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Rheinland-Pfalz & SaarlandArzt: Viele Brandverletzte kämpfen lebenslang mit den Folgen

06.01.2026, 14:20 Uhr
Die-Schweizer-Gemeinde-Crans-Montana-hat-nach-dem-Brandinferno-in-der-Silvesternacht-mit-40-Toten-schwere-Versaeumnisse-eingeraeumt
(Foto: Baz Ratner/AP/dpa)

Bei dem verheerenden Feuer während einer Silvesterparty im Skiort Crans-Montana sind 40 Menschen gestorben, 116 wurden schwer verletzt. Ein Experte aus Rheinland-Pfalz sagt, was Verletzten hilft.

Ludwigshafen (dpa/lrs) - Zwei beim Silvesterunglück in der Schweiz schwer verletzte Menschen werden derzeit in der BG Klinik Ludwigshafen behandelt. "Das Wichtigste in den ersten ein, zwei Tagen ist, dass man die Patienten intensivmedizinisch stabilisiert", sagte Prof. Gabriel Hundeshagen von der Klinik der Deutschen Presse-Agentur. Die Betroffenen benötigten große Mengen Flüssigkeit, teils kreislaufunterstützende Medikamente sowie Blutprodukte.

Die Diagnostik und Erstversorgung sei in der Schweiz sehr professionell erfolgt, betonte er. Auch wenn dort teilweise keine spezialisierte Verbrennungschirurgie vorhanden sei, seien die Patienten zügig und gut vorbehandelt verlegt worden. Sie seien ausreichend sediert und stabil angekommen.

Im schlimmsten Fall droht Verlust von Gliedmaßen

Besonders entscheidend sei die Kreislaufstabilisierung in den ersten 24 Stunden. Dabei würden teils sehr hohe Flüssigkeitsmengen verabreicht. "Das können 10 bis sogar 20 Liter Flüssigkeit in den ersten 24 Stunden sein", erklärte Hundeshagen. Nur so könnten schwer brandverletzte Patienten mit Rauchgasverletzungen überhaupt weiter behandelt werden.

Zum Einsatz kämen vor allem Elektrolytlösungen auf Wasserbasis, bei Bedarf ergänzt durch Blutkonserven, Blutplasma und Eiweißpräparate. Diese Phase habe noch nichts mit der eigentlichen chirurgischen Versorgung zu tun.

Bei sehr tiefgehenden, ringförmigen Verbrennungen an Armen oder Beinen könnten sogenannte Entlastungsschnitte notwendig werden. Durch den festen Verbrennungsschorf entstehe bei Flüssigkeitsgabe ein hoher Druck, der ohne Entlastung Blutgefäße, Nerven oder Muskeln schädigen könne. Im schlimmsten Fall drohe der Verlust von Gliedmaßen.

Bei Verbrennungen von 40, 50 oder bis zu 80 Prozent funktioniere zudem der Wärmehaushalt des Körpers nicht mehr. Die Patienten seien extrem gefährdet durch Unterkühlung, die lebensbedrohlich sein könne. Deshalb fänden viele Behandlungen in auf bis zu 40 Grad aufgeheizten Räumen statt.

Hygienische Standards extrem hoch

Hinzu komme der Verlust der natürlichen Hautbarriere. Diese stelle eine Eintrittspforte für Keime dar, die zu einer Blutvergiftung führen könnten. "Das ist das, woran Patienten in den ersten Wochen am häufigsten sterben."

Das Immunsystem sei bei Schwerbrandverletzten nahezu vollständig heruntergefahren. Um Infektionen zu vermeiden, würden die Patienten auf der Intensivstation in hermetisch abgeriegelten Einzelboxen behandelt. Die hygienischen Standards seien extrem hoch.

An der Versorgung seien zahlreiche Berufsgruppen beteiligt. Hochspezialisierte Pflegekräfte wechselten in kurzen Abständen aufwendige Verbände, reinigten großflächige Wunden und überwachten kontinuierlich die Körpertemperatur. Teams aus Psychologen betreuten Patienten und Angehörige, zudem beginne die Physio- und Ergotherapie bereits auf der Intensivstation.

Schwere Verbrennungen hätten massive Auswirkungen auf den gesamten Körper. Durch Entzündungsbotenstoffe und Stresshormone gerate der Stoffwechsel in einen extremen Ausnahmezustand. "Der gesamte Körper läuft auf Hochtouren", erklärte Hundeshagen.

Kunsthaut wächst in die Unterhaut ein

Dieser Zustand lasse sich nur beenden, indem verbrannte Haut chirurgisch entfernt werde. Dabei müsse radikal vorgegangen werden, gleichzeitig aber möglichst viel gesunde Haut erhalten bleiben. Dies sei entscheidend für die spätere Lebensqualität der Patienten.

In vielen Verbrennungszentren werde zunächst eine Kunsthaut eingesetzt, die als Unterhaut einwachse. Nach ein bis drei Wochen würden die Flächen dann mit körpereigenen Hauttransplantaten verschlossen.

Schwerbrandverletzte müssten häufig monatelange Krankenhausaufenthalte durchstehen. Als Faustregel gelte ein bis zwei Tage Klinikaufenthalt pro Prozent verbrannter Körperoberfläche. Eine lange Rehabilitationsphase schließe sich an.

"Die Patienten sind massiv geschwächt und verlieren einen Großteil ihrer Muskelmasse", sagte Hundeshagen. Oft hätten Betroffene noch über Jahre oder sogar lebenslang mit den Folgen zu kämpfen. Umso wichtiger sei eine ganzheitliche Nachbehandlung in spezialisierten Zentren.

Quelle: dpa

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