Pandemie und Inflation GründeIW-Studie: Gewerkschaften in Deutschland dieses Jahr "deutlich konfliktfreudiger"

Die Gewerkschaften in Deutschland sind laut einer Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in diesem Jahr "deutlich konfliktfreudiger" als zuletzt. "Die Gewerkschaften treten in diesem Jahr deutlich aggressiver auf als zuvor", erklärte das IW. Ein Ende sei nicht absehbar.
Vor allem in zwei Branchen seien die Tarifkonflikte schon "deutlich über das übliche Maß" hinausgegangen, erklärte das IW: Im öffentlichen Dienst kam es nach dem Scheitern der Verhandlungen zu einer Schlichtung, über deren Ergebnisse am Wochenende verhandelt werden soll. Bei der Deutschen Post einigten sich die Tarifparteien erst nach Warnstreiks und einer Urabstimmung.
"Wegen der noch anstehenden Tarifverhandlungen, beispielsweise im Großhandel, im Einzelhandel oder in der Süßwarenindustrie, rechnen wir für das Gesamtjahr 2023 mit einem weiteren Anstieg der Konfliktintensität", erklärte IW-Tarifexperte Hagen Lesch. Manche Konflikte, wie bei der Bahn, schwelten auch noch weiter - nach den Verhandlungen mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) stehen in diesem Jahr auch Verhandlungen mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) an.
Die jetzige Streikwelle finde unter besonders schwierigen Rahmenbedingungen statt, erklärte Tarifexperte Lesch. "Durch die Pandemie und den Krieg in der Ukraine sind die Reallöhne drei Jahre lang gesunken, gleichzeitig hat sich die Konjunktur deutlich abgekühlt. Das sorgt für Spannungen zwischen den Tarifparteien." Das IW misst mithilfe von Konfliktpunkten, inwiefern Tarifverhandlungen "eskalieren". Von Januar bis März ergab sich hier ein Wert von 8,9 Punkten. Im vergangenen Jahr waren es demnach 5,3 Punkte.
Grundlage bildet ein "Konfliktbarometer", das die Konfliktinstrumente in den deutschen Tarifverhandlungen seit 2005 in insgesamt zwanzig zentralen Branchen erfasst. Die Konfliktpunkte ergeben sich aus der Summe der im Rahmen einer Tarifauseinandersetzung ergriffenen Maßnahmen, etwa Streikdrohungen, Verhandlungsabbrüche, Warnstreiks, Urabstimmungen oder Streiks und Aussperrungen.