Wirtschaft
Dienstag, 18. Mai 2010

Finanzaufsicht schafft Fakten: Bafin verbietet Leerverkäufe

Der Stein bei der Finanzmarktregulierung kommt ins Rollen. Wenige Stunden nach dem Beschluss der EU-Finanzminister zur Kontrolle von Hedgefonds legt die deutsche Finanzaufsicht Bafin nach und verbietet hoch riskante Spekulationen am Anleihen- und Aktienmarkt.

(Foto: AP)

Die Finanzaufsicht Bafin verbietet ab sofort so genannte "ungedeckte Leerverkäufe" von Staatstiteln der Euro-Staaten. Darüber hinaus untersagte sie solche Leerverkäufe auch bei Aktien von Finanzkonzernen und schob einen Riegel vor ungedeckte Kreditausfallversicherungen (CDS). Die Aufsichtsbehörde will damit gefährlich starke Schwankungen an den Märkten ausbremsen.

Neben Staatsanleihen aller Euro-Staaten dürfen auch Aktien von zehn Unternehmen der deutschen Finanzbranche vorläufig nicht mehr ungedeckt leer verkauft werden. Dazu zählen die Papiere der Aareal Bank, Allianz, Commerzbank, Deutsche Bank, Deutsche Börse, Deutsche Postbank, Generali Deutschland, Hannover Rück, MLP AG und der Munich Re.

Ein Sprecher der Deutschen Börse sagte in Hinblick auf das Verbot bei Aktien, er erwarte keine handelstechnischen Auswirkungen. Im späten europäischen Handel legten in Reaktion auf die Untersagung von ungedeckten Leerverkäufen von Staatsanleihen aus Euro-Ländern die Bundesanleihen deutlich zu.

Zauberkasten der Finanzjongleure

Das Verbot bedeutet für Investoren, dass sie nicht mehr so einfach von fallenden Kursen bei Staatsanleihen oder Aktien profitieren können. Es untersagt den Börsianern künftig, Aktien oder Anleihen zu verkaufen, die sie gar nicht besitzen. Bisher war diese hoch riskante Spielart der Finanzwetten geduldet. Nur in der heißesten Phase der Finanzkrise wurden solche Leerverkäufe für eine Übergangsfrist bereits einmal untersagt. Weiterhin ist es Börsianern jedoch möglich, über so genannte gedeckte Leerverkäufe bei fallenden Kursen zu gewinnen, wenn die leerverkauften Papiere vorher von einem anderen Marktteilnehmer ausgeliehen wurden.

Bei klassischen Leerverkäufen wetten Investoren auf fallende Kurse von Wertpapieren oder Währungen. Sie leihen sich zum Beispiel Aktien von anderen Anlegern, verkaufen diese und hoffen auf fallende Kurse. Wenn die Wette aufgeht und der Kurs der Aktie tatsächlich sinkt, kaufen sie die Aktie billiger wieder ein und geben sie dem Ausleiher zurück. Die Differenz zwischen hohem Verkaufskurs und niedrigem Kaufkurs ist dann ihr Gewinn.

Nur bei "gedeckten Leerverkäufen" leihen sich Investoren die betreffenden Titel am Markt vor der Verkaufsaktion aus. Bei "ungedeckten Leerverkäufen" gehen die Investoren ungeschützt an den Terminmarkt und verkaufen Aktien, ohne sie jemals gehalten zu haben, was Risiken und Profitchancen noch einmal drastisch erhöht. Wenn sich der Kurs des Wertpapier dann in eine andere als die erwartete Richtung bewegt, kann der Investor in erhebliche Schwierigkeiten geraten. Wenn das Geschäft in einer bestimmten Größenordnung stattfindet, kann der plötzliche "Zukaufzwang" zu einem scheinbar irrationalen Kaufpreis erhebliche Irritationen auslösen und sogar den Kurs des betreffenden Wertpapiers verzerren. Diese Geschäfte können damit die Kursausschläge einer Aktie drastisch beschleunigen.

Keine Kuckucksei-Versicherungen

Ein ebenso gewichtiger Schritt ist das Verbot ungedeckter Kreditausfallversicherungen bzw. Credit Default Swaps (CDS). Mit CDS können sich Gläubiger von Staatsanleihen gegen den Bankrott des Landes absichern. Was als Absicherungsinstrument entwickelt wurde, nutzten Spekulanten jedoch zuletzt im Zusammenhang mit Griechenland und anderen schwachen Euro-Staaten, um auf eine Pleite der Staaten zu wetten. Nun müssen Investoren, die sich gegen eine Pleite eines Staates absichern möchten, tatsächlich auch die Anleihen des Staates besitzen, gegen dessen Ruin sie sich absichern. Auch dies war bisher nicht der Fall.

Eine erste Reaktion an den CDS-Märkten ließ nicht lange auf sich warten. Die Ankündigung eines Verbots von bestimmten hochspekulativen Finanzgeschäften hat am Dienstagabend für Entspannung bei den Verbindlichkeiten einiger Euro-Staaten gegen Zahlungsausfälle gesorgt. Die Kosten für griechische, britische, italienische, irische, portugiesische und deutsche Kreditausfallversicherungen sanken. Die griechischen Credit Default Swaps verbilligten sich nach Angaben des Datenanbieters Markit Intraday um 58 Basispunkte auf 607 Basispunkte. Die portugiesischen CDS gingen um neun Basispunkte auf 271 Basispunkte zurück, die für irische um zehn Stellen auf 199 Basispunkte. Deutsche CDS gaben um fünf Basispunkte auf 44 Basispunkte nach.

Lehman lässt grüßen

Das Verbot ungedeckter Leerverkäufe und CDS gilt vorerst bis Ende März 2011. Bis dahin will die Bafin das Verbot laufend prüfen. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Herbst 2008 hatten bereits mehrere Aufsichtsbehörden weltweit mit befristeten Notverfügungen "ungedeckte Leerverkäufe" untersagt. In Deutschland sind diese nach einem eineinhalbjährigen Verbot seit Anfang Februar wieder erlaubt.

Manchmal geht es ganz schnell: Die Bafin sitzt in Bonn und Frankfurt.
Manchmal geht es ganz schnell: Die Bafin sitzt in Bonn und Frankfurt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht - kurz Bafin - vereinigt seit ihrer Gründung im Mai 2002 die Aufsicht über Banken und Finanzdienstleister, Versicherer und den Wertpapierhandel unter einem Dach. Die BaFin ist eine selbstständige Anstalt des öffentlichen Rechts und unterliegt der Rechts- und Fachaufsicht des Bundesfinanzministeriums. Sie finanziert sich aus Gebühren und Umlagen der beaufsichtigten Institute und Unternehmen. Damit ist sie unabhängig vom Bundesetat.

Quelle: n-tv.de