Regionalnachrichten

Nordrhein-WestfalenWas die größten Gefahren durch Linksextremisten in NRW sind

25.02.2026, 14:54 Uhr
Nordrhein-Westfalens-Innenminister-Herbert-Reul-warnt-vor-harmlos-verpackten-Lockrufen-der-linksextremistischen-Szene

Mehr als doppelt so viele linksextremistisch motivierte Straftaten, Sabotage an Bahngleisen und riskante Lifestyle-Lockrufe an die Jugend: Was das neue Lagebild für NRW enthüllt.

Düsseldorf (dpa/lnw) - Linksextremistisch motivierte Straftaten haben sich nach vorläufigen Zahlen der Polizei in Nordrhein-Westfalen von 2024 auf 2025 mehr als verdoppelt. "Die Gewaltbereitschaft im Linksextremismus hat deutlich zugenommen", berichtete NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in Düsseldorf. "Die Taten werden brutaler, professioneller, persönlicher."

Gemeinsam mit dem Leiter des Landesverfassungsschutzes, Jürgen Kayser, stellte er ein aktuelles Lagebild zum Linksextremismus vor und berichtete über Gefahren, Sabotage-Akte und die Schwelle zum Terrorismus.

Welche Ziele verfolgen Linksextremisten?

Laut Lagebild wollen sie die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik durch eine herrschaftsfreie Staats- und Gesellschaftsordnung ersetzen. In Reuls Worten: "Linksextremisten wollen nicht an ein paar Schrauben drehen, sie wollen die ganze Maschine austauschen." Das sei eine ernsthafte Gefahr.

Wie viele Aktivisten sind dem Spektrum zuzurechnen?

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes ist die Zahl der Leute, die dem linksextremistischen Spektrum in NRW zuzurechnen ist, binnen eines Jahres um mehr als 300 auf 3.335 gestiegen. Dieser Aufwuchs sei vor allem im Bereich kommunistischer Kader und Jugendgruppen zu beobachten.

Wie entwickelt sich die Zahl der Straftaten?

Nach derzeitigem Stand zählte die Polizei im vergangenen Jahr 2.418 Straftaten - im Vergleich zu 1.187 Straftaten ein Jahr zuvor. Die Zahl der Gewaltdelikte durch politisch links motivierte Tatverdächtige stieg um 78 Prozent auf 153 Delikte, die Zahl der Körperverletzungsdelikte sogar um 93 Prozent auf 83 Delikte.

Einen gewaltigen Anstieg gab es laut vorläufiger Polizei-Statistik zudem bei Sachbeschädigungen von mutmaßlichen Linksextremisten: Hier wuchsen die Fallzahlen im Jahresverlauf um 143 Prozent auf 1.190. Die finalen Ergebnisse werden nächsten Monat mit dem neuen Verfassungsschutzbericht vorgelegt.

Was sind die kriminalistischen Schwerpunkte?

Landes- wie bundesweit machten Linksextremisten in letzter Zeit vor allem mit Angriffen beziehungsweise Sabotage-Akte auf die kritische Infrastruktur auf sich aufmerksam. In diesem Kontext hätten sich gefährliche Eingriffe in den Bahnverkehr allein in NRW auf sechs Fälle verdreifacht, bilanzierte Reul.

Dazu gehörten unter anderem ein Brandanschlag auf die Bahnstrecke Duisburg-Düsseldorf Ende Juli 2025 sowie eine Serie von Brandanschlägen auf drei Funkmasten in Langenfeld, Erkrath und Hilden im Mai 2025.

Gibt es akute Gefahren für die Bevölkerung?

Zwar sei Ende des Jahres ein Anschlag gegen ein Umspannwerk in Erkrath gescheitert, schilderte Reul Erkenntnisse des Staatsschutzes. "Aber mit einem intakten Brandsatz an den beiden Trafos hätten zwei Stadtteile samt Industriegebiet im Dunkeln liegen können."

Wer sind die Opfer?

Alle. "Das sind Angriffe auf Strom, Bahn, Energie - also auf das, was den Laden am Laufen hält", unterstrich Reul. Solche Anschläge schädigten aber nicht allein die Bahn oder RWE. "Es trifft die ganz normalen Leute: Die Seniorin im Heim, die Nachbarin von gegenüber, die Familie am Küchentisch, den Pendler im Zug, die Pflegebedürftige, die auf Strom und Versorgung angewiesen ist." Damit nähmen Linksextremisten "auch Menschenleben als Kollateralschaden in Kauf".

Welche Rolle spielt Gewalt in der Szene?

Eindeutig festzustellen sei eine wachsende Bereitschaft zu Gewalt gegen ganz gezielt ausgewählte Personen, berichtete Reul. Bei der bundesweit aktiven sogenannten Hammer-Bande gehöre es dazu, Menschen anzugreifen, die sie vorher als Faschisten "markiert" hätten. "Rechte Gegner und die Polizei werden nicht selten zur Feindfigur stilisiert - bis hin zur Entmenschlichung, um Gewalt zu legitimieren."

Ist ein neuer Linksterrorismus in Deutschland zu befürchten?

Bei dem weitreichenden Anschlag gegen die Stromversorgung und die Energiewirtschaft in Berlin zu Beginn des Jahres mit Zigtausenden Betroffenen sei die Schwelle zum Terrorismus jedenfalls erreicht worden, stellte Verfassungsschutzchef Kayser fest.

Teile der Szene gerieten zunehmend in eine Eskalationsspirale; eine weitere Radikalisierung sei deshalb nicht auszuschließen. Derzeit gelte aber: "Linksextremismus ist in Nordrhein-Westfalen kein Massenphänomen", sagte Reul.

Wie spricht die Szene die Jugend an?

Ebenso wie Rechtsextremisten oder Islamisten nutzen auch Linksextremisten verstärkt soziale Medien und inszenierten sich als Lifestyle-Szene, berichtete Reul. "Neben politischen Aktionen gehören Sport, Ausflüge, kreative Aktionen wie Banner und Graffiti malen zum festen Programm." Ein wichtiges Element sei Kampfsport - vordergründig als Selbstschutztraining, manchmal aber auch ganz offensiv im Video als "Nazis boxen" beworben. Dauerhaft aktiv seien in diesem Spektrum rund 300 Personen in NRW. "Auf Demonstrationen treten sie in geschlossenen Blöcken mit einheitlicher Kleidung, roter Fahne, Hammer-und-Sichel-Symbol, teilweise mit Sturmhauben auf - im Stil von Ultra-Fangruppen."

Welcher Extremismus ist die größte Gefahr für die Demokratie?

Alle Extremismus-Formen bergen aus Sicht des Innenministers die gleiche Gefahr, die Demokratie infrage zu stellen - wenngleich auf unterschiedliche Art und Weise. Beim Rechtsextremismus sei derzeit die größte Gefahr, dass er die Meinungen in der Gesellschaft in der Breite beeinflusse. Wenn man sich hingegen frage, wo die größte Gefahr für Leib und Leben liege, sei der Islamismus zu benennen, "weil da sind die mit dem Messer unterwegs, wo Menschen echt bedroht werden", antwortete Reul. "Deswegen müssen wir uns um alle kümmern und auf keinem Auge blind sein."

Wird es weitere Lagebilder geben?

Nach den Lagebildern zu Islamismus (2024) und Rechtsextremismus (2025) hat der NRW-Verfassungsschutz nun ein drittes Lagebild zum Linksextremismus vorgelegt. Das nächste Lagebild werde sich mit ausländischem Extremismus befassen, kündigte Reul an.

Quelle: dpa

Regionales