Wirtschaft

Schuldenkrise in der Bundesliga Der Fußball erlebt seinen Lehman-Moment

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Blick in die leere Allianz-Arena vor dem Spiel Bayern München - FC Schalke 04.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Pandemie hat den Sport schwer erwischt. Angesichts leerer Ränge sind bei vielen Bundesliga-Klubs die Finanzpuffer aufgezehrt. Der Sanierungsexperte Dirk Adam spricht mit "Capital" über mögliche Pleiten und Domino-Effekte. "Die Branche sollte innehalten und sagen: So geht es nicht weiter."

Für die Profiklubs gelten derzeit unterschiedliche Vorgaben für die Zulassung von Zuschauern - je nach Corona-Lage und Entscheidung der zuständigen Behörden. Zum Saisonauftakt waren bei RB Leipzig 8.500 Zuschauer erlaubt, beim 1. FC Köln keine, beim KSC dürfen vorerst 450 rein. Ist das nicht eine Wettbewerbsverzerrung?

Dirk Adam: Natürlich. Die unterschiedlichen Erlöspotenziale bei den Ticketverkäufen führen zu einer ganz erheblichen Verzerrung des wirtschaftlichen Wettbewerbs. Die Folgen hieraus werden oftmals erst mit zeitlichem Versatz sicht- und fühlbar.

Sollte die DFL dann einheitliche Vorgaben für die Klubs erlassen?

Aus meiner Sicht ist hier nicht in erster Linie die DFL gefragt, sondern die Politik. Letztlich sind die unterschiedlichen Vorgaben für die Zuschauerzahlen ein Ergebnis des Föderalismus, weil für den Infektionsschutz die Länder zuständig sind. Was wir brauchen, ist eine bundeseinheitliche, systematische, aber auch risiko-dynamische Regelung für Lockerungen in den Stadien, die mit einheitlichen Hygiene-Konzepten umgesetzt werden.

Durch das Wegbrechen der Ticketerlöse und anderer Einnahmen in der Corona-Krise ist deutlich geworden, wie dünn die Kapitalpuffer bei einigen Bundesligisten sind. Schalke benötigt eine Staatsbürgschaft, Werder Bremen einen KfW-Kredit. Beim KSC haben Sie im Frühjahr eine Insolvenz knapp abgewendet, indem Gläubiger auf Forderungen verzichtet haben. Wie ernst ist die Lage der Branche?

Ich glaube, dass viele Klubs ähnliche Probleme haben wie der KSC, einige sogar noch deutlich gravierendere. So wie sie in den vergangenen Jahren gehaushaltet haben, können zahlreiche Vereine die Krise nicht überstehen - abgesehen von den drei oder vier finanzstärksten Klubs. Doch manche Klubmanager verkennen die Krise und setzen lieber auf eine Strategie aus Hoffen, Bangen und Fokussierung auf sportliche Aspekte.

Droht auch im Profifußball eine Pleitewelle?

Ob es zu einer Pleitewelle kommt, lässt sich heute noch nicht abschätzen. Aber sollte tatsächlich ein Klub Insolvenz anmelden müssen, könnte das zu einem Dominoeffekt führen. Gefährlich werden könnte es etwa, wenn die Politik die Beschränkungen für Großveranstaltungen, die bislang bis Jahresende befristetet sind, verlängern sollte. Dann müssten alle Vereine ihre Umsatzplanung für 2021 überarbeiten, und manche könnten feststellen, dass sie nicht mehr durchfinanziert sind. Deshalb sollten sich die Vereine und Spielbetriebsgesellschaften frühzeitig Rat holen - und zwar nicht von klassischen Sportberatern und Sportrechtlern, sondern von Restrukturierungs- und Sanierungsexperten.

In der Fußballbranche ist die Bereitschaft, sich Rat von außen zu holen, nicht besonders ausgeprägt, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Dieser Eindruck ist auch bei mir entstanden. Bei vielen Vereinen gibt es im Umfeld Leute mit einem gewissen Sachverstand, die in Gremien sitzen oder dem Klub nahestehen, und sich voller Enthusiasmus einbringen wollen. Zum Beispiel jemand, der sagt: Ich habe ein Unternehmen mit 3000 Leuten, ich weiß, wie das läuft. Doch diese Leute können in der Regel nicht nüchtern und objektiv entscheiden, wenn es um den Klub geht, bei dem sie Mitglied oder Fan sind. Und nicht jeder, der ein Unternehmen hat, weiß auch, wie ein Turnaround funktioniert und was zu tun ist, wenn es wirklich eng wird.

Das heißt, die unzureichende Corporate Governance in vielen Fußballunternehmen wird jetzt zu einem Faktor, der die Krise noch verschärft?

