Was sich im Sommer ändertDirektbank oder Neo-Broker: Für wen sich was lohnt

Ein Euro oder zehn Euro pro Order – beim Depot können kleine Unterschiede schnell teuer werden. Doch lohnt sich ein günstiger Neo-Broker wirklich für jeden Anleger, oder bieten Direktbanken am Ende doch die bessere Gesamtlösung?
Irgendwann ist es so weit und der Moment ist da. Nach dem dritten Gebührenabzug, den man erst beim zweiten Hinschauen überhaupt bemerkt zum Beispiel: Sollte ich lieber zu einer Direktbank oder einem Neo-Broker wechseln? Und was passt besser zu mir? Die Gebührenunterschiede sind zumindest gewaltig. Der Neo-Broker Trade Republic verlangt einen Euro pro Order. Bei Direktbanken können die Handelsgebühren gern mal das Zehnfache betragen. Beide Geschäftsmodelle wachsen und beide werben mit günstigen Preisen. Und die meisten Anleger wissen nicht genau, was sie am Ende eigentlich bezahlen.
Direktbanken wie ING, DKB oder comdirect sind Vollbanken ohne Filialnetz mit oft umfassenden Angebot von Girokonto, Tages- und Festgeldkonten und einem Depot.Neo-Broker wie Trade Republic oder Scalable Capital fokussieren sich im Grunde nur auf eine Sache: den Wertpapierhandel. Billiger, schneller, App. Den Rest sucht man sich woanders.
Der Kostenunterschied ist real und messbar. Bei der Consorsbank kostet eine einzelne Order mindestens 9,95 Euro. Bei Trade Republic: einen Euro. Wer viermal im Jahr je 2.500 Euro investiert, zahlt bei der Consorsbank rund 45 Euro Gebühren im Jahr. Bei Trade Republic sind es gerade einmal vier Euro. ETF-Sparpläne laufen bei den meisten Neo-Brokern kostenlos und sind bereits ab einem Euro Sparrate möglich.
Vier Anbieter mit vier unterschiedlichen Gebührenmodellen
Nicht jeder Neo-Broker tickt gleich:
Trade Republic: Einen Euro Pauschale pro Order, kostenlose Sparpläne, Girokonto mit Debitkarte, Tagesgeld aktuell 2,50 Prozent. Vollbanklizenz seit Ende 2023.
Scalable Capital: 0,99 Euro pro Order im kostenlosen Modell, oder 4,99 Euro Flatrate im Monat ohne weitere Ordergebühr. Vollbanklizenz seit September 2025.
Finanzen.net Zero: Handel ab 500 Euro ohne Gebühr, darunter einen Euro Pauschale. Kein Girokonto, kein Zins auf dem Verrechnungskonto.
ING, DKB, comdirect: Höhere Ordergebühren, dafür vollständiges Bankangebot, telefonischer Support und Zugang zu Xetra, dem Handelssystem der Deutschen Börse.
Das Geschäftsmodell, das gerade kippt: PROF wird verboten
Jetzt kommt Bewegung in den Markt. Ab dem 1. Juli 2026 gilt das EU-weite Verbot von Payment for Order Flow. PFOF ist das Provisionsmodell, das Neo-Brokern bisher Geld einbrachte: Handelsplätze zahlten für jede Kundenorder, die dorthin weitergeleitet wurde. Bei Trade Republic waren das zuletzt rund 4,50 Euro pro Transaktion von Lang und Schwarz. Dieses Modell finanzierte die niedrigen Kundengebühren mit. Nicht die Großzügigkeit der Anbieter.
Die großen Anbieter haben reagiert. Scalable Capital handelt seit Dezember 2024 über eine eigene Plattform PFOF-frei. Trade Republic erhielt im Januar 2026 die Lizenz für einen eigenen Handelsplatz. Die Ein-Euro-Pauschale soll zwar vorerst bleiben, aber darauf verlassen sollte man sich nicht. Mitgründer Christian Hecker hat das Wort vorerst benutzt. Der Begriff vorerst ist in diesem Zusammenhang jedoch kein Vertrag und auch keine Garantie.
Ohnehin war die Gratis-Ära nie wirklich kostenlos. Sie war querfinanziert. Für Anleger mit monatlichem ETF-Sparplan dürften die Auswirkungen nach unserer Einschätzung dennoch gering bleiben. Wer aber häufig und in größeren Summen handelt, sollte die Gebührenmodelle ab Sommer genau verfolgen. Klassische Direktbanken sind von der Neuregelung kaum betroffen. Sie verdienen seit jeher über transparente Transaktionsgebühren.
Marktbreite bringt engere Spreads mit sich
Neo-Broker leiten Orders meist an einen einzigen proprietären Handelsplatz weiter. An der Xetra dagegen konkurrieren mehrere Market Maker gleichzeitig, was tendenziell engere Spreads bedeutet. Spread ist die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis, also eine versteckte Gebühr bei jeder einzelnen Transaktion.
Für jemanden, der monatlich 150 Euro in einen World-ETF spart, ist dieser Unterschied marginal. Bei einer Einmalanlage von 10.000 Euro in eine Einzelaktie kann er sich durchaus bemerkbar machen. Im Abendhandel, außerhalb der regulären Xetra-Öffnungszeiten oder in turbulenten Marktphasen, können die Spreads bei proprietären Handelsplätzen deutlich weiter sein. Es gibt keinen Referenzmarkt, der korrigierend eingreift. In den üblichen Vergleichsrechnungen der Finanzportale sucht man einen Passus dazu vergebens.
Steuern werden bei allen Geschäftsmodellen fällig
1.000 Euro Kapitalertrag pro Jahr und Person sind steuerfrei. Alles darüber wird mit 25 Prozent Abgeltungssteuer belegt, zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Das gilt für Kursgewinne wie für Zinserträge auf dem Tagesgeldkonto, unabhängig davon, ob das Depot bei einer Direktbank oder einem Neo-Broker liegt. Den Freistellungsauftrag können Anleger bei beiden Modellen einrichten. Wer mehrere Depots bei verschiedenen Anbietern führt, muss ihn aufteilen und sollte den Überblick über die genutzten Freibeträge behalten.
Am Ende entscheidet die persönliche Anlagepräferenz
Bleibt die Frage: Welches Modell ist besser? Die Antwort lautet wie so oft: Es kommt darauf an. Denn wichtig ist, was jemand tatsächlich braucht. Wer einmal im Monat einen Sparplan laufen lässt und sonst nichts anfasst: Neo-Broker. Der Kostenvorteil überwiegt ganz deutlich und das dauerhaft und nachweisbar.
Wer größere Summen bewegt, Einzeltitel kauft, Anleihen will oder das Girokonto nicht extra anderswo führen möchte, wählt ein Depot bei einer Direktbank. Nicht wegen des Namens, sondern wegen der Produkttiefe und weil Xetra nach dem PFOF-Verbot im Sommer preislich näher an den Neo-Brokern liegen dürfte als heute.
Viele nutzen beide Anbieter. Der Sparplan läuft beim Neo-Broker, das Girokonto wird bei einer Direktbank wie der DKB oder ING. Das bedeutet zwar mehr Aufwand für den Anleger, aber am Ende steht ein vernünftiges Ergebnis.
Finanzberater empfehlen für den langfristigen Vermögensaufbau einen ETF-Sparplan auf einen breit gestreuten Weltindex. Welcher Anbieter dafür der richtige ist, hängt weniger von Geschäftsmodell ab. Es kommt darauf an, was nach dem 1. Juli aus den Preislisten wird. Und das weiß heute noch niemand genau. Auch die Anbieter nicht.