Wirtschaft
Das "Crypto Valley" Zug in der Schweiz.
Das "Crypto Valley" Zug in der Schweiz.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 19. November 2017

Steueroase hofiert Kryptoszene: "Es geht nicht um Bitcoin, sondern Dynamik"

Bitcoin, e-Identität, selbstfahrende Busse - in der Schweizer Steueroase Zug hat die Zukunft schon begonnen. Eine Strategie gibt es nicht, sagt Stadtpräsident Dolfi Müller n-tv.de. Zug war vor einem Jahr der erste Ort, der die Kryptowährung Bitcoin in der öffentlichen Verwaltung eingeführt hat. Doch den Schweizern geht es um mehr. Zug ist zum Startup-Mekka der Kryptoszene geworden. Wer mit der Technologie Blockchain, die hinter dem Bitcoin steht, experimentiert, ist willkommen. Was das Internet für die Information sei, sei die "Block-Kette" für die Transaktion, erklärt Müller. Kryptowährungen, Fintech, Insurancetech - spannende Anwendungen gebe es Tausende. Auch die neue e-Identität, mit der die Stadt seit kurzem wirbt, ist in diesem dezentralen digitalen Register abgespeichert. Betrüger in der Kryptoszene fürchtet Müller nicht.

n-tv.de: Der Kanton Zug ist reich. Es gibt jede Menge richtiges Geld. Warum hat die Stadtverwaltung vergangenes Jahr entschieden, die Kryptowährung Bitcoin als Zahlungsmittel zu akzeptieren - und damit aus dem 30.000-Seelen-Ort Zug ein Krypto-Mekka zu machen?

Dolfi Müller: Es war so, als ob 2014 in Zug ein Ufo mit der Blockchain an Bord gelandet wäre. Damals kamen die ersten Blockchain-orientierten Startup-Firmen zu uns und gründeten das Crypto Valley. Das Interesse an Big Data und Robotik wuchs. Meine vier Kollegen im Stadtrat und ich wollten wissen, wie diese Währung Bitcoin und die Blockchain-Technologie dahinter funktionieren. Ein Student hat es uns erklärt. Beim anschließenden Mittagessen kam uns dann die Idee, Bezahlung in Bitcoin zu akzeptieren. Das Einwohnermeldeamt hat niedrige Tarife, deshalb ist es gut geeignet. Das Echo war überraschend groß. Die halbe Welt kam nach Zug. Wir waren die ersten, die dieses Experiment gewagt haben.

Das hört sich nach einem Alleingang des Stadtrats an. Hat niemand protestiert?

Dolfi Müller, Stadtpräsident von Zug.
Dolfi Müller, Stadtpräsident von Zug.

Manche Bürger von Zug haben schon ein bisschen das Gefühl, dass ihre Stadtväter und -mütter spinnen. Aber es ist wichtig, dass wir ein neues Denken nach Zug gebracht haben. Wir tun's einfach, haben wir uns gesagt. Wenn das Ufo schon bei uns gelandet ist, fackeln wir nicht lange und nutzen die Chance. Vielleicht ist der sympathische E.T. im Raumschiff drin, vielleicht aber auch was Schlimmes. Trotzdem: Wir wollen wissen, was da läuft. Wir müssen vorangehen.

Und wollen jetzt alle in Zug mit Bitcoin zahlen?

Tatsächlich haben im Einwohnermeldeamt seitdem nur knapp 50 Leute mit Bitcoin gezahlt. Leute aus der Blockchain-Szene, die hier arbeiten wollen und Bitcoin in ihrer elektronischen Geldbörse haben, können sich damit bei uns anmelden - von Handy zu Handy. In der Stadt haben wir Weinhändler, Treuhänder, einen Zahnarzt und einen Immobilienhändler, die Bitcoin akzeptieren. Das ist praktisch, aber das steht für uns nicht im Zentrum. Es geht ums Drumherum, um die Dynamik.

Was hat sich inzwischen noch geändert?

Die Krypto-Community ist gewachsen: Es gibt mittlerweile schätzungsweise über 60 Blockchain-Startups. Wir haben eine Firma, die sich bemüht, diese hier anzusiedeln - sie bietet sogenannte Coworking-Spaces an, Büros oder Schreibtische auf Zeit, wo Freiberufler, Projektarbeiter oder Gründer die Büroinfrastruktur günstig nutzen und Kontakte knüpfen können. In dem Bereich ist Riesendynamik drin. In Zug finden Blockchain-Konferenzen statt, jetzt im November und im kommenden Jahr eine große, zu der auch Juristen eingeladen sind. Es gibt großen regulatorischen Handlungsbedarf. Das Bitcoin-Experiment hat auch eine technologische Lawine bei uns losgetreten. Die Schweizerische Bundesbahn bringt einen selbstfahrenden Bus nach Zug, der auf öffentlichen Straßen fahren wird. Da können die Menschen den technologischen Fortschritt direkt erleben. Wir sind offen für alle neuen Technologien.

Was gibt es noch?

Diese Woche haben wir die digitale Identität auf der Blockchain-Technologie vorgestellt. Ich habe als erster Zuger so einen e-Pass. Der Schlüssel für das digitale Schließfach mit meinen persönlichen Daten liegt jetzt beim Staat. Wenn der sagt, Herr Dolfi Müller, der etwas im Internet kaufen will, ist wirklich Herr Müller, dann ist das so. Diese Identität kann bei jeder Geschäftsabwicklung fälschungssicher nachgewiesen werden. Das ist besser als ein Pass aus Papier. Großrechner einer Behörde können gehackt werden, die Blockchain nicht. Die Daten sind sicher, weil sie dezentral verteilt sind. Wir in Zug können garantieren: Du bist der Herr über deine Daten, du bestimmst, was du herausgibst.