Definitiv. Im Fußball sind die Gremien eines Klubs nicht selten von Sympathien und Antipathien geprägt. Das führt dazu, dass wichtige Entscheidungen stark durch Emotionen beeinflusst werden. Das erschwert manchmal, sachliche Lösungen zu finden. Auch deshalb können in der Krise Berater von außen helfen, weil sie unbelastet sind und objektiv entscheiden können. Beim KSC ist uns die Rettung gelungen, weil wesentliche Gremien des Vereins und der Spielbetriebsgesellschaft von Beratern vertreten wurden, die trotz unterschiedlicher Interessen vertrauensvoll und zielorientiert zusammengearbeitet haben.

"Brückenfinanzierung wäre eine Aufgabe der KfW"

In der Krise haben Bund und Länder viele Hilfsprogramme für einzelne Branchen aufgelegt. Braucht auch der Profisport ein Rettungspaket der KfW?

Die meisten Bundesligisten haben das gleiche Grundproblem wie viele Unternehmen aus anderen Branchen: Sie haben zu wenig Eigenkapital und zu wenige Rücklagen und sind deshalb schnell am Limit. Viele Vereine benötigen jetzt eine Brückenfinanzierung, um Zeit zu gewinnen, frisches Eigenkapital zu beschaffen und bilanziell sinnvoll langfristig aufzubauen. Genau das wäre die Aufgabe der KfW, unter Vermittlung von DFL und DFB solche Brückenfinanzierungen bereitzustellen, vielleicht auch mit geringen Sicherheiten. Dabei ist auch vorstellbar, dass die DFL oder der DFB Garantien für die Ausfallrisiken übernimmt. Auf diese Weise könnten die Vereine endlich beginnen, ihre Bilanzen zu sanieren. Denn gesunde Bilanzen sind die Voraussetzung, um Eigenkapital aufzubauen, etwa durch den Verkauf von Anteilen und Aktien an Investoren und nicht zuletzt an Fans.

Eigentlich soll das Lizenzierungsverfahren der DFL verhindern, dass Vereine unsolide wirtschaften. Warum sind die Bilanzen vieler Klubs trotz eines jahrelangen ununterbrochenen Booms der Bundesliga so katastrophal?

Die DFL prüft in ihrem Lizenzierungsverfahren schwerpunkthaft, ob ein Bundesligist ausreichend Liquidität hat, um am Spielbetrieb der kommenden Saison teilzunehmen. Die langfristige Verschuldung spielt im Lizenzierungsverfahren eine nur untergeordnete Rolle. Das Grundproblem im Profifußball ist der wahnsinnige Investitionsdruck, der zu einer Schuldenspirale führt. Auch das System, nach dem heute die Medienerlöse der Bundesliga unter den 36 Profiklubs verteilt werden, fördert Überinvestitionen, indem die sportlich erfolgreichsten Klubs am meisten Geld bekommen - unabhängig von ihrem finanziellen Einsatz. Das hat dazu geführt, dass die Vereine kaum oder jedenfalls zu wenig Rücklagen haben und jetzt in der Krise sofort verwundbar sind.

Wie lassen sich diese Anreize zum Schuldenmachen beheben?

Die DFL könnte die Fehlanreize beheben, indem sie bei der Verteilung der Medienerlöse das Verhältnis von sportlichem Erfolg und finanziellem Einsatz der Vereine stärker gewichtet und letztlich honoriert. Wenn zum Beispiel zwei Klubs am Ende der Saison auf den Plätzen acht und neun landen und der Neunte nur die Hälfte des Etats zur Verfügung hatte, dann sollte er mehr Geld aus dem Medientopf der DFL bekommen als der Achte. Denn dieser Verein hat eine ähnliche sportliche Leistung gebracht bei einer viel geringeren Investitionssumme. Auf diese Weise könnte die DFL dem Wettbewerb der Überinvestitionen die Grundlage entziehen. Damit wäre auch dem Anreiz der immer weitergehenden Verschuldung die Grundlage entzogen.

Das wäre ein Thema für die Task Force, die für DFL-Chef Christian Seifert Vorschläge für die Zukunft des Profifußballs erarbeiten soll…

Wenn wir über die Zukunft des Profifußballs sprechen, dann wäre auch eine "Task Force Bilanzsanierung" der DFL sinnvoll, die sich mit der Eigenkapitalsituation und der Verschuldung der DFL-Mitgliedsunternehmen beschäftigt. Diese Task Force sollte in die Klubs entsandt werden, um diese bei der Befundanalyse und der anschließenden Sanierung zu unterstützen. Im Fußball hat sich in den vergangenen Jahren eine Finanzierungskultur etabliert, bei der wesentliche Verbindlichkeiten gar nicht in der Bilanz auftauchen – beispielsweise über Schuldscheindarlehen mit Nachrangabreden und Besserungsschein. Die 20 Mio. Euro, die wir im Frühjahr beim KSC entschuldet haben, waren in der Bilanz beispielsweise größtenteils nicht sichtbar.

