Niedersachsen & BremenEiertausch mit Wirkung - was Städte für und gegen Tauben tun

Es geht um Gipseier und das Leid verwilderter Haustiere. Immer mehr Städte in Niedersachsen und Bremen setzen große Hoffnungen in betreute Taubenschläge. Funktioniert das Konzept?
Hannover/Bremen (dpa/lni) - Ihr Zuhause ist ein grauer Container hoch oben auf dem Dach eines Parkhauses. Dort starten die Tauben ihre Rundflüge über die Bremer Innenstadt, bekommen gesunde Körner und sauberes Wasser. Ihre Eier legen sie in eine Art Regal mit rund 100 Brutplätzen. Dass Menschen die Eier gegen Gipsattrappen austauschen, merken die Vögel in der Regel nicht.
Der graue Container auf dem Dach des Bremer Parkhauses ist ein betreutes Taubenhaus - und immer mehr Städte setzen auf solche Angebote. Jüngst wurde das erste Taubenhaus in der Oldenburger Innenstadt auf dem Dach eines Gebäudes eingerichtet. "Durch kontrollierte Fütterung und den Austausch von Eiern kann die Taubenpopulation langfristig auf schonende Weise reguliert und die Verschmutzung in der Innenstadt reduziert werden", teilt eine Stadtsprecherin mit.
Tierschützerinnen tauschen Tausende Eier aus
Auch das niedersächsische Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz ist vom Erfolg dieser Taubenhäuser überzeugt. Selbst wenn nur ein Prozent der Gesamtzahl der Tauben in einer Stadt an einen solchen betreuten Schlag gebunden sei, zeige sich eine positive Wirkung, erklärt eine Sprecherin.
Je nach Größe der Stadttaubenpopulation werden mancherorts inzwischen Tausende Eier pro Jahr ausgetauscht. Und das Interesse an solchen Taubenschlägen wachse von Jahr zu Jahr. Neben dem Eiertausch sehen Behörden in Niedersachsen und Bremen noch weitere Vorteile: Der Taubenkot kann gesammelt und fachgerecht entsorgt, der Gesundheitszustand der Tiere kontrolliert werden.
Wer kümmert sich um die Tauben?
Um ein Taubenhaus zu betreiben, arbeiten die Behörden meist mit Tierschutzvereinen zusammen. Die Kommunen tragen den Großteil der Kosten, Vereinsmitglieder betreuen die Taubenschläge. In Bremen kümmert sich ein Taubenwart auf Minijobbasis um das erste Taubenhaus, der Verein übernimmt als Projektträger Verwaltungsaufgaben. Zudem schauen Ehrenamtliche nach dem Wohl der Tiere, die täglich versorgt werden. "Wir möchten den Tieren helfen und möchten auch, dass es weniger werden", sagt die Vorsitzende des Vereins Bremer Taubenhaus, Perdita Goltz.
Wenn Karola Bultmann das Taubenhaus mit Blick über die Bremer Innenstadt betritt, bleiben die Vögel ruhig. Die 60-Jährige prüft, ob alle Tauben gesund sind, gibt ihnen frisches Wasser und neue Körner. Dann schaut sie in die Nester. "Es sind immer zwei Eier, die die Tauben legen", sagt sie. "Wenn da zwei frisch gelegte sind, dann tausche ich die aus gegen unsere Gipseier." Auf diesen sind kleine Kreuze gemalt, denn sie sehen täuschend echt aus.
Rund 100 Tauben leben inzwischen in Bremens erstem Taubenhaus. Nach dem Start im Jahr 2024 dauerte es einige Monate, bis die Vögel das speziell eingerichtete Gartenhaus als ihr Zuhause akzeptierten. Die Zahl der entnommenen Eier notieren der Taubenwart Bernhard Kraft und die Ehrenamtlichen genau. Rund 150 Eier sind es bislang, die Zahl steigt.
Wie teuer ist ein betreuter Taubenschlag?
Der Betrieb eines städtischen Taubenhauses kostet in Bremen rund 1.000 Euro im Monat, wie die Sprecherin des Umweltressorts mitteilt. Darin enthalten sind Miete, eine Aufwandsentschädigung für die Betreuung, Futter- und Ausstattungskosten.
Auch in Niedersachsen unterstützt der Staat Taubenhäuser finanziell. So stellt das Land für die Errichtung jährlich Gelder zur Verfügung. "Derzeit kann ein Antrag jeweils mit maximal 15.000 Euro gefördert werden", teilt eine Ministeriumssprecherin mit. Die Kosten für den Betrieb übernehmen in vielen Fällen die Kommunen. So gibt es in Hannover aktuell fünf Taubenhäuser, die von der Landeshauptstadt aufgestellt wurden und vom Verein Netzwerk Taubenrettung betreut werden, wie ein Sprecher mitteilt. Die Stadt bezahlt das Futter sowie eine Aufwandsentschädigung für die Betreuung.
Warum brauchen Stadttauben Hilfe?
Tierschutzvereine verweisen auf den erbärmlichen Zustand vieler Tauben. Da die Vögel kaum artgerechtes Futter finden, sind viele unterernährt und krank. "Sie suchen die menschliche Nähe, weil es ursprünglich Haustiere gewesen sind", erklärt die Bremer Taubenschützerin Goltz.
Stadttauben stammen von Haus-, Brief- und Rassetauben ab, die Menschen züchteten - mit Fokus auf Standorttreue, viel Nachwuchs und wenig Scheu vor Menschen. Zu einer Zeit, als die Taube als Fleischlieferant wertvoll war, habe der Mensch ihr einen Brutzwang angezüchtet, berichtet die 67-Jährige. "Deswegen legen sie im Gegensatz zu anderen Vögeln jetzt sieben bis achtmal Eier im Jahr, immer zwei."
Für Karola Bultmann, die ehrenamtlich verletzte und kranke Tauben pflegt, sind Tauben besondere Vögel. Spannend findet sie zum Beispiel, dass sich Paare gemeinsam um den Nachwuchs kümmern. "Es sitzen sowohl die weibliche als auch die männliche Taube auf den Eiern und wenn die Küken da sind, füttern beide", sagt sie. Als sie vor rund zehn Jahren erfuhr, dass Tauben eigentlich heimatlose Haustiere und oft krank sind, erschrak sie. Seitdem setzt sie sich für die Vögel ein. "Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr Liebe habe ich für diese Tiere entwickelt."
Dass es in Bremen den ersten betreuten Taubenschlag gibt und drei weitere städtische Taubenhäuser eröffnet werden sollen, freut Bultmann und Goltz sehr. Ihnen zufolge sind Taubenhäuser für alle gut - für Menschen, die Tauben mögen und für Menschen, die sich an ihnen und ihren Hinterlassenschaften stören. Die Tiere selbst profitierten auch von der steigenden Nachfrage nach betreuten Taubenschlägen: Mehr und mehr Tauben in Niedersachsen und Bremen bekommen ein sicheres Zuhause mit artgerechtem Futter.