Reise

Einzige Fähre zu Polen Per "Grenzenloser" über die Oder

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Touristenattraktion, Alltag und Symbol: die Raddampfer-Fähre "Bez Granic" am deutschen Ufer.

dpa

Sie ist ein Unikat im deutsch-polnischen Grenzgebiet. Im Oderbruch legt die einzige Fähre ab, die die beiden Nachbarländer verbindet. Das Schiff ist Touristenattraktion, Alltag und Symbol zugleich.

Zur Begrüßung und zum Abschied bekommt Heidemarie Kiehl einen Handkuss. Jerzy Fitas pflegt diese charmante Geste, die diesseits der Oder als polnische Höflichkeit gilt. Der Grenzfluss hat die beiden miteinander bekanntgemacht: Fitas ist Fährmann, Frau Kiehl Ortsvorsteherin von Güstebieser Loose im Kreis Märkisch-Oderland in Brandenburg, wo die Fähre ab- und anlegt.

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Der Fährmann Jerzy Fitas - manche Frauen begrüßt er per Handkuss.

(Foto: dpa)

Diese Fähre im Oderbruch hat es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Sie gilt nach Angaben des Brandenburger Verkehrsministeriums als die einzige Fähre, die Deutschland und Polen miteinander verbindet. Der Name ist das Motto: "Bez Granic". Das bedeutet "Ohne Grenzen".

Die Staatengrenze zwischen Güstebieser Loose und dem polnischen Nachbarn Gozdowice ist an diesem abgeschiedenen Flecken nordöstlich von Berlin tatsächlich nicht zu bemerken. Am Oderufer in dem 230 Einwohner zählenden deutschen Ort warten an diesem Tag ein paar Fahrradtouristen, ein gelber Kleintransporter, ein Ehepaar mit zwei Enkeln und die Ortsvorsteherin in ihrem Auto.

Nur wenige Minuten

Hinter dem kleinen Anleger ziehen sich Wiesen und Felder entlang. Am polnischen Ufer tuckert die Schaufelradfähre los und überwindet die etwa 250 Meter Fluss in wenigen Minuten. Als die "Grenzenlose" festmacht, steigen alle ein - es geht zurück nach Polen.

Die Fähre ist ein Symbol: 1944/45 fuhr ihre Vorgängerin das letzte Mal auf diesem Teil der Oder. Bis dahin gehörten die beiden Orte dies- und jenseits des Flusses zusammen, wie Kiehl erläutert.

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Die Fähre ist ein Unikat im deutsch-polnischen Grenzgebiet.

(Foto: dpa)

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Kommune durch die Grenze geteilt, die Fähre eingestellt. Erst 2007 hat sie ihren Betrieb nach mehr als 60 Jahren Stillstand und vielen deutsch-polnischen Bemühungen wieder aufgenommen. Richtig los ging es im Frühjahr 2008. Nicht nur Politiker hätten sich für das Schiff engagiert, sondern auch die Bürger, sagt Kiehl. "Im Ort wohnen einige, die auf der anderen Seite geboren worden sind."

Fähre spart große Umwege

Die Fährverbindung bewahrt Berufspendler, Anwohner und Touristen aber auch ganz pragmatisch vor langen Umwegen bis zum nächsten Grenzübergang. Manch einer spare etwa 60 Extra-Kilometer, sagt Kiehl. Allerdings nicht immer: Denn bei Hoch- und Niedrigwasser, Sturm, Nebel und Dunkelheit fährt "Bez Granic" nicht. Darüber informiert dann noch vor dem Deich eine elektronische Anzeigetafel, über der in diesen Tagen in luftiger Höhe ein Storchenpaar nistet.

Solche Widrigkeiten stellen die Betroffenen dann doch wieder vor Grenzen - zum Beispiel 2010, als die Fähre wegen Hochwassers lange nicht fuhr.

"Feine Sache"

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Die Fähre unweit dem brandenburgischen Ort Güstebieser Loose.

(Foto: dpa)

"Manchmal steht man drei Stunden und man weiß nicht warum", meint ein Rentner, der aus der Gegend kommt. Er sei häufiger in Polen, dieses Mal wolle er mit seinem Beifahrer Erkundigungen über Baupreise einholen. "An sich ist die Fähre aber eine feine Sache."

Dieser Meinung ist auch Helma Koch-Dreßler. Die 68-Jährige aus Schleswig-Holstein macht Urlaub im Oderbruch und nennt die Oder zwischen den beiden Nachbarländern einen "Schicksalsfluss". In Polen erwarten die Fahrgäste ein kleiner Imbiss und ein Café in einem Zollhäuschen - das wurde gebaut, als man noch nicht wusste, dass Grenzkontrollen einmal überflüssig werden.

Angemeldet ist die mit EU-Mitteln geförderte Fähre, die von April bis Oktober verkehrt, in Polen. Nach amtlichen Angaben hatte die "Grenzenlose" in den Jahren 2008 und 2009 jeweils bis zu 15.000 Fahrgäste.

Quelle: n-tv.de, Leticia Witte, dpa

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