Reise
Dienstag, 23. November 2010

Rätselraten in Brünn: "Zeitmaschine" verwirrt Betrachter

Rakete? Phallussymbol? Gigantischer Vibrator? Der neue, meterhohe Obelisk im tschechischen Brünn lässt Bewohner und Besucher ratlos. Dass es eine Uhr ist, erschließt sich erst beim genaueren Hinsehen. Aber wie spät ist es? Mit einem ähnlichen Konzept wurden schon im Dreißigjährigen Krieg die Schweden verwirrt.

Die sechs Meter hohe "Zeit-Maschine" wurde aus südafrikanischem Granit gefertigt.
Die sechs Meter hohe "Zeit-Maschine" wurde aus südafrikanischem Granit gefertigt.(Foto: dpa)

Die Prager Astronomische Uhr, der Orloj, ist weltberühmt. Mit 600 Jahren Verspätung hat jetzt auch Brünn (Brno) als zweitgrößte Stadt in Tschechien ihren eigenen "Orloj". Das Uhrwerk auf dem zentralen Namesti Svobody (Freiheitsplatz) gibt allerdings vielen Einheimischen und Touristen Rätsel auf. Einige halten das sechs Meter hohe Monument für eine Rakete, andere sehen darin ein Phallus-Symbol oder gar einen gigantischen Vibrator. Ein hastig errichtetes Schild gibt Auskunft: "Zeit-Maschine" steht da.

Derweil drehen sich die beiden oberen Segmente der "Rakete" unentwegt im Takt. Und mit etwas Glück erhascht man auch einen Blick durch ein kleines Glasfenster auf eine Ziffer. "Es ist nach zwei Uhr. Aber man kann nicht ablesen, wie viele Minuten nach zwei", sagt die Passantin Olga Ratnikova. Der Brünnerin gefällt, dass der Platz jetzt voller Leben ist. Viele bleiben verwundert vor dem zylinderförmigen Gebilde stehen.

Sie macht es einem nicht leicht, die Zeit abzulesen.
Sie macht es einem nicht leicht, die Zeit abzulesen.(Foto: dpa)

In Schrittweite des Brünner Orloj sitzen die beiden Schöpfer der Statue in einem winzigen Büro. Das Konzept beruhe auf einer Legende aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, erklären Petr Kamenik und Oldrich Rujbr: Die Schweden belagerten Brünn. Durch Spione erfuhren die eingeschlossenen Brünner, dass die Belagerer um 12 Uhr aufgeben wollten. Die Brünner ließen das Mittagsgeläut daher bereits um 11 Uhr erschallen. Die Finte gelang.

"Außerdem glaubte man, dass den schwedischen General Torstenson nur eine Glaskugel hätte töten können, die bei einem magischen Ritual um Mitternacht gegossen worden ist", berichtet Rujbr. Daher rollt jetzt jeden Tag um elf Uhr eine Glaskugel auf einer spiralenförmigen Bahn die "Rakete" hinab. Sie schlägt vier Mal gegen Glockenspiele und rollt schließlich an einer von vier Öffnungen vorbei.

Wer Glück hat, fängt eine Kugel

Wer seine Hand in die richtige Fuge im Granit hält, kann die Kugel mit etwas Glück fangen. Manche harren eineinhalb Stunden an der Uhr aus, um sich einen der vier begehrten Plätze zu sichern. "Es kann passieren, dass niemand die Glaskugel fängt", sagt Kamenik. Dann rollt sie auf ein Förderband und wird automatisch wieder nach oben transportiert.

Eine der Glaskugeln mit Weihnachtsmotiv.
Eine der Glaskugeln mit Weihnachtsmotiv.(Foto: dpa)

In der Adventszeit wird stündlich zwischen 11 und 23 Uhr eine mit einem Kometen oder einem Stern dekorierte Kugel zu fangen sein. Die nummerierten Glaskugeln aus böhmischer Manufaktur sind zu einem begehrten Sammlerobjekt geworden.

Zu Beginn des Projekts mussten Rujbr und Kamenik für ihre Idee aber viel Kritik einstecken. Geschäftsleute am Namesti Svobody hätten befürchtet, dass Passanten ihnen mit der Glaskugel die Schaufenster einschlagen, erinnert sich Rujbr. Heute beherrschen weniger die Kugeln, als vielmehr die phallusartige Gestalt der Granitstatue das Brünner Stadtgespräch. "Wir sind überzeugt, dass die Form so aussehen muss, wie sie aussieht", verteidigt sich Rujbr. Es freut ihn, dass eine Diskussion entbrannt ist. "Am schlimmsten wäre es, wenn niemand die Statue bemerkt", meint er.

Davon kann keine Rede sein. Eine Gruppe von Aktivisten hat bereits angekündigt, der Uhr zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember ein Präservativ überstülpen zu wollen. Die Statue gehört der Stadt, aber Rujbr ist bereit, den Aktivisten ersatzweise ein 1:1-Gipsmodell zur Verfügung zu stellen. "Wir haben sie gern und sie uns auch", sagt der Bildhauer über die Aids-Aktivisten. Doch in Brünn hat der "Orloj" nicht nur Freunde. Regelmäßig überprüft ein Mitarbeiter der Stadtwerke den Lauf der Maschine. "Jedes Mal haut ihm eine alte Dame mit dem Gehstock auf den Kopf", berichtet Rujbr nicht ohne Schadenfreude. "Ihr gefällt die Statue nicht und sie lässt ihn das spüren."

Quelle: n-tv.de