Thüringen"Die Leute brennen für das Singen" - Chöre beliebt

Weihnachtslieder im Fußballstadion, Kneipensingen oder Hochschulchor mit Ehrgeiz in Wettbewerben: Gemeinsames Singen ist in Thüringen gefragt. Nicht immer muss es der traditionelle Gesangverein sein.
Jena/Erfurt (dpa/th) - Das gemeinsame Singen in Chören ist in Thüringen beliebt. "In den letzten beiden Jahren konnte ein neuer Aufschwung in der Chorszene verzeichnet werden", teilte Josephin Heurtel vom Chorverband Thüringen auf Anfrage mit. Nach einem Einbruch während der Corona-Zeit, dem einige Chöre zum Opfer gefallen seien, hätten sich vielerorts neue Chöre oder andere Gesangsverbindungen gebildet. Während gerade traditionelle Chöre oft mit Nachwuchsmangel kämpften, seien weniger verbindliche Projektchöre bei jungen Erwachsenen stark nachgefragt.
Der Thüringer Chorverband hatte Ende 2024 nach eigenen Angaben 259 Mitgliedschöre mit rund 6.500 Aktiven. Im Jahr 2019 waren es 313 Chöre mit etwa 8.300 Mitgliedern. Die Gesamtzahl aller Gesangsgruppierungen in Thüringen ist nicht bekannt, weil viele Schul- und Kirchenchöre nicht zentral erfasst werden. Schätzungen gehen daher von 500 bis 1.000 Chören aus.
Neue Chortrends entwickeln sich
Neue Trends seien neben Kneipenchören mit unterschiedlichen Konzepten auch eintägige "One-Day-Choirs", die sich im Stile eines Workshops zeitlich befristet zusammenfänden, oder kleine A-Capella-Ensembles.
Bei neuen Chören ließen sich aktuell zwei grundlegende Trends beobachten, hat Maximilian Lörzer, Leiter des Psycho-Chors der Friedrich-Schiller-Universität Jena beobachtet. Zum einen gebe es eher auf Leistung und Wettbewerbe fokussierte Gesangsgruppen und zum anderen Modelle, bei denen soziale Aspekte und die Freude am Singen im Vordergrund stünden. Beide Formen hätten die gleiche Daseinsberechtigung - letztlich hänge es vom individuellen Ziel jedes Einzelnen ab, für welches Format er sich entscheide.
Fluktuation ist Problem für Hochschulchor
Beim Psycho-Chor stehe der Leistungsgedanke eindeutig im Vordergrund, so Lörzer. Neben anderen Auszeichnungen erzielte der Chor 2023 einen zweiten Platz beim deutschen Chorwettbewerb. Ein Vorsingen gehöre ebenso wie klare Anwesenheitspflichten bei den mindestens einmal wöchentlich stattfindenden Proben zu den Grundsätzen. Die besondere Herausforderung des vor allem mit Studierenden besetzten Chors sei die hohe Fluktuation: So sei es nicht ungewöhnlich, wenn zum Semesterwechsel mehr als die Hälfte der im Schnitt 60 Mitglieder ausschieden - etwa, weil sie Jena nach dem Ende des Studiums verließen. "Junge Leute wollen in die Chöre, das Interesse am gemeinsamen Singen ist riesig", fasst Lörzer zusammen.
Ein anderes Konzept verfolgt etwa "Philipps Kneipenchor" in Erfurt. Auf ein Vorsingen werde dort ebenso verzichtet wie auf eine strenge Anwesenheitspflicht, erklärt Gründer und Leiter Philipp Körber. "Alle können dazu kommen - und alle werden besser." Neben den Proben gebe es auch gemeinsame Chorwochenenden und Fortbildungen. Beim Konzept des Erfurter Kneipenchors stehe die Freude am niedrigschwelligen gemeinsamen Singen im Vordergrund - ohne den künstlerischen Anspruch dabei zu vernachlässigen. Der Zuspruch für das Konzept sei hoch, aktuell habe der Chor rund 135 aktive Mitglieder. "Die Leute brennen für das Singen", so Körber.
Nachwuchs- und Raumprobleme
So unterschiedlich die Ansätze der Chöre sind, so verschieden sind auch die Probleme: So sei für den Psycho-Chor in erster Linie die Finanzierung eine Herausforderung, weil Fördermittel jedes Jahr neu beantragt werden müssten, so Lörzer. Für den Kneipenchor Erfurt wird es Körber zufolge immer schwieriger, geeignete und bezahlbare Räume in der Landeshauptstadt zu finden. In ländlichen Regionen wiederum scheitert nach Einschätzung des Chorverbandes der Zusammenschluss von Chören mit Mitgliederschwund oft an der fehlenden Mobilität der meist älteren Mitglieder oder an fehlenden Probenräumen. "Fahrgemeinschaften, Vereinsbusse oder andere Netzwerke des öffentlichen Nahverkehrs wären hier hilfreich", so Heurtel. Insgesamt sei es eine Herausforderung, ausreichend Männerstimmen zu finden, hieß es übereinstimmend.
Weihnachtslieder im Fußballstadion
In Thüringen kommen in der Vorweihnachtszeit wieder Chöre und Laien zu großen gemeinsamen Sangestreffen zusammen. Tausende Menschen werden etwa zum Weihnachtssingen in den Fußballstadien in Erfurt und Jena am 5. und 19. Dezember erwartet. Zum Abschluss des Erfurter Weihnachtsmarktes kommen am 22. Dezember ebenfalls Chöre und Publikum am Domplatz zusammen.