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Mecklenburg-VorpommernPer Kamera dem Darmkrebs auf der Spur - schon vor Entstehung

22.03.2026, 05:31 Uhr
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Darmkrebs verursacht vergleichsweise viele Todesfälle. Dabei ist die Vorsorge laut einer neuen Studie hochwirksam. Ein Chefarzt zeigt, wie es geht und gibt ungewöhnliche Einblicke.

Stralsund (dpa/mv) - "Wir sind jetzt hier erstmal am Ziel angelangt", sagt Stefan Ziemer, während er auf einen Bildschirm im Behandlungszimmer schaut. Am Übergang von Dick- zum Dünndarm angekommen, zieht der Mediziner langsam sein 1,40 Meter langes Endoskop wieder zurück und beginnt die eigentliche Untersuchung. Die Kamera zeigt eine Art rötlichen Tunnel, Blutgefäße, Verengungen und Ausbuchtungen. Nach weniger als einer halben Stunde ist die Reise durch den Dickdarm von German Horn vorbei. Das Ergebnis: keine Anzeichen für Darmkrebs oder mögliche Vorstufen.

"Viel zu kurz" sei die Untersuchung gewesen, scherzt Horn wenig später nach dem Aufwachen. Er habe überhaupt nichts mitbekommen und von einer bevorstehenden Reise nach Argentinien geträumt. Er ist Ziemers Chef und führt eigentlich selbst Darmspiegelungen durch. Doch nun liegt der Chefarzt der Gastroenterologie am Helios Hanseklinikum Stralsund selbst im Behandlungszimmer.

Er sei vergangenen August 50 geworden und habe sich gedacht: "Was soll es? Ja, jetzt lass' Dich selber koloskopieren." Seit April vergangenen Jahres können sowohl Männer als auch Frauen ab 50 zur Darmkrebsvorsorge im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung eine Darmspiegelung machen lassen und im Falle eines negativen Befundes zehn Jahre später eine zweite.

Krebsart mit zweithäufigsten Todesfällen

"Darmkrebs ist die Krebsart mit den zweithäufigsten Todesfällen deutschlandweit sowie weltweit", sagt Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). "Wir haben immer noch etwa 23.000 Todesfälle wegen Darmkrebs pro Jahr in Deutschland. Das sind fast zehnmal so viele wie Todesfälle durch Verkehrsunfälle."

Laut Schweriner Gesundheitsministerium leben aktuell in Mecklenburg-Vorpommern etwa 7.550 Menschen mit der Diagnose. Jedes Jahr kämen rund 1.200 Neuerkrankungen dazu, obwohl sich kaum eine andere bösartige Tumorerkrankung so sicher im frühen Stadium erkennen und behandeln ließe.

Der Stralsunder Wolf-Rüdiger erhielt seine Diagnose 2021, kurz nachdem er nach 49 Jahren Berufstätigkeit die Arbeit hinter sich gelassen hatte. Er habe Schmerzen gehabt und gedacht, er habe Hämorrhoiden. "Dann kam die Diagnose: Darmkrebs", erinnert sich der ehemalige Elektromonteur. "Hat man eine Chance zum Überleben? Das war die erste Frage." Für seine Frau sei es besonders schlimm gewesen.

Ehemaliger Krebspatient rät zur Vorsorge

Der heute 71-Jährige wurde operiert und erhielt Chemotherapien. Wegen letzterer fehle es seinen Händen und Füßen teils an Gefühl. "Das wird sich auch nicht mehr ändern." Krebs oder Auffälligkeiten im Darm seien bei ihm zuletzt aber nicht mehr festgestellt worden. Mögliche Vorsorgeuntersuchungen habe er seinerzeit vor sich hergeschoben. Heute sagt er: "Man sollte hingehen."

Horn erklärt die Besonderheit der Darmkrebsvorsorge: Bei der Krebsfrüherkennung suche man einen Tumor im frühen Stadium. Bei Darmkrebs setze man noch früher an. "Wir machen uns auf die Suche nach Polypen, und Polypen sind die Vorgänger von Darmkrebs."

Brenner sagt: "Wir haben ja schon viel erreicht die letzten 20 bis 30 Jahre. Die Sterberate an Darmkrebs ist heute um über 40 Prozent niedriger als noch zu Beginn des Jahrtausends." Vorsorge habe einen "ganz großen Anteil" daran.

Vorsorge laut Studie hochwirksam

Risikofaktoren seien etwa familiäre Veranlagung. Aber auch Rauchen, Übergewicht und Fettleibigkeit oder ein hoher Konsum roten Fleisches könnten Darmkrebs begünstigen. Eine neue wissenschaftliche Arbeit lege auch nahe, dass möglicherweise auch stark verarbeitete Fertignahrungsmittel eine Rolle spielen könnten. "Da gibt es aber noch nicht viele Studien dazu."

Einer Anfang des Jahres veröffentlichten Studie zufolge können regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen teils mehr als 80 Prozent der Darmkrebs-Sterbefälle verhindern. Es handelt sich dabei um eine Simulationsstudie, zu deren Autoren auch Brenner zählt. Die Berechnung erfolgte für 100.000 Männer und 100.000 Frauen im Alter von 50 Jahren und simulierte deren Risiko, bis zum Alter von 85 Jahren an Darmkrebs zu erkranken beziehungsweise zu sterben. Das Rechenmodell basierte laut Brenner auf realen Daten etwa zur Häufigkeit positiver Befunde oder zur Wirksamkeit von Eingriffen.

Wünsche nach Untersuchung: Espresso und Schokolade

Berechnet wurde nicht nur die Wirksamkeit von Vorsorgekoloskopien, sondern auch bestimmter Stuhlbluttests. Diesen können Frauen und Männer ab 50 als Kassenleistung alle zwei Jahre machen lassen - meist als Alternative zu den Koloskopien. Ein solcher Test kontrolliert, ob sich nicht sichtbares Blut im Stuhl befindet. Laut der Simulationsstudie reduziert eine Kombination von Koloskopien mit Stuhlbluttest die Darmkrebssterbefälle noch stärker, nämlich um 89 Prozent.

Die Schweriner Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) sagt: "Eine Vorsorgeuntersuchung ist nicht sonderlich angenehm." Aber sie sei weniger schmerzhaft oder angsterfüllend als eine Krebsbehandlung.

Horn konnte noch kurz vor seiner Darmspiegelung arbeiten. Allerdings durfte er seit dem Vorabend nur noch bestimmte Getränke zu sich nehmen, nichts mehr essen und nahm ein Mittel zur Spülung seines Darms. Nach der Untersuchung hat er daher vor allem zwei Wünsche: "Einen Espresso und eine Tafel Schokolade."

Quelle: dpa

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