Wirtschaft

Berlin begrüßt Siemens-Konter Paris macht Alstom zur nationalen Sache

Das Schicksal des Mischkonzerns Alstom erreicht die Politik. Frankreichs Präsident Hollande trifft sich nacheinander mit den Chefs von General Electric und Siemens. Auf dem Tisch liegen zwei Angebote. Eines könnte Europas Industrie verändern. Auch Berlin lässt der Deal nicht kalt.

Für Frankreich ist die Zukunft des Mischkonzerns Alstom eine nationale Angelegenheit. Auf Bitten der Pariser Regierung kontert Siemens die Übernahmeofferte von General Electric. Der Deal beschäftigt von Beginn an die höchste politische Ebene. Nacheinander trifft sich Präsident Francois Hollande mit den Vorstandschefs der beiden Alstom-Konkurrenten.

Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg machte bereits deutlich, dass Frankreich jeden Deal verhindern werde, der der Politik unpassend erscheine. Präsident Hollande legte am Montag nach: Schlüsselkriterien seien, die Alstom-Produktion und die damit verbundene Jobs in Frankreich zu halten.

Siemens will nach dem Treffen mit Hollande am Abend über eine etwaige Offerte für Alstom entscheiden. Im Anschluss an die Gespräche am Montagabend werde entschieden, welche Inhalte ein etwaiges Angebot hätte, teilte der Münchener Technologiekonzern mit. Bereits am Morgen hatte General-Electric-Chef Jeffrey Immelt mit seiner französischen Statthalterin Clara Gaymard bei Hollande vorgesprochen.

Wirtschaftsministerium sieht Chancen

Die Führung des deutschen Konzerns werde von Hollande empfangen, sagte Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg. Er werde auch selbst an diesem Gespräch teilnehmen. Hollandes Büro erklärte, das Treffen sei für 18.00 Uhr geplant. Ein Siemens-Sprecher in München bestätigte die Zusammenkunft Hollandes mit Siemens-Chef Joe Kaeser und Aufsichtsratschef Gerhard Cromme.

Zum Abschluss der Beratungen kommen dann laut Elysée-Palast am Abend Hollande und der Chef des Baukonzerns Bouygues, Martin Bouygues, zusammen. Der Konzern ist Alstom-Hauptaktionär und hält 29 Prozent an Alstom. GE soll sich für die Übernahmepläne bereits die Unterstützung des französischen Mischkonzerns gesichert haben. Mehr 63 Prozent der Anteile halten indes Mitarbeiter.

Die Bundesregierung befürwortet derweil eine Übernahme von Teilen des französischen Technologiekonzerns durch Siemens. Eine deutsch-französische Verbindung biete große industriepolitische Potenziale für beide Länder, teilte das Wirtschaftsministerium mit. Mit Frankreich werde eine Kooperation im Energiesektor angestrebt.

In hochrangigen Regierungskreisen hieß es, die Bundesregierung begleite die Siemens-Pläne "wohlwollend", jedoch ohne im Moment selbst aktiv zu werden.

Hat GE Alstom-Großaktionär im Boot?

Sowohl Siemens als auch GE sind Berichten zufolge an einer Übernahme von Teilen des Alstom-Konzerns interessiert. Dabei geht es vor allem um die Energiesparte des Konzerns. Bekannt ist das Unternehmen auch für den Prestige-Schnellzug TGV.

Bereits vergangenen Woche hatte die französische Regierung Bedenken gegen eine Teilübernahme durch GE geäußert. Diese wurden zu Wochenbeginn von Wirtschaftsminister Montebourg bekräftigte. Wenn der Großteil von Alstom aus den USA geführt werde, sei das "inakzeptabel". Französische Unternehmen seien "kein Freiwild", sagte der Ressortchef. Es gehe um die langfristigen Interessen des Konzerns, der Mitarbeiter und der Wirtschaft. "Alstom ist kein Unternehmen in Schwierigkeiten, aber ein Unternehmen, das eine weltweite Strategie entwerfen muss", sagte er. Man arbeite daran, die Offerten zu verbessern. Man sei offen für Allianzen, um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten.

Derweil hat der französische Mischkonzern Alstom die weitere Aussetzung seiner Aktien vom Handel beantragt. Die Papiere sind bereits seit dem vergangenen Freitag vom Handel ausgesetzt.