Sie wollen Menschen mit der e-Identität nach Zug locken?

Wir werden die Menschen nur begeistern können, wenn die Stadt Leistungen anbietet, die Nutzen stiften. Die Menschen müssen das Gefühl haben, dass es sich für sie lohnt. Wir haben schon Ideen für die nächsten ein bis zwei Jahre. Man könnte sich mit der e-Identität ins Wlan einwählen. Man könnte die Gebühren im Parkhaus, für den städtischen Fahrradverleih oder die Leihbücherei bezahlen. In jedem Fall bräuchte man sich nur über das Handy einbuchen. Unsere Zuger Spezialität ist die Blockchain. Ein Schweizer Zukunftsforscher hat gesagt: "Was das Internet für die Information ist, ist die Blockchain für die Transaktion." Das hat viel Zukunftspotenzial.

Wer managt das Projekt?

Bitcoin

Im Gegensatz zu den offiziellen Währungen wie Euro und Dollar steht hinter den Bitcoins keine Zentralbank. Vielmehr werden sie an leistungsstarken Rechnern produziert, sie können gestückelt werden. Ihre Menge ist begrenzt, irgendwann soll es höchstens 21 Millionen Bitcoins geben. Im Prinzip sind Bitcoins Goldkörner, die mit einer Seriennummer versehen sind. An bestimmten Börsen können sie in reales Geld getauscht werden

Hinter der digitalen Währung steht die komplexe Blockchain-Technologie. Ihr wird zugetraut, herkömmliche Verfahren zur Absicherung des Zahlungsverkehrs abzulösen. Das heißt: Sie funktioniert wie ein virtuelles Kassenbuch, über das sich Geschäfte direkt zwischen den Parteien durchführen lassen. Einen Abwickler für die Geschäfte - wie etwa eine Börse - braucht es nicht mehr.

Das Prinzip einer Blockchain ist, dass verschlüsselte Daten über alle Transaktionen auf mehreren Rechnern gespeichert werden. Dabei werden neue Informationen wie weitere Blöcke in chronologischer Reihenfolge an die Kette vorheriger Daten angehängt - daher auch der Name (etwa: Blockkette).

Es braucht keine Riesen-Strategien. Hinter dem Experiment steht keine generalstabsmäßige Standortpolitik. Die Stadt hat gar nicht die Kapazitäten, um sich darum zu kümmern. Das Ganze ist vor allem privatwirtschaftlich organisiert. Die Investmentfirma Lakeside Partners tut sich hier hervor. Sie organisiert zum Beispiel eine Konferenz zu Insurancetech (e-Versicherungen), die nächste Woche stattfindet. Insurancetech ist eine von Tausenden Anwendungen von Blockchain. Dazu gehört zum Beispiel eine Flugausfallversicherung als smart contract. Das funktioniert ganz simpel: Sie bezahlen die Prämie. Wenn der Flug drei Stunden Verspätung hat, wird gezündet und die Blockchain gibt die Regresszahlung frei. Es gibt keine Mittelsleute mehr.

Und welche Rolle spielt die Stadt Zug dabei?

Wir schaffen die Rahmenbedingungen und übernehmen eine Vorbildfunktion. Einen großen Wurf haben wir nicht. Wir können nicht mit den Fingern schnippen und dann haben wir eine Smart City, die in jeder Beziehung führend auf der Welt ist. Das schaffen wir nicht. Wir können nur eine Idee vorleben und Schritt für Schritt Beispiele bringen. Mut zur Lücke und Fehlerkultur, trial and error. Der Kanton Zug hat vor 70 Jahren ein Steuergesetz erlassen, das revolutionär war. Als die Globalisierung in den 60er, 70er Jahren aufkam, hat der Ort sehr davon profitiert. Aber Zug ist inzwischen nicht mehr am günstigsten in der Schweiz. Jetzt werben wir mit dem technologischen Fortschritt für uns. Geld ist wichtig, aber Lebensqualität auch.

Überwachen Sie, was sich bei Ihnen tut, wer sich bei Ihnen ansiedelt?

Sie meinen, was wir tun, wenn aus dem Ufo die kriegerischen Klingonen aus dem Star-Trek-Universum steigen? (lacht) Überall, wo es um Geld, Spekulation und volatile Währungen geht, wird es interessant für schwarze Schafe. Aber die können aus allem etwas Negatives machen. Bargeld ist das Übelste. Es zieht mehr Kriminelle an als Bitcoin. Ich sage mal, es gibt natürlich auch Probleme und Streitigkeiten bei uns. Es passieren Dinge, die dem Ruf der Sache nicht nur zuträglich sind. Man muss eine Nase dafür haben.

Also haben die bösen Außerirdischen das große Buffet, das Sie aufgebaut haben, noch nicht gestürmt? Oder haben Sie es nur noch nicht gemerkt?

Es gibt Knatsch beim privaten Startup Tezos, das ein Initial Coin Offering gemacht hat, bei dem Anleger Bitcoin und Ethereums im aktuellen Gegenwert von 650 Millionen Dollar in sogenannte Tezzies getauscht haben. Leider beträgt der Gegenwert in Tezzies nun null Dollar, weil die Gründer nie Tezzie ausgegeben haben. Geprellte Anleger haben deshalb eine Sammelklage vor dem Superior Court of California eingereicht. Ich will es nicht verharmlosen. Aber die Leute, die ich hier in der Szene kenne, sind im Großen und Ganzen idealistisch motiviert. Denen geht es nicht um die Geldbörse.

Mit Dolfi Müller sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de