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Sachsen-AnhaltWeihnachtsmarkt-Anschlag: Betroffene schildern Leid und Wut

08.06.2026, 16:00 Uhr
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Nur eine Minute dauerte die Fahrt über den Weihnachtsmarkt. Der Todesfahrer beendete sechs Leben und verletzte Hunderte Menschen. Kurz vor Ende des Prozesses ergreifen Betroffene das Wort.

Magdeburg (dpa/sa) - "Ich wusste bis zu diesem Abend nicht, wie sich Todesangst anfühlt", sagt die 39-Jährige, die sich mit ihrer Sportgruppe auf dem Weihnachtsmarkt verabredet hatte. Ihre Kinder hatte sie zu Hause gelassen – aus ihrer Sicht die beste Entscheidung, die sie hätte treffen können. Das Fahrzeug des Todesfahrers habe sie am Rucksack mitgerissen, die Finger an der linken Hand überfahren. Als medizinische Fachangestellte sei sie gleich zur Ersthelferin geworden.

Bis heute höre sie die Schreie, spüre immer noch das Gefühl ihrer eigenen Überforderung. Unbeschwertheit und Leichtigkeit seien verloren gegangen. Die 39-Jährige ist eine von rund 200 Nebenklägern im Prozess gegen den Todesfahrer. Es sind Menschen, die verletzt wurden, körperlich oder psychisch, aber auch Hinterbliebene der sechs Getöteten.

"Ich bin wütend auf den Angeklagten, unendlich wütend"

Über den Todesfahrer, der aus einem Glaskasten heraus den Prozess verfolgt, sagte die 39-Jährige: "Ich bin wütend auf den Angeklagten, unendlich wütend." Er habe den Menschen ihre Unbeschwertheit genommen, er habe sie stattdessen in Angst versetzt und ihnen Schmerz zugefügt, indem er seinen Mietwagen in unschuldige Menschen steuerte, die einfach nur Weihnachten feiern wollten. "Menschen tun so etwas nicht, Monster schon."

Mehrere Betroffene des Anschlags schilderten, wie sich ihr Leben veränderte – in ein Leben vor dem 20. Dezember 2024 und in ein Leben danach. Sie schilderten, dass sie unter Schlafstörungen, Panikattacken leiden, übermäßig wachsam sind und schreckhaft, Menschenmengen meiden. Die Folgen des Anschlags begleiteten sie jeden Tag.

Eine Nebenklägerin, die ihre Mutter bei dem Anschlag verlor, sagte, das Leid der Betroffenen habe im Prozess nicht ausreichend Platz gefunden bei all den "Märchen und Geschichten des Täters". Viele kämpften um die dauerhafte Anerkennung ihres Leids. Es gebe noch lange keinen Abschluss.

Vor den Betroffenen hatten mehrere Opferanwälte Schlussvorträge gehalten. Sie schilderten die Schicksale ihrer Mandanten und schlossen sich dem Antrag der Generalstaatsanwaltschaft an, den Todesfahrer zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen, die besondere Schwere der Schuld festzustellen und eine Sicherungsverwahrung anzuordnen.

Angeklagter machte aus Weihnachtsmarkt Ort der Angst

Dabei war dem Angeklagten am 37. Verhandlungstag zum wiederholten Mal das Mikrofon abgestellt, weil er einer Anwältin ins Wort fiel. Im Verhandlungssaal im eigens errichteten Interims-Gerichtsgebäude waren zu den Plädoyers deutlich mehr Betroffene erschienen als in den vergangenen Monaten.

Die Rechtsanwältin Alexandra Tust sagte, der Angeklagte habe aus dem Weihnachtsmarkt als Ort der Begegnung, Freude und Sicherheit einen Ort der Angst gemacht. Niemand verstehe seine Motivation. Seine langen Ausführungen seien an Absurdität nicht zu überbieten. Ihm sei es um die Aufmerksamkeit gegangen. Die Anwältin verwies auf die narzisstische Persönlichkeitsstörung, die ein psychiatrischer Gutachter dem Angeklagten bescheinigte. Der Todesfahrer hatte vor seiner Tat jahrelang als Psychiater im Maßregelvollzug für psychisch erkrankte Straftäter gearbeitete.

Anwältin Tust berichtete von einem zum Tatzeitpunkt sieben Jahre alten Jungen, der diverse Brüche unter anderem an Schädel und Becken erlitt. Er habe wochenlang nicht in die Schule gehen können. Ihr kleiner Mandant sei nur wenige Meter entfernt gewesen von dem getöteten Neunjährigen. Insgesamt sechs Menschen starben infolge der Tat, mehr als 300 wurden verletzt.

Nebenklagevertreter beleuchten mehr als 100 Schicksale

Die Nebenklagevertreter Thomas Klaus und Petra Küllmei, die zusammen mehr als 100 Betroffene vertreten, beschrieben für jeden einzelnen Mandanten die Umstände, Verletzungen und Folgen der Tat. Ein Ehemann sei nicht von der Seite seiner Frau gewichen, die zunächst noch ansprechbar war und lange auf dem kalten Boden lag, aufgrund ihrer schweren Verletzungen wenig später starb. Es ging um eine Familie, die das erste Mal mit ihrem Neugeborenen draußen gewesen sei. Die Mutter habe ihr Baby aus dem Kinderwagen gerissen, um es in Sicherheit vor dem Fahrzeug des Angeklagten zu bringen. In den folgenden Monaten habe sich die Mutter zu Hause zurückgezogen.

Viele weiter in Therapie

Ein 15-Jähriger habe so extreme Verletzungen erlitten, dass sich sein Berufswunsch Berufskraftfahrer aus jetziger Sicht nicht erfüllen lasse. Andere Betroffene seien dauerhaft entstellt, körperlich und psychisch beeinträchtigt. Viele seien weiter in Therapie. Von den Folgen der Tat seien die Familien, Freunde, Arbeitskollegen und Weggefährten betroffen, sagte Anwältin Küllmei.

Am 20. Dezember 2024 bog der angeklagte Taleb Al-Abdulmohsen von einer Straße durch eine Lücke in Betonabsperrungen auf einen Fußweg auf den Weihnachtsmarkt ein. Teils sei der Fahrer mit dem mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen in Schlangenlinien und mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen. Er war gleich nach der Tat festgenommen worden.

Der Prozess wird an diesem Dienstag fortgesetzt mit weiteren Plädoyers der Nebenklage, es sollen dann auch schon die Verteidiger zu Wort kommen und gegebenenfalls der Angeklagte mit seinem letzten Wort. Wann ein Urteil verkündet wird, ist noch offen.

Quelle: dpa

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