Wirtschaft

Unternehmen ignorieren Risiken Deutschlands Spitzenplatz ist in Gefahr

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Autoexport in Bremerhaven.

dpa

Die Situation der deutschen Wirtschaft ähnelt der der Nationalmannschaft: Guter Ruf, tolle Spieler, aber der Platz an der Weltspitze ist in Gefahr. Die Unternehmen müssen jetzt auf neue globale Risiken reagieren.

"Fußball ist ein simples Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten lang einen Ball und am Ende gewinnen immer die Deutschen." - Gary Lineker hat nicht nur den Ruf des deutschen Fußballs auf den Punkt gebracht. Die englische Fußballlegende fasst auch passend das Bild zusammen, das weltweit von der deutschen Wirtschaft vorherrscht. Aber ähnlich wie "Jogis Jungs" nach der Blamage gegen Mexiko vor einer ungewissen Zukunft bei der laufenden WM stehen, läuft auch die hiesige Wirtschaft Gefahr, ihre Zukunftsfähigkeit aufs Spiel zu setzen, indem sie geopolitische Herausforderungen unterschätzt.

Fakt ist: Die externen Risiken für deutsche Unternehmen sind gestiegen. Die Weltwirtschaft war lange Zeit sehr stabil. Doch nicht erst seit dem Handelsstreit zwischen EU und USA wird die Lage immer volatiler. Wenn die Unternehmen darauf nicht reagieren, könnte es mit den Titeln Exportweltmeister und Wirtschaftsstandort Nummer eins schnell vorbei sein. Denn: Der Wettbewerb wird härter - in der Wirtschaft wie beim Fußball. Oder hätte jemand vor vier Jahren Mexiko oder Island als ernstzunehmende Gegner für die damaligen WM-Finalisten Deutschland und Argentinien kommen sehen? Eben.

Entsprechend bezeichnend sind die Ergebnisse der KPMG-Studie "Future Readiness Index". 70 Prozent der in der Studie befragten Unternehmen blicken optimistisch nach vorne. Doch sehen nur 20 Prozent der Firmen - eine von fünf! - wirtschaftspolitische Entwicklungen als wichtiges Thema der nächsten fünf Jahre an. Iran-Krise, Brexit, Handelsstreit zwischen USA und EU, alles Nebensachen? Vorsicht vor Fehleinschätzungen. Diese Themen sollten die Unternehmen definitiv stärker im Blick behalten.

Nur noch Exportweltmeister der Herzen?

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Andreas Glunz ist Wirtschaftsprüfer und Bereichsvorstand International Business bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Wenn schnell und effektiv reagiert wird, kann die Bewegung in den Märkten auch einen deutlichen Mehrwert schaffen und Chancen eröffnen. So könnte dies der richtige Zeitpunkt sein, das geschäftliche Potenzial von Ländern und Regionen auszuschöpfen, die in letzter Zeit nicht so oft im Fokus der deutschen Wirtschaft waren: Afrika beispielsweise, Südamerika, Indien, der Mittlere Osten oder Südostasien. Neben dem Gewinn neuer Absatzmärkte streut solch eine Strategie außerdem das unternehmerische Risiko - in einer so volatilen Weltwirtschaft ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Der Weggang aus einem Markt kann derweil nur die Ultima Ratio darstellen und sollte wenn möglich vermieden werden.

Um optimal auf etwaige Entwicklungen der internationalen Wirtschaft und unerwartete geopolitische Störfälle vorbereitet zu sein, sollten Unternehmen fortlaufend Szenario-Analysen durchführen. Dazu gehört auch, geplante Investitionen in potenziell instabilen Regionen umfassend auf den Prüfstand zu stellen. Darüber hinaus kann die Optimierung von unternehmerischen Prozessen - etwa durch Digitalisierung oder Digital-Labor- und Robotics-Lösungen - Unternehmen schlanker und flexibler machen. Dies kann Kosten einsparen und so einen Vorteil im internationalen Wettbewerb bedeuten, gerade wenn es zu Extrakosten wie höheren Zöllen oder anderen Handelshemmnissen kommt.

Das alles zeigt: Die Lösung kann auf keinen Fall "Weiter wie bisher!" lauten. Denn nichts ist so gefährlich wie das Ausruhen auf den bisherigen Stärken. Stattdessen braucht es - und da unterscheiden sich Fußball und Wirtschaft nicht stark voneinander - eine konsequente Analyse und Auseinandersetzung mit neuen Herausforderungen. Viele Länder machen im internationalen Wettbewerb Quantensprünge - China etwa in der Digitalisierung - und wenn deutsche Unternehmen hier nicht massiv investieren, werden Marktanteile verloren gehen. Und dann wird Deutschland maximal noch Weltmeister der Herzen - während andere um den Wirtschafts-World-Cup kämpfen.

Quelle: n-tv.de

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