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HessenWas passiert mit unbegleiteten Minderjährigen?

09.03.2026, 04:03 Uhr
Das-Valentin-Senger-Haus-ist-die-letzte-verbliebene-Erstaufnahmeeinrichtung-fuer-unbegleitete-Minderjaehrige-in-Frankfurt

Immer weniger junge Flüchtlinge kommen ohne Eltern nach Hessen. Das Valentin-Senger-Haus in Frankfurt ist für viele "der erste sichere Ort". Hier entscheiden sich Schicksale - unter Zeitdruck.

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - "Wie heißt Du?" und "Woher kommst Du?" – sechs junge Menschen sitzen an diesem Morgen im Deutschunterricht von Habib Bashiri im Aufnahmeheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Frankfurt. Was sie gemeinsam haben: Sie sind unter 18 und ohne Eltern eingereist. Was sie nicht gemeinsam haben: eine Sprache, um zusammen Deutsch zu lernen. Sie sind aufgewachsen mit Dari, Paschtu, Amharisch, Somali, Urdu und Ukrainisch.

Das Valentin-Senger-Haus ist die letzte verbliebenen Inobhutnahme-Einrichtung für unbegleitete Minderjährige (UMA) in Frankfurt und die älteste in Hessen. Die Zahl der jungen Menschen, die hier Zuflucht finden, sinken seit Jahren: Nur noch 430 unbegleitete Minderjährige kamen laut Sozialdezernat 2025 in Frankfurt an. 2024 waren es noch 685 gewesen, 2023 sogar 1.271.

Aktuell wohnen 20 junge Menschen in der Unterkunft, die die Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Stadtteil Unterliederbach betreibt. Wer nicht im Deutschunterricht sitzt, hat Termine beim Arzt oder bei Ämtern. "Wir sind der erste sichere Ort, den sie in Deutschland haben", sagt Einrichtungsleiterin Franziska Görge-Stöcker.

Aber es ist auch eine Durchgangsstation: Nach spätestens vier Wochen wird entschieden, wie es mit den Jugendlichen weitergeht, so schreibt es seit 2015 das Gesetz vor. Zu dieser Zeit lebten rund 180 Jugendliche im Valentin-Senger-Haus und diversen Außenstellen, die inzwischen alle geschlossen sind. Journalisten dürfen mit den Jugendlichen nicht sprechen - ihr Schutz habe Priorität.

Belastend, ermutigend, frustrierend

Was wird aus diesen jungen Menschen? Das wissen Karin Voßmann und Heike Renker, die sich beim Jugend- und Sozialamt in Frankfurt um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmern. Ihre Geschichten sind teils sehr belastend, oft ermutigend, aber manchmal auch frustrierend, wie die beiden Teamleiterinnen berichten.

Sie sind bei ihrer Arbeit dicht dran an den Krisen der Welt: Afghanistan, Syrien, Ukraine, Somalia, Nordafrika - aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge in der Unterkunft kann man ablesen, wo es gerade brennt.

Der Idealfall verläuft wie bei einem jungen Afghanen, der früher in der Unterkunft lebte und nicht namentlich genannt werden soll. Renker schildet, wie sie seine Geschichte erlebt hat. Der Junge kam mit 15 alleine nach Frankfurt. Er berichtete, seine Eltern seien vor seinen Augen erschossen worden. Heute mache er eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker im Sanitärbereich und lebe in einer eigenen Wohnung.

Anfangs sei es ihm psychisch sehr schlecht gegangen, berichtet Renker. "Seine Ängste waren so stark, dass er sich nicht vor die Tür traute. Aber er war bereit, Hilfe anzunehmen." Mit Hilfe von Medikamenten, Therapie, einem Onkel und den seinen Betreuern schaffte er nach einem Sprachkurs erst den Hauptschul- und dann den Realschulabschluss.

75 Prozent der ehemaligen Bewohner finden Arbeit

Vereinzelt gebe es aber auch Gegenbeispiele – Jugendliche, die immer wieder straffällig werden. Banden setzten sie teilweise gezielt ein, weil sie noch nicht strafmündig seien, berichtet Voßmann. "Die kommen hier an und stehen am nächsten Tag im Bahnhofsviertel", sagt sie. Diebstahl, Einbruch, Drogen "und am Ende sitzen sie in Untersuchungshaft".

Dass diese kleine Gruppe das öffentliche Bild beherrscht, bedauern die Teamleiterinnen, denn diese sei nicht die Regel. 75 Prozent der ehemaligen unbegleiteten Minderjährigen haben eine Arbeit, machen eine Ausbildung oder besuchen eine Schule, wenn sie altersbedingt aus der Jugendhilfe ausscheiden, so Voßmann. Nur ein Viertel sei danach auf Sozial- oder Asylbewerberleistungen angewiesen.

Dass es im Valentin-Senger-Haus zu Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern kommt, sei die absolute Ausnahme, sagt Einrichtungsleiterin Görge-Stöcker. "Die meisten sind sehr dankbar, hier zu sein."

Nur wenigen Mädchen gelingt die Flucht

Die Jugendlichen kommen überwiegend aus Afghanistan und Syrien, den Maghreb-Staaten und Somalia. Mädchen unter ihnen gebe es selten. Die meisten schafften es nicht aus dem Land und wenn doch, seien ihre Berichte oft "unerträglich", sagt Voßmann. Eine besondere Gruppe seien junge Ukrainer: "Die werden mit allen Papieren von ihren Müttern hergebracht, damit sie nicht an die Front müssen".

Die unbegleiteten Minderjährigen kämen allerdings ohne Papiere, erklärt Voßmann. Entweder, weil sie diese den Schleusern geben mussten, oder weil sie sich bewusst jünger ausgeben, um in der Jugendhilfe bessere Chancen zu haben. Punkt eins beim Erstgespräch im Frankfurter Jugend- und Sozialamt ist daher, abzuschätzen, ob die Neuankömmlinge tatsächlich minderjährig sind.

Ferner wird geklärt, ob die Fluchtgeschichte glaubhaft ist, ob die Jugendlichen unter Krankheiten leiden und welche Schulbildung sie haben. Vor allem geht es aber darum, ob in Deutschland Familienangehörige leben. Nur, wer in Frankfurt enge Verwandte habe, dürfe in der Stadt bleiben, berichtet Voßmann. Dann ziehen sie aus dem Valentin-Senger-Haus aus und kommen in eine Jugendhilfeeinrichtung, wo sie längerfristig bleiben können. Die anderen werden im Bundesgebiet weiterverteilt.

Die 20 pädagogischen Mitarbeiter des Valentin-Senger-Hauses erfahren meist nicht, wie es mit den ehemaligen Bewohnern weitergeht. Einmal allerdings, berichtet Einrichtungsleiterin Görge-Stöcker, kam für einen Jungen im Rollstuhl eine Pflegekraft ins Haus – die rund 15 Jahre zuvor selbst hier gewohnt hatte.

Quelle: dpa

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