Niedersachsen & BremenPatientenmörder: Auf der Intensivstation gab es Misstrauen

Oldenburg (dpa/lni) - Auf der Intensivstation im Oldenburger Klinikum herrschte zum Zeitpunkt der Morde des verurteilten Ex-Pflegers Niels Högel eine Atmosphäre des allgemeinen Misstrauens und der Verunsicherung. Der 45-Jährige verwies am Freitag als Zeuge im Prozess gegen Ex-Vorgesetzte auf Schuldzuweisungen und Anweisungen von Ärzten. In einem Fall habe ein Arzt ihm gesagt, dass auf der Intensivstation Dinge passierten, die er sich bald nicht mehr erklären könne.
Der Arzt habe auch zu Überraschung der Pfleger bei einer Krisensituation mit einem Patienten den sofortigen Austausch alle sogenannten Perfusorspritzen und die Lagerung der alten angeordnet. Högel ermordete auf der Station zahlreiche wehrlose Patienten, indem er ihnen nicht verordnete Medikamente mit Spritzen injizierte.
Er ließ sich im Dezember 2001 intern auf die Anästhesiestation versetzen, wobei eine Pflegerin, mit der auch zuvor eine Beziehung hatte, ihm ein gutes Zeugnis ausstellte. Darin attestierte sie ihm eine hohe Einsatzbereitschaft und einen einfühlsamen und fürsorglichen Umgang mit Patienten. Ihm wurde später auch ein gutes Zeugnis zum Wechsel aus der Klinik ausgestellt.
Auf der Anklagebank sitzen drei Ärzte, drei leitende Pflegerinnen und Pfleger und einen Ex-Klinik-Geschäftsführer der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst. Das Oldenburger Landgericht will klären, ob die Ex-Vorgesetzten gegebenenfalls eine Mitschuld durch Unterlassen trifft.
Ihnen wird in unterschiedlichem Umfang Beihilfe zum Totschlag beziehungsweise versuchten Totschlag jeweils durch Unterlassen vorgeworfen. Högel mordete in der Zeit von 2000 bis 2005 in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst und wurde 2019 wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.