Erst am Vortag war die französische Regierung bei einem möglichen Deal zwischen Alstom und GE auf die Bremse getreten und hatte erklärt, sie werde keinen vorschnellen Deal bei als strategisch geltenden Vermögenswerten akzeptieren. Zudem bestätigte sie, dass Siemens einen alternativen Plan zu einer GE-Offerte vorgelegt habe. Frankreich werde sich nun eine "angemessene Zeit für eine ernsthafte Prüfung der Vorschläge" nehmen, erklärte das Wirtschaftsministerium. Alstom erklärte, seine strategischen Optionen für die Zukunft zu prüfen und am Mittwoch eine Ankündigung zu machen.

Siemens mit höherem Angebot?

Die alternative Siemens-Offerte schlägt Medienberichten zufolge faktisch eine massive Neuordnung mittels eines Tauschgeschäfts vor: Das deutsche Unternehmen würde Geschäfte im Schienenverkehr wie den Bau von ICE-Zügen und Lokomotiven an Alstom abgeben - wenn Siemens im Gegenzug das Energie-Geschäft der Franzosen übernehmen könnte.

Siemens könnten bei einem Spartentausch zudem das Angebot von General Electric (GE) überbieten: Wie aus einem Brief von Siemens-Chef Kaeser an Alstom-Chef, Patrick Kron, hervorgeht, schätzen die Münchener den Unternehmenswert der Sparten auf zehn Milliarden bis elf Milliarden Euro. In dem Schreiben nennt Kaeser dabei die drei Sparten Thermal Power, Renewable Power und Grid Divison.

Beim Aufkommen der Spekulationen über eine Übernahme von Alstom durch GE war aber ein Kaufpreis von rund 13 Milliarden Dollar oder rund 10 Milliarden Euro für das Gesamtunternehmen genannt worden.

Zudem soll es eine Arbeitsplatzgarantie geben: "Wir verpflichten uns, innerhalb der drei Jahre nach Abschluss des Geschäfts keine Mitarbeiter in Frankreich zu entlassen", schrieb Joe Kaeser weiter. Das dürfte angesichts der Aktionärsstruktur sowie der wirtschaftlichen Probleme Frankreichs nicht ohne Bedeutung sein. Durch das von Siemens angebotene Geschäft könnten zwei "starke europäische Champions" geschaffen werden. Ein Siemens-Sprecher wollte den Inhalt weder bestätigen noch kommentieren.

Starke Vorbehalte in Frankreich

Frankreichs Präsident Hollande hatte am Vorabend mit Spitzenvertretern der Regierung über die neue Entwicklung beraten. An dem Gespräch nahm neben Premierminister Manuel Valls auch Wirtschaftsminister Montebourg teil. Dieser hatte zum Siemens-Vorschlag zuvor gesagt: "Es geht darum, in den Branchen Energie und Transport zwei europäische und weltweite Spitzenreiter zu schaffen - den einen rund um Siemens, den anderen rund um Alstom".

Eine Übernahme Alstoms wäre zumindest eine Kampfansage von GE an Siemens. Die Amerikaner, vor allem in den USA stark, liegen in manchen Bereichen vor Siemens und verdienen gemessen am Umsatz deutlich mehr Geld. In Europa, vor allem in Deutschland hat Siemens die Nase vorn - und bietet GE auf dem US-Markt Paroli, etwa mit milliardenschweren Windkraftaufträgen oder bei Zügen. Siemens hat mit rund 60.000 Mitarbeitern in den USA Schlagkraft.

Skepsis am Markt

Am Markt reagieren Händler zurückhaltend. "Alstom sind zwei Tage ausgesetzt, da wird sich alles im Siemens-Kurs abspielen", sagt ein Händler. Die von Siemens genannte Bewertung der Alstom-Sparten sei "bei der vorhandenen Siemens-Liquidität kein Problem".

Allerdings gebe es generelle Zweifel an der Nützlichkeit der Sparten für Siemens und die Sorge vor kulturellen Problemen: "Ein 'Airbus der Energiebranche' wird dieselben Anlaufprobleme wie EADS haben". Auch gibt ein Analyst in einer ersten Einschätzung zu bedenken, "dass da zu viel Industriepolitik ins Spiel kommt, was eine effiziente Integration verhindern wird". Da auch einige Großaktionäre von Siemens dies so sähen, sei "das Zustandekommen dieses Deals noch überhaupt nicht sicher". Die Angst, "dass da beide daran kaputt gehen, ist groß".

Quelle: n-tv.de, jwu/DJ/AFP/dpa

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