"Völlig überzogen und nicht notwendig"EADS-Chef stößt auf Widerstand

Je mehr Details zum Stellenabbau ans Licht kommen, desto klarer wird: Deutschland soll offenbar die Hauptlast tragen. Doch der "Weg zum Börsenliebling" wird für EADS-Chef Enders nicht einfach. Der Bund droht indirekt mit dem Entzug der Fördermittel. Welche Rolle spielen die Franzosen?
Mit seinen Plänen zum Umbau des multinationalen Luft- und Raumfahrtkonzerns schlägt EADS-Chef Tom Enders vor allem aus Deutschland starker Widerstand entgegen. "Die Drohung mit betriebsbedingten Kündigungen ist völlig überzogen und überhaupt nicht notwendig", sagte IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner. Deutschland mit seinen knapp 50.000 Jobs in den einzelnen Flugzeugbau- und Rüstungstöchtern des Konzerns ist von dem Stellenabbau besonders betroffen, hier soll die Stammbelegschaft um 2000 Mitarbeiter schrumpfen.
Der Stellenabbau ist Teil einer größeren strategischen Neuausrichtung. Angesichts einer enttäuschenden Auftragslage im Rüstungsgeschäft will Enders bis Ende 2016 europaweit insgesamt 5800 Stellen bei EADS streichen. Bis zu 1500 EADS-Mitarbeitern droht die betriebsbedingte Kündigung, die überwiegende Anzahl der in Frage stehenden Arbeitsplätze will der Konzern ohne Kündigungen abbauen. Für rund 1300 Beschäftigte mit Leiharbeitsverträgen bedeutet der Sparplan ebenfalls das Aus. Weltweit arbeiten rund 140.000 Menschen für EADS.
Verhaltene Rückendeckung bekamen die Beschäftigten aus der Politik. "Der Konzern profitierte und profitiert unter anderem von direkten und indirekten Fördermaßnahmen des Bundes", betonte das Wirtschaftsministerium und sprach damit eine unverhohlene Drohung aus, die ohnehin umstrittenen Finanzhilfen künftig einzustellen. "Wir werden die weitere Entwicklung - insbesondere den geplanten Umbau des Konzerns - aufmerksam verfolgen. Hierzu werden wir weiter im Gespräch mit EADS bleiben." Man gehe davon aus, dass der geplante Stellenabbau nicht einseitig zulasten deutscher Standorte erfolgt.
Der Bund ist wie Frankreich Großaktionär der Rüstungsschmiede, die unter anderem den Kampfjet Eurofighter "Typhoon", den Militärtransport A400M und den Kampