Wirtschaft

Swapfiets-Gründer im Interview "Der Trend könnte das Jahrhundert prägen"

343472-Swapfiets Deluxe 7-e2d9f0-original-1579854224.jpg

Die blauen Reifen sind das Markenzeichen von "Swapfiets".

Drei junge Männer aus den Niederlanden haben vor sechs Jahren eine Fahrradfirma gegründet. Ihre Idee klingt simpel und ist gleichzeitig sehr erfolgreich: Swapfiets-Kunden teilen ihr Rad nicht dauernd mit anderen, sondern abonnieren es. Dafür zahlen sie eine Monatsmiete, die Wartung und Reparaturen enthält. Ist zum Beispiel mal der Reifen platt oder funktioniert das Licht nicht mehr, tauscht das Unternehmen das Rad einfach aus. Daher stammt auch der Name: "Swap" für tauschen und "fiets" für die niederländische Übersetzung von "Rad". Mittlerweile sieht man die Fahrräder in vielen deutschen Uni- und Großstädten. Bislang hat die Firma kaum Konkurrenz. Die blauen Vorderreifen, ein Marketing-Trick des Gründer-Trios, sind besonders bei jungen Leuten sehr beliebt.

ntv.de: Herr Burger, wer hatte eigentlich die Idee mit dem blauen Vorderreifen?

Wer genau, kann ich nicht verraten. Wir als Gründer haben darüber diskutiert, wie wir auf unser Produkt aufmerksam machen können, damit es im Kopf bleibt. Die Menschen sollen im bunten Treiben der Stadt unsere Räder erkennen und sagen: "Hey, das ist ein Swapfiets."

In wie vielen Ländern sind Sie momentan vertreten und wie viele Fahrräder sind dort bereits unterwegs?

Die Anzahl der Fahrräder ergibt sich aus der Anzahl der Mitglieder, denn jeder hat sein eigenes Swapfiets, und davon haben wir mehr als 200.000. Aktuell bieten wir unser Konzept in sechs verschiedenen Ländern an. In den Niederlanden, in Deutschland, Belgien und Dänemark sind wir schon seit einigen Jahren am Markt und kürzlich sind wir auch in Frankreich und in Italien gestartet. Auch in England werden wir in diesem Jahr unsere erste Filiale eröffnen.

Sie und Ihre Mitgründer haben Marinetechnik an der Technischen Universität Delft studiert. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet ein Fahrrad-Unternehmen zu gründen?

Das Schiffsmaschinenbau-Studium hat nicht viel mit unserem Geschäft zu tun. Während unseres Studiums ist uns aber aufgefallen, dass viele unserer Kommilitonen ständig Probleme mit ihrem Fahrrad hatten. So kamen wir auf die Idee, Fahrräder auf monatlicher Basis zu vermieten und einen Service anzubieten, der bei Problemen zur Stelle ist.

Entscheiden sich Ihre Kunden vor allem wegen des Service für Swapfiets?

Tatsächlich ist der Service genau das, wofür unsere Kunden Geld zahlen und warum uns viele lange treu bleiben. Einige Mitglieder sind schon mehrere Jahre bei uns. Es geht bei unserem Konzept weniger darum, ein Fahrrad zu besitzen, sondern darum, sich ohne die Mühen von Wartung und Reparatur mit einem eigenen Rad in der Stadt bewegen, es jederzeit nutzen zu können.

Durch die Corona-Krise konnten viele Fahrradhändler ihren Umsatz kräftig steigern. Profitieren Sie auch von der aktuellen Situation?

Schon vor der Krise haben wir festgestellt, dass immer mehr Menschen ihr Mobilitätsverhalten überdenken und sich verändern wollen. Nachhaltige Konzepte werden immer wichtiger. Das Coronavirus war für uns eher ein zusätzlicher Anschub, viele Menschen wollen sich möglichst unabhängig und sicher fortbewegen. Wir sind vor allem in Großstädten stark gewachsen, was unter anderem, aber eben nicht nur, auf die Pandemie zurückzuführen ist.

Das Konzept von Swapfiets ist ziemlich simpel: Fahrräder vermieten und sie reparieren, wenn sie kaputtgehen. Warum ist keiner vor Swapfiets auf diese Idee gekommen?

359754-EDG06990-faa436-original-1595411029 (1).jpg

Richard Burger ist der jüngste der drei Gründer.

Das müssen Sie die anderen fragen. Nein, Spaß beiseite. Ehrlich gesagt haben wir uns die gleiche Frage auch gestellt. Wir haben beobachtet, dass sich in vielen Bereichen der Trend zum Sharing durchsetzt, jedoch noch nicht in der Fahrradbranche. Im Endeffekt hat vor allem das Timing gestimmt. Wie ich bereits erwähnt habe, ändert sich aktuell die Einstellung vieler Menschen. Wir haben die Möglichkeit erkannt und es einfach gemacht.

Haben Sie Angst, dass Ihr Konzept nur einer von vielen Trends sein könnte?

Es gibt immer Risiken. Wir hatten den Kaufen-Wegwerfen-Trend mehr als 100 Jahre lang, vielleicht werden Ideen wie unsere die nächsten 100 Jahre prägen. Wir müssen unseren Job einfach gut machen, indem wir unseren Mitgliedern einen Mehrwert bieten. Wir stehen zu unserer Absicht, Städte lebenswerter zu machen. Solange das der Fall ist, bleiben wir auch am Markt. Aber klar, es wird neue Trends, neue Modelle und noch einige Veränderungen geben.