Ein anderes Beispiel ist der HSV, der in seinen Anleiheprospekten Schuldscheindarlehen erwähnte. Welche Vereine nutzen diese Instrumente noch?

Ich bitte um Verständnis, dass ich zu konkreten Vereinen nichts sagen kann. Aber aus meinen Mandaten und dem Austausch mit Kollegen ist mir bekannt, dass viele Bundesligisten in der Vergangenheit auf Schuldscheindarlehen mit Besserungsschein zurückgegriffen haben, um Spielertransfers und Unterdeckungen in einer abgelaufenen Saison zu finanzieren. Das Problem dieser Finanzierungsinstrumente ist, dass sie künftige Gewinne aufsaugen und Investitionen verhindern – denn wenn Einnahmen etwa durch Transfererlöse fließen, müssen zuerst die Besserungsscheine bedient werden. Das schreckt auch Investoren ab: Eine Aktie, die auf mittlere Sicht keine Dividenden abwirft, weil zunächst Transferverbrechen der Vergangenheit bereinigt werden müssen, will eigentlich sehenden Auges niemand kaufen.

Reform der 50+1-Regel "ist keine Lösung"

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Dirk Adam ist Rechtsanwalt und Partner der Sozietät Wellensiek. Als Restrukturierungs- und Sanierungsexperte berät er mittelständische Unternehmen, auch aus dem Profifußball. Im Frühjahr war er beim Karlsruher SC als Berater daran beteiligt, die Insolvenz zu vermeiden.

Manche Klubs hoffen darauf, sich in der Krise durch Anteilsverkäufe über Wasser halten zu können. Selbst der FC Schalke als einer der letzten eingetragenen Vereine in der Bundesliga erwägt die Ausgliederung seiner Profiabteilung. Ist die Hoffnung, sich zur Not von Investoren retten zu lassen, also trügerisch?

Wer jetzt unter Druck eine Ausgründung mit Aktienverkäufen durchzieht, geht nicht zuletzt auch strafrechtliche Risiken ein. Denn solange die Bilanzen nicht sauber sind, kann es sein, dass ein Verein Aktien verkauft, für die es praktisch - wegen der auflebenden Besserungsscheinabreden - keine Gewinnbezugsrechte gibt. Bevor ein Bundesligist seriös über den Verkauf von Anteilen nachdenken kann, um frisches Eigenkapital aufzunehmen, muss er sich daher im ersten Schritt zwingend entschulden. Deshalb ist es auch viel zu früh, jetzt unter dem Eindruck der Corona-Krise über die 50+1-Regel und die Rolle von Investoren in der Bundesliga zu diskutieren. Die akuten Probleme des deutschen Fußballs können nicht durch eine Reform der 50+1-Regel gelöst werden. Erst wenn die akuten Probleme im Bereich Verschuldung und Eigenkapital gelöst sind, gewinnt 50+1 in der Praxis überhaupt erstmals in der Breite Relevanz.

Kann die Corona-Krise am Ende auch eine reinigende Wirkung für die Branche haben?

Die Corona-Krise ist für den Fußball, was die Lehman-Krise für die Finanzwelt war - ein Anlass zum Analysieren und Reformieren. Die Branche sollte innehalten und sagen: So geht es nicht weiter. Auch im Fußball sind in den vergangenen Jahren viele Zombie-Unternehmen entstanden, die sich immer an der Grenze der Zahlungsfähigkeit bewegt haben. Jetzt führt die Krise dazu, dass der schon lange subkutan vorhandene Handlungsbedarf mit existentieller Tragweite offensichtlich wird. Das tut zwar weh, weil der Anlass schmerzhaft ist. Aber es ist immer gut, wenn man die Probleme angeht – vor allem, weil die Situation dafür günstig ist: Solange ich als Turnaround-Spezialist und Sanierer in besonderen Situationen tätig geworden bin, waren die Gläubiger noch nie so verständnisvoll und bereit, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, wie in dieser Zeit. Dadurch sind Entschuldungen innerhalb kurzer Zeit möglich, wenn man sie professionell angeht. Der Bedarf hierfür ist derzeit auf breiter Ebene gegeben - nicht nur im Fußball.

Mit Dirk Adam sprach Thomas Steinmann

Das Interview erschien am 24. September bei "Capital.de".

Quelle: ntv.de