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Sachsen-Anhalt Stickstoffwerke über möglichen Erdgas-Lieferstopp in Sorge

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Insbesondere die erdgasintensiven Industrien blicken mit Sorge auf die gedrosselten Gaslieferungen aus Russland. Schon jetzt müssen sie sich mit den besonderen Marktbedingungen durch die Engpässe auseinandersetzen.

Wittenberg (dpa/sa) - Die gedrosselten Erdgaslieferungen aus Russland beeinträchtigen die Produktion der Stickstoffwerke in der Lutherstadt Wittenberg. Bei voller Auslastung sei man einer der größten industriellen Erdgasverbraucher Deutschlands, sagte der Finanzchef der SKW Stickstoffwerke Piesteritz, Carsten Franzke, am Montag. Bereits Ende 2021 hatte das Unternehmen wegen hoher Gaspreise die Produktion drastisch gedrosselt. In den Werken wird unter Einsatz von großen Mengen Erdgas unter anderem Stickstoffdünger sowie der Dieselzusatz AdBlue hergestellt.

Am Montag hatten Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze und der Parlamentarische Staatssekretär des Bundeswirtschaftsministeriums, Michael Kellner, die Werke besucht. Es sei wichtig, der Bundesregierung zu zeigen, welche energieintensive Industrie in Sachsen-Anhalt ansässig sei, sagte Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) bei dem Besuch. SKW Piesteritz sei für die ostdeutschen Bundesländer "systemrelevant". Man müsse daher klar kommunizieren, welche Auswirkungen eine Drosselung der Gaslieferung bis zum "Worst-Case-Szenario" hätte.

Die verringerten Gaslieferungen bereiteten ihm Sorgen, sagte der Parlamentarische Staatssekretär Kellner. Das Werk sei ein Herzstück der Stickstoffproduktion in Deutschland. Ziel sei es, Wertschöpfungsketten zu erhalten, aber auch Gas einzusparen und die Speicher zu füllen. Am Standort müsse es und soll es auch weitergehen, stellte er klar. Die Produktion setze eine Reihe weiterverarbeitender und somit wertschöpfender Arbeiten in Gang.

Noch findet SKW trotz der Preiserhöhungen ausreichend Abnehmer für seine Produkte. Viele Landwirte hatten mangels Alternativen die teuren Düngemittel aus dem Werk vor der Düngesaison im Frühjahr noch bezahlt, sagte Franzke. Doch bei anhaltend hohen Erdgaspreisen drohten Wettbewerber aus dem Ausland, SKW das Wasser abzugraben. Produzenten in Russland, den USA und auch Nigeria könnten wegen deutlich niedrigerer Erdgaspreise aktuell günstiger produzieren als deutsche Hersteller, erklärte Franzke. Hier könnte die Politik mit Importzöllen entgegensteuern.

Auch um sich angesichts der rasanten Entwicklungen am Markt etwas Luft zu verschaffen, habe man sich dazu entschieden, die jährliche Generalreparatur der Anlagen auf die erste Jahreshälfte vorzuziehen, sagte Franzke. Zwischen Juni und Juli fahre die Produktion gedrosselt auf einer Mindestauslastung von etwa 85 Prozent.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine Ende Februar gilt die Versorgung Europas mit Gas aus Russland als gefährdet. Schon jetzt hat Moskau die Lieferungen an Deutschland und andere EU-Staaten gedrosselt oder komplett gestoppt. Die EU versucht, ihre Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Die Bundesregierung rief am Donnerstag die sogenannte Alarmstufe im Notfallplan Gas aus. Die Energiepreise sind stark gestiegen. Für den Fall, dass die russischen Gaslieferungen komplett ausfallen, gehen Ökonomen von einer Wirtschaftskrise aus.

Mit Sorge blicken Energieversorger und Politik auf die zehntägige Routinewartung der Pipeline Nord Stream 1, die am 11. Juli beginnt. Auf die Frage, ob er befürchte, dass Russland danach gar kein Gas mehr liefern werde, sagte Habeck kürzlich beim Sender RTL: "Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich befürchte es nicht." Deswegen tue man alles um die Gasspeicher voll zu bekommen, sagte sein Staatssekretär Kellner am Montag. Außerdem wies er wiederholt darauf hin, nach Möglichkeit privat Gas einzusparen. Auch wenn die Gasversorgung momentan gesichert sei.

Die Tradition in Piesteritz als Standort der chemischen Industrie reicht zurück bis in das Jahr 1915. Das Produktportfolio umfasst heute ein breites Spektrum an Spezialitäten der Agro- und Industriechemie. SKW Piesteritz beschäftigt an den Standorten Piesteritz in der Lutherstadt Wittenberg und Cunnersdorf bei Leipzig rund 860 Mitarbeiter.

Quelle: dpa

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