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Sachsen-AnhaltNach Anschlag: Normalität für Kinder noch weit entfernt

04.05.2026, 11:53 Uhr
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Vom Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt waren auch viele Kinder betroffen. Mit den Folgen kämpfen sie bis heute. Ihre Selbstständigkeit bleibt hinter denen ihrer Altersgenossen zurück, sagt ein Experte.

Magdeburg (dpa/sa) - Kinder, die den Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt miterleben mussten, sind nach der Einschätzung eines Experten erheblich in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Ängste, Schreckhaftigkeit, Atemnot, Kopf- und Bauschmerzen, Schlafstörungen bestimmten ihren Alltag, so der erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater Hans-Henning Flechtner im Landgericht Magdeburg. Er sprach von einem "Kanon von Beschwerden", der die altersgerechte Entwicklung erheblich belaste. Bei keinem der fünf von ihm begutachteten Kinder habe es vor dem Anschlag Auffälligkeiten gegeben, alle stammten aus intakten Familienverhältnissen.

Die Entwicklung der Selbstständigkeit ist beeinträchtigt

Insbesondere sei die Entwicklung der Selbstständigkeit der Kinder beeinträchtigt. Das sei bei allen Kindern sehr ähnlich. Ihr Alltag gelinge nur unter intensiver Betreuung der Familien, so Flechtner. Altersgenossen bewältigten den Weg zur Schule allein, unternähmen etwas mit Freunden und gestalteten ihre Freizeit selbstständig. Eine Prognose abzugeben, wie die Entwicklung der Kinder vom Weihnachtsmarkt in der anstehenden Pubertätsphase und auch danach verlaufe, sei spekulativ, sagte Flechtner.

Er wies darauf hin, dass die gesamten Familien vom Anschlag betroffen sind, das sei eine besondere Situation. Alle hätten den richtigen Versuch unternommen, schnell zu einer Normalität zurückzukehren. Allerdings berge das auch die Gefahr, zu bagatellisieren und zu sagen, es sei vorbei und könne nicht wieder geschehen.

Schmaler Grat zwischen Rücksicht und Anforderungen

Flechtner bezeichnete es als schmalen Grat, zum einen Rücksicht zu nehmen und zum anderen altersgerechte Anforderungen an die Kinder zu stellen. Als Beispiel nannte er das selbstständige Fahrradfahren etwa zur Schule. Sollte man darauf bestehen oder sagen, wenn du Angst hast, tust du das nicht? Das könne dazu führen, dass das Kind nie wieder Fahrrad fahre. Er riet dazu, in bestimmten Situationen die therapeutische Beratung in Anspruch zu nehmen. Zuvor hatte der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg den erfahrenen Experten nach seinen Ratschlägen für die betroffenen Familien gefragt.

In der Folge des Anschlags vom 20. Dezember 2024 starben fünf Frauen und ein neunjähriger Junge. Mehr als 300 Menschen wurden teils schwerst verletzt.

Laut Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg lenkte der damals 50 Jahre alte Taleb Al-Abdulmohsen einen mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen etwa 350 Meter weit über den Weihnachtsmarkt. Er soll mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen sein. Die Anklage wirft Al-Abdulmohsen unter anderem sechsfachen Mord und versuchten Mord in 338 Fällen vor. Der Angeklagte verfolgt den Prozess aus einer Glaskabine heraus aufmerksam, legt Wert auf Akteneinsicht und hat dafür ein Laptop zur Verfügung gestellt bekommen. Er meldet sich derzeit allerdings selten zu Wort.

Quelle: dpa

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