SachsenExperte: Natürlicher Wasserstoff in Sachsen möglich

Im Erzgebirge könnten geologische Bedingungen die Entstehung von natürlichem Wasserstoff ermöglichen. Gezielt gesucht wurde danach bislang nicht. Ein Experte will das gern ändern.
Freiberg (dpa/sn) - Sachsen bietet besonders günstige geologische Voraussetzungen für das Vorkommen von sogenanntem weißen Wasserstoff. Eisenhaltige Gesteine, wie sie etwa im Erzgebirge vorkommen, könnten unter den richtigen Bedingungen die Grundlage für die unterirdische Entstehung von Wasserstoff auf natürliche Weise sein, sagte Professor Moh’d Amro, Direktor des Instituts für Bohrtechnik und Fluidbergbau an der TU Bergakademie Freiberg, der Deutschen Presse-Agentur.
Üblich ist bislang vor allem die Gewinnung von Wasserstoff aus fossilen Energieträgern wie Erdgas oder per Elektrolyse. "Weißer" Wasserstoff entsteht hingegen in der Erdkruste durch die Reaktion geeigneter Gesteine mit Wasser, in deren Folge Wasserstoff gebildet werden kann.
Wenige Regionen so gut erforscht wie Erzgebirge
"Wir wissen inzwischen, dass es weltweit Lagerstätten gibt, in denen Wasserstoff fortlaufend im Untergrund gebildet wird", sagte Amro mit Blick auf Funde etwa in Mali, Australien oder Sibirien. "Die Frage ist: Haben wir so etwas auch hier – und wenn ja, wo?"
Für Sachsen sieht der Bergbau-Experte gleich mehrere Bedingungen gegeben. Zum einen gebe es im Erzgebirge bekannte Vorkommen geeigneter, magmatischer Gesteinstypen, aus denen durch chemische Reaktionen Wasserstoff entstehen kann.
Amro verweist zum Beispiel auf das vor allem als Dekorationsstein genutzte Serpentinit. Seiner Nutzung und Geschichte in der Region widmet sich etwa das Heimatmuseum in der "Serpentinsteinstadt" Zöblitz im Erzgebirge. Zum anderen sei der Untergrund der Region aufgrund von Jahrzehnten Uran- und Erzbergbau so gut dokumentiert wie kaum anderswo in Europa.
"Aus meiner Sicht sind die geologischen Bedingungen im Erzgebirge sehr vielversprechend", sagte Amro. Entscheidend seien geeignete Gesteine, eine stete Wasserzufuhr, sowie die richtigen Druck- und Temperaturbedingungen. Zudem brauche es ein dichtes Deckgebirge, das den Wasserstoff wie eine Falle zurückhalte. "Wenn diese Zutaten zusammenkommen, lohnt sich eine Bohrung, um nach Wasserstoff zu suchen."
Wismut bestätigt "punktuelle" Messungen des Gases
Konkrete Nachweise für eine wirtschaftlich nutzbare Wasserstofflagerstätte gibt es in Sachsen bislang nicht. Das Sächsische Oberbergamt, das landesweit für Aufsicht und Genehmigung im Bergbau zuständig ist, sieht bislang praktisch keinerlei Aktivitäten in diese Richtung. Sachsens oberster Bergbaubehörde lägen "derzeit auch keine diesbezüglichen Anträge oder Anfragen" vor, teilt Leiter Bernhard Cramer auf Anfrage mit.
Auch die bundeseigene Wismut GmbH, die das Erbe des jahrzehntelangen Uranbergbaus in Sachsen und Thüringen verwaltet und bis heute Altstandorte saniert, bestätigt nur sehr vereinzelte Hinweise. In den 1960er Jahren seien auf einer Sohle der Grube Schlema-Alberoda im Erzgebirge mehrere Gasaustritte untersucht worden, heißt es in einer Antwort des Unternehmens.
Dabei seien "punktuell" geringe Wasserstoffgehalte im austretenden Grubenwasser gefunden worden. "Die Messungen hatten keinen Explorations-Charakter", betont das Unternehmen. Gezielt gesucht worden ist demnach nicht. Und auch eine "repräsentative Datengrundlage" gebe es trotz zahlreicher Bohrungen der früheren SDAG Wismut nicht.
Forscher suchen in Nordbayern und den Pyrenäen
Doch für den Bergbau-Experten Amro sind selbst diese punktuellen Hinweise wichtig. "Das reicht doch – das ist schon mal eine Indikation", sagte er mit Blick auf die Schlema-Messungen. Bei den meisten weltweit bislang bekannten Wasserstoffquellen habe es sich um Zufallsfunde gehandelt. Denn systematisch gesucht worden sei danach bislang nicht.
"Wir haben in Deutschland Tausende Bohrungen im Untergrund, vor allem aus der Erdöl- und Erdgas-Exploration", so Amro. "Aber Wasserstoff war bisher kein Thema – entweder wurde gar nicht darauf gemessen oder die Messgeräte waren nicht empfindlich genug." Der Grund: Die Nutzung natürlicher Quellen des farblosen Gases habe in der Vergangenheit schlicht keine Rolle gespielt. Stattdessen sei es allenfalls als Sicherheitsrisiko und Störfaktor im Bergbau empfunden worden.
Geht es nach Amro, solle sich das nun aber ändern. Der Forscher verweist auf seine Kollegen der Uni Erlangen-Nürnberg, die im Gebiet der Haßberge in Nordbayern nach Wasserstoffvorkommen suchen. Ähnliche Forschungsarbeit gibt es zudem in den Pyrenäen. Im Erzgebirge müssten Geologen nun zunächst genaue Hinweise dafür liefern, wo tatsächlich Olivin- und Serpentinit-Gesteine vorkommen.
Anschließend könnten gezielte Bohrungen Kerne aus diesen Bereichen liefern, die im Labor auf ihre Wasserstoff-Bildung getestet werden. "Jede Bohrung liefert uns wertvolle Informationen über den Untergrund – im besten Fall sogar Wasserstoff." Das Problem: Bohrungen sind teuer. Es braucht Investoren. Die scheuen allerdings das Risiko bei unklarem Ausgang.
Wasserstoff gilt künftig gesetzlich als Bodenschatz
Juristisch gibt es keine Hürden für künftige Projekte, teilt das Oberbergamt mit. Demnach gelten Wasserstoff und auch Helium seit der Verabschiedung des sogenannten Wasserstoff-Beschleunigungsgesetzes der Bundesregierung im Februar als Bodenschätze - so wie etwa Erdöl und Erdgas. Aus Sicht des Sächsischen Oberbergamts bestehen damit "derzeit keine Lücken betreffend Haftung, Monitoring oder Sicherheitsanforderungen".
Während andernorts – etwa in Mali oder Australien – bereits gezielt nach natürlichen Wasserstoffquellen gesucht oder diese gar bereits genutzt werden, steht Sachsen damit noch ganz am Anfang. Doch Amro sieht gerade darin eine Chance: "Deutschland ist in vielen Technologien führend", sagt er. "Warum sollten wir nicht auch beim weißen Wasserstoff zu den Ersten gehören?" Nicht zuletzt soll das Gas zum Erreichen der Klimaziele eine wichtige Rolle spielen und künftig etwa durch frühere Erdgasleitungen fließen und die Industrie als Energieträger versorgen.