Sachsen-AnhaltLandesfrauenrat fordert mehr Wickelmöglichkeiten für alle

Neue Windel für das Baby nötig, aber kein Wickeltisch in Sicht? In Sachsen-Anhalt stoßen Eltern auf überraschende Hürden – und der Landesfrauenrat fordert echte Veränderungen.
Magdeburg (dpa/sa) - Ein Ausflug mit den Kleinsten - schwups, ist es passiert. Ein unschöner Geruch zieht langsam von der Windel nach oben. Dann beginnt die Suche: Wo ist die nächste Wickelmöglichkeit? Häufig immer noch auf einer Frauentoilette.
"Viele Väter übernehmen selbstverständlich einen großen Teil der Betreuung ihrer Kinder", sagt die Gleichstellungsbeauftragte des Landes Sachsen-Anhalt, Sarah Schulze. Eine familienfreundliche Infrastruktur müsse dieser Lebenswirklichkeit Rechnung tragen.
Kinderversorgung in erster Linie Sache der Mütter?
Aus Sicht des Landesfrauenrates Sachsen-Anhalt sind fehlende Wickelmöglichkeiten auf Männertoiletten ein Problem, wie Geschäftsführerin Friederike Ewald findet. So werde vermittelt, dass die Kinderversorgung in erster Linie Sache der Mütter ist. Für Väter bedeute das wiederum: "Auf Damentoiletten ausweichen oder improvisierte, oft ungeeignete Lösungen nutzen." Gleichstellungsbeauftragte Schulze betont, Alternativen seien nötig: "Öffentliche Einrichtungen, Behörden, Kultur- und Freizeiteinrichtungen senden mit entsprechenden Angeboten ein Signal der Familienfreundlichkeit."
Auf der digitalen Karte "Woanders Wickeln" - sie wächst durch die Zuarbeit von Nutzern - sind deutschlandweit Wickelmöglichkeiten markiert, auch in Sachsen-Anhalt. Im Vergleich zu Berlin sind auf der Karte für Sachsen-Anhalt aber deutlich weniger Wickelmöglichkeiten verzeichnet.
Demnach gibt es etwa im Ikea in Magdeburg einen Wickelraum, der für Männer und Frauen zugänglich ist. Im Allee-Center in Magdeburg gibt es unabhängig von den Toiletten einen separaten Wickelraum. Auch in vielen dm-Filialen findet sich eine Wickelstation. Eine Übersicht, in welchen öffentlichen Einrichtungen Wickeltische auf Männertoiletten vorhanden sind, liegt der Landesgleichstellungsbeauftragten nach eigenen Angaben nicht vor.
Fehlende Wickeltische bedeuten Einschränkungen
Da, wo sie fehlen, würden Väter in ihrer Rolle als Bezugsperson gehemmt, sagt Landesfrauenrat-Geschäftsführerin Ewald. Zudem verringere sich die Flexibilität bei der Aufgabenverteilung innerhalb von Familien, und Verantwortung werde stärker auf Mütter verlagert. Doch ist das auch ein Problem in der Realität von Familien in Sachsen-Anhalt? "Das Thema wird bislang eher punktuell an uns herangetragen und steht selten im Zentrum politischer Debatten", erklärt Ewald.
Gleichwohl begegne es dem Landesfrauenrat immer wieder bei Diskussionen über familienfreundliche Infrastruktur. Der Gleichstellungsbeauftragten des Landes Sachsen-Anhalt sind hingegen keine Beschwerden bekannt.
Landesfrauenrat: Infrastruktur präge Care-Arbeit
Wickelmöglichkeiten sind laut Landesfrauenrat kein Randthema: Infrastruktur sei nicht geschlechtsneutral. Sie präge, wie Care-Arbeit im Alltag organisiert werde. Dem Statistischen Bundesamt zufolge übernehmen Frauen durchschnittlich rund 43 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer - die Daten stammen aus dem Jahr 2022. Bestehende Infrastruktur verstärke das.
Besser laufe es etwa in skandinavischen Ländern. "Dort ist Gleichstellungspolitik systematisch mit Care-Infrastruktur verknüpft", betont Ewald.
Aus Sicht des Landesfrauenrates sind verschiedene Schritte notwendig. So müssten öffentliche Toiletten flächendeckend und geschlechtsunabhängig mit Wickelmöglichkeiten ausgestattet werden. Zudem brauche es verpflichtende Standards bei Neu- und Umbauten und alternative Lösungen wie geschlechtsneutrale Wickelräume oder Familienräume.
Wickeltische bislang nicht flächendeckend vorhanden
Nach Ansicht der Landesbeauftragten für Frauen- und Gleichstellungspolitik, Sarah Schulze, besteht das Problem auch darin, dass Wickelmöglichkeiten bislang insgesamt nicht flächendeckend vorhanden sind.
Ebenso müssten vorhandene Orte sichtbarer werden. Überdies fordert der Landesfrauenrat: "Eine moderne, gleichberechtigte Gesellschaft sollte auch in alltäglichen Fragen konsequent inklusiv denken."