Nordrhein-Westfalen"Grüße aus dem Kanzlerdorf": Ort zwischen Alltag und Stolz

Hier feiert man das wohl sicherste Schützenfest Deutschlands - und hat doch ganz andere Probleme: Wie ein Dorf im Sauerland mit dem Kanzler als Nachbarn umgeht.
Arnsberg (dpa/lnw) - Bevor sie vor mehr als 100 Jahren niederbrannte, stand im Dorf Niedereimer eine der dicksten Eichen Deutschlands. König Friedrich Wilhelm IV. und sein Bruder, der spätere erste deutsche Kaiser, machten dem Koloss mit einem Stammesumfang von neun Metern die Aufwartung, erzählt Ortsheimatpfleger Detlev Becker.
Seit einem Jahr der Bundestag neu gewählt wurde, hat die kleine Gemeinde Niedereimer im Sauerland ein neues Alleinstellungsmerkmal: Es ist das Kanzlerdorf.
Knapp 8.000 Einwohner und ein Kanzler
Friedrich Merz und seine Ehefrau Charlotte sind zwei der 1.795 Einwohner des Ortsteils von Arnsberg im Sauerland. Wer aus Niedereimer kommt, ist stolz darauf - und das nicht erst seit sich das Dorf mit der Bundestagswahl vor knapp einem Jahr gewissermaßen den Regierungschef stellt, erzählen Bewohner bei einem Treffen mit der Deutschen Presse-Agentur.
Noch bevor man fragen kann, wie es das Dorfleben wohl verändert hat, wollen sie mitteilen, was ihr Niedereimer zu bieten hat: An der zentralen Dorfstraße, die – kein Scherz – Friedrichshöhe heißt, liegt mit einer achteckigen Bruchsteinkirche ein architektonisches Juwel. Das Vereinsleben ist rege: Feuerwehr, Sport- und Musikverein, Jugendraum und selbstverständlich die Stephanus-Schützen.
Beflaggung zum Schützenfest gehört dazu
Es gibt Straßen, da steht vor jedem zweiten Haus eine Fahnenstange – zum Schützenfest weht dann die Dorffahne mit weißer Eiche auf blauem Grund. Auch Friedrich Merz habe eine, verrät Jürgen Sölken, Musikvereins Urgestein und Anwohner derselben Straße wie Merz: "Da haben wir auch schon mal dafür gesorgt, dass da zum Schützenfest geflaggt ist. Er ist ja viel unterwegs."
Bilder der Schützenhalle – außen schmucklos, innen heimatverbunden – gingen vor einem Jahr um die Welt, als Friedrich Merz dort seine Stimme für die Bundestagswahl abgab – der Rest ist Dorfgeschichte.
Die Aufregung von damals, was Medieninteresse, Sicherheitsauflagen und Polizeipräsenz für das Dorf bedeuten würden, habe sich gelegt, sagt Schützenhauptmann Holger Weber. "Das ist zur Normalität geworden."
"Sicherstes Dorf Deutschlands"
Wie viele Kräfte hier eingesetzt sind, verrät die Polizei nicht. Nur soviel: "Wir haben sowohl sichtbare als auch unsichtbare Maßnahmen", sagt ein Polizeisprecher. Das Haus des Kanzlers ist bewacht, Streifen fahren regelmäßig durch das Dorf, Lichtmasten der Polizei sorgen nachts für Helligkeit, wie die Dorfbewohner berichten. "Das ist für viele prima zum Gassigehen", sagt Dietmar Eickhoff vom Schützenverein.
Auch in der Nachbarschaft hat man seinen Frieden mit den Einsatzkräften gemacht: Er habe mal auf dem Balkon eine Flasche Bier mit Bügelverschluss ploppen lassen, erzählt Anwohner Sölken. "Da waren die aber wach", sagt er und grinst.
Ernster diskutiert wurde da schon die Frage, ob das Schützenfest ohne Einschränkungen stattfinden könne – mit Vogelschießen und Festumzug am Haus des Kanzlers vorbei. "Wir waren eng im Austausch mit den Sicherheitsbehörden, am Ende waren alle zufrieden", berichtet Weber.
Merz selbst besuchte im Sommer das Fest – schüttelte Hände, trank ein Bierchen, hielt ein Grußwort, bevor er wieder verschwand: Für den Satz "Niedereimer ist seit einigen Wochen das sicherste Dorf in ganz Deutschland" erntete er viele Lacher. Noch gelacht, wurde bei Merz' augenzwinkernd vorgetragener Bitte, die Schützen mögen beim Vogelschießen in der Nähe seines Hauses nicht daneben zielen.
Abschiedsfoto mit Kanzler für den Postboten
Die Männer aus Dorf schwanken bei all ihren Geschichten stets ein wenig zwischen Bescheidenheit und Stolz. Immerhin ist man nun das Kanzlerdorf. Die Bezeichnung haben sie sich gerne zu eigen gemacht: Der Arbeitskreis Dorfgeschichte und -entwicklung hat sogar eine eigene Postkarte aufgelegt: "Grüße aus dem Kanzlerdorf" ist darauf zu lesen. Daneben die Sehenswürdigkeiten auf Dorfpanorama: Die dicke Eiche, das Dorfwappen, die Kirche – und der Kanzler natürlich.
Dass dieser aus dem Sauerland komme, habe sicherlich den Tourismus in der gesamten Region beflügelt, glaubt Feuerwehrsprecher Markus Schneider. Immer wieder verirre sich auch der ein oder andere Radtourist vom Ruhrtalradweg hinauf ins Dorf. "Wenn die nach dem Kanzlerhaus fragen, schicke ich sie immer in die andere Richtung", sagt Scherzkeks Sölken. Sogar Anfragen von Reisebussen habe es gegeben, berichtet ein anderer. Dem schob man aber einen Riegel vor: Die Straße vor dem Kanzlerhaus ist nur noch für Anlieger freigegeben.
Diskretion sei oberstes Gebot – erst recht für ihn als ehemaligen Postzusteller, betont Ortsheimatpfleger Becker. "Ich würde niemandem, der fragt, sagen, wo hier der Kanzler wohnt." Dabei weiß er genau Bescheid: "Ich durfte ihm die Post bringen", sagt er und zeigt grinsend auf seinem Handybildschirm ein Foto, das ihn in Botenuniform neben dem Kanzler zeigt. Das sei entstanden, als er sich an seinem letzten Arbeitstag verabschiedete – natürlich in Absprache mit Merz und den Sicherheitsleuten.
Normaler Mensch, normales Dorf
Mitglied im Schützenverein sei Merz, seit er hier in seinen Wahlkreis zog, und auch Familienvater, in dessen Garten einst die Freundinnen seiner Töchter zelteten, wie ein anderer zu berichten weiß. Manchmal sehe man ihn mit dem Rad zum Bäcker radeln. "Er ist ein ganz normaler Mensch", betont Becker.
Ebenso wie Niedereimer ein ganz normales Dorf sei – mit ganz normalen Problemen. Die Frage etwa, ob die Dorfkirche aller Sparmaßnahmen im Bistum zum Trotz als Gotteshaus erhalten bleibe, sei für die Bewohner zur Zeit wichtiger als den Kanzler zu beheimaten. Bei einer solchen Herausforderung helfe nur dörfliches Engagement. "Kanzlerbonus? Den gibts da nicht", sagt Becker.