pärchen zu werden. Auch die Frauen in den Pärchen werden seit Alters her von Männern dargestellt. Im Ort gebe es natürlich Frauen, die diesen allein auf Männer ausgerichteten Brauch schon einmal infrage gestellt hätten, erzählt Bettenbühl. "Aber das ist nicht möglich. Es steht schon in der Satzung, dass wir die Tradition zu wahren haben." Für Mädchen und Frauen führt der Karriereweg in der Herbsteiner Fastnacht durch die in verschiedenen Garden.
Hoffen auf gutes Rosenmontagswetter
Für Rosenmontag hat der Bajazz einen großen Wunsch: gutes Wetter. Es sollte am Höhepunkt der "Foaselt" möglichst so sonnig und trocken sein, wie es so oft in den vergangenen Jahren war. "Wenn ein bisschen Schnee dabei ist, ist das auch okay, aber Regen wäre das Schlechteste, was passieren könnte", sagt Bajazz Julian. Aber was ist, wenn es doch regnet? "Auch dann wird gesprungen."