Reise

Tabletten, Ingwer oder in die Koje Was gegen Seekrankheit hilft

Der Mund wird trocken, kalter Schweiß bricht aus. Dazu kommen Schwindel und Übelkeit, bis der Betroffene schließlich "die Fische füttern" muss. Zwar gipfelt die Seekrankheit, medizinisch eine Variante der Reise- oder Bewegungskrankheit (Kinetose), nicht immer in schwerem Erbrechen - aber auch weniger ausgeprägt kann sie die Bootstour vermasseln. Mit Medikamenten, aber auch mit einfachen Verhaltensregeln lässt sich ihr gut begegnen.

Erklärt werde die Kinetose meist damit, "dass der Körper Schwierigkeiten hat, verschiedene widersprüchliche Reize zu verarbeiten", sagt Michael Knappich, Arzt für Reisemedizin am Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin. Durch die Schaukelbewegungen auf See komme es zu einer Diskrepanz zwischen dem, was das Auge sieht, und dem, was das Gleichgewichtsorgan und andere Bewegungssensoren ans Gehirn melden. Dabei wird vermehrt Histamin ausgeschüttet. Einer neuen Hypothese des Allergologen Reinhard Jarisch aus Wien zufolge löst erst das Histamin die Symptome aus.

Frauen deutlich anfälliger

Völlig gegen Seekrankheit gefeit ist fast niemand, individuell gibt es aber große Unterschiede. "Es gibt Menschen, die besonders anfällig sind, und solche, die überhaupt keine Probleme haben", sagt Knappich. Klar lasse sich nur sagen: Frauen sind deutlich anfälliger, insbesondere während Schwangerschaft und Menstruation. Kleine Kinder bis etwa zwei Jahren und ältere Menschen haben dagegen kaum Probleme.

Unterschiede gibt es auch darin, auf welche Wellenbewegungen Menschen reagieren. "Einige Leute empfinden kleine, kurze Bewegungen als sehr unangenehm, andere Leute lange Rollbewegungen", sagt Andreas Koch, Flottillenarzt am Schiffahrtsmedizinischen Institut der Marine in Kiel-Kronshagen. Zumindest auf großen Schiffen sind diese Bewegungen aber heute kaum noch ein Problem: "Die Stabilisatoren auf einem modernen Kreuzfahrtschiff haben der Seekrankheit längst den Schrecken genommen", sagt Karl Rabe, Schiffsarzt auf dem Kreuzfahrtschiff "MS Europa". Auf diesen Fahrten kämen, je nach Seegang, höchstens 10 Prozent der Gäste wegen Beschwerden zu ihm.

Gewöhnungseffekt geht wieder verloren

In der Regel gewöhnt sich der Körper bald an die Bewegungen, nach zwei bis drei Tagen auf See haben die meisten Menschen kaum noch Probleme. "Leider geht dieser Gewöhnungseffekt nach ein paar Tagen an Land wieder verloren", erläutert Knappich. Es könne also durchaus auch einem alten Seebär an Bord wieder übel werden, wenn er dem "blanken Hans" zu lange fern war.

Einige vorbeugende Verhaltensweisen vergrößern die Chance, der Seekrankheit zu entgehen: "Auf Alkohol und Nikotin sollte man am Vortag und am Tag der Reise lieber verzichten", rät Knappich. Am Tag der Fahrt sollte der Reisende ausgeschlafen sein und eher kleine Mahlzeiten zu sich nehmen - "der Magen sollte weder ganz leer noch ganz voll sein". Zudem sei der Aufenthalt mittschiffs besser als am Bug oder Heck, weil dort relativ wenig Seegang zu spüren ist.

Wenn es einen doch erwischt: am besten aufs Oberdeck an die frische Luft gehen und einen Punkt am Horizont fixieren. Unter Deck sei das Risiko größer. "Da sehen Sie eine gerade Wand, während das Gleichgewichtsorgan meldet, es schaukelt", sagt Koch. Als guten Trick nennt er außerdem: "In die Koje legen. Denn beim Schlafen sinkt automatisch der Histaminspiegel."

Wer weiß, dass er sehr anfällig ist oder ihn eine raue See erwartet, sollte schon einige Stunden im Voraus Medikamente nehmen. "Antihistaminika wie Diphenhydramin oder Dimenhydrinat eignen sich bei mittleren bis leichten Beschwerden", erklärt Knappich. Für stärkere Beschwerden empfiehlt er Präparate mit Scopolamin oder Promethazin. Bei Seglern erfreuen sich die Scopolamin-Pflaster, die man sich hinters Ohr klebt, großer Beliebtheit, weil der Wirkstoff bis zu drei Tage lang gleichmäßig abgegeben wird.

Nur ein bis zwei Prozent "schwere Fälle"

Hat der Betroffene die vorbeugende Medikation versäumt und hängt über der Reling, dann helfen meist nur noch Zäpfchen mit Diphenhydramin oder Metoclopramid. "Bei akuten Fällen geben wir diese Wirkstoffe als Injektion", sagt Schiffsarzt Rabe. Bei Kreuzfahrten bräuchten aber je nach Seegang nur ein bis zwei Prozent der Passagiere eine solche Behandlung.

Alle Medikamente haben als Nebenwirkung Müdigkeit. Bei eher leichten Beschwerden lohnt es sich also, Alternativen auszuprobieren. So scheint Ingwer, ein altes Seefahrer-Mittel, bei leichten Beschwerden oft gut zu wirken, auch wenn dies wissenschaftlich noch nicht belegt ist. Möglicherweise hilft auch Vitamin C - dessen Wirksamkeit prüfte kürzlich das Schiffahrtsmedizinische Institut der Marine. Die Grundüberlegung: Da Vitamin C bewiesenermaßen Histamine abbaut, könnte es eine vergleichbare Wirkung wie Antihistamika haben, aber ohne deren Nebenwirkungen, sagt Forschungsleiter Koch.

Nach Einnahme von Vitamin C oder Placebos mussten für die Studie insgesamt 70 Probanden auf einer Rettungsinsel einen künstlichen Orkan in einem Wellenbad aushalten. Dabei zeigte sich laut Koch: "Denen, die Vitamin C genommen hatten, ging es eindeutig besser." Noch unklar sind indes Wirkungsdauer und die nötige Menge. "Wir haben zwei Gramm Vitamin C gegeben, vielleicht würde auch eine geringere Dosis reichen." Weitere Studien seien daher nötig. Segler oder Seereisende können freilich schon jetzt einen Selbstversuch wagen.

Mittel gegen Seekrankheit


Rezeptfrei in Apotheken gibt es Antihistaminika wie Diphenhydramin oder Dimenhydrinat sowie Scopolamin-Pflaster. Rezeptpflichtig dagegen sind Promethacin-Präparate, die bei sehr schweren Symptomen angezeigt sind. Rezept- und nebenwirkungsfrei, aber auch weniger wirksam, sind Ingwer-Präparate.

Internet: www.esys.org/seekrank/

Quelle: ntv.de