Im Vergleich zu den Niederlanden sind die Fahrradwege in Deutschland viel schlechter ausgebaut. Könnte das und Ihr Fokus auf Großstädte das Wachstum in Deutschland nicht einschränken?

Die Fahrradwege sind zwar in einigen Städten noch nicht optimal entwickelt, aber daran wird gearbeitet. Uns fällt auf, dass viele Städte in eine bessere Fahrradinfrastruktur investieren, um die Stadt lebenswerter und nachhaltiger zu machen. Das ist ein langwieriger Prozess, doch er ist im Gange.

Allerdings wird nicht so viel Geld investiert wie zum Beispiel in den Niederlanden.

Das stimmt, doch in vielen deutschen Städten wächst die Nachfrage nach gut ausgebauten Fahrradwegen. Das bleibt auch der Politik nicht verborgen. Viele Städte haben gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann, dass sich etwas ändern muss. Wir glauben fest daran, dass wir zu diesem Prozess beitragen können. Lokal stehen wir deshalb auch mit den Städten in Kontakt.

Die meisten Swapfiets-Nutzer sind junge Menschen. Warum sieht man bislang kaum Ältere auf Ihren Fahrrädern?

Wir richten uns nicht nach dem Alter, sondern danach, wie oft die Person das Fahrrad nutzen will. Unser Fokus liegt ganz klar auf Städten und auf Menschen, die ihr Fahrrad dort sehr oft nutzen möchten. Aber natürlich ist das Konzept neu: Unsere Kunden haben ein Abonnement und besitzen das Fahrrad nicht, sondern benutzen es nur. Zurzeit beobachten wir, dass eben genau das bei jüngeren Menschen immer beliebter wird. Aus diesem Grund sehen wir in dem Bereich ein großes Wachstumspotenzial. Ich glaube, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch ältere Menschen erkennen, dass man ein Fahrrad nicht unbedingt besitzen muss.

Gibt es andere Unternehmen, die ähnlich schnell wachsen?

Um ehrlich zu sein, haben wir im gleichen Markt bislang kaum Konkurrenz. In Europa sind wir auf unserem Gebiet der größte Anbieter, wahrscheinlich sogar weltweit. Aber klar, es gibt ähnliche Konzepte, und ich glaube, dass diese auch funktionieren können. Wir begrüßen sogar andere Ideen, weil auch sie dazu beitragen, Städte lebenswerter zu machen. Wenn weniger Schadstoffe in der Luft sind, profitieren wir alle davon. Aus diesem Grund finde ich den Wettbewerb um Nachhaltigkeit gut. Am Ende entscheidet jedoch der Kunde, welches Konzept das Beste ist und wer damit Erfolg hat.

Swapfiets testet nun auch E-Scooter in Berlin. Die stehen in der Kritik, weil sie schnell kaputtgehen und oft auch Vandalismus zum Opfer fallen. Das ist dann alles andere als nachhaltig. Stehen nicht schon genug E-Scooter in den Städten herum?

Das mag sein, aber auch da unterscheiden wir uns von unseren Mitbewerbern. Was Sie meinen, ist das Sharing-Business-Modell: Das sind die Scooter, die überall auf der Straße herumstehen und geteilt und von jedem benutzt werden können. Wir nutzen zwar das gleiche Produkt, aber wir gehen anders an die Sache heran. Jeder Swapfiets e-Kick, den Sie auf der Straße sehen, gehört einem unserer Mitglieder. Der Nutzer zahlt eine monatliche Summe für den Scooter und genau wie beim Fahrradmodell übernehmen wir den Service. Sie werden also keinen kaputten Scooter von Swapfiets auf der Straße herumliegen sehen. Wir haben gezeigt, dass dieses Konzept bei Fahrrädern sehr erfolgreich ist, nun werden wir das auch bei den Scootern ausprobieren.

Also Sie glauben an das Konzept der E-Scooter, trotz vieler Kritik?

Ich glaube an lebenswertere Städte, und das schaffen wir nur durch mehr Mikromobilität. Natürlich haben wir viele Fahrräder, die keine Batterie brauchen. Mit Fahrrädern kommen aber nicht alle Menschen überall hin, insbesondere nicht in sehr großen Städten wie Berlin. Nachhaltige Transportmittel brauchen eine hohe Reichweite. E-Scooter erhöhen die Reichweite und erlauben die einfachere Verknüpfung mit existierenden öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn Menschen diese dann auch nutzen und dafür auf Autos verzichten, klar, dann glaube ich an den Erfolg der E-Scooter.

Lösen batteriebetriebene Fahrzeuge Fahrräder irgendwann komplett ab?

Momentan sind Fahrräder der mit Abstand wichtigste Teil unseres Geschäfts. Sie waren lange Zeit das einzige Produkt, das wir hatten. Wie sich das weiterentwickelt, weiß ich nicht, das wird sich zeigen. Aber ich glaube schon, dass batteriebetriebene Fahrzeuge eines Tages einen großen Teil unserer Firma ausmachen werden.

Mit Richard Burger sprach Jakob Schreiber

Quelle: ntv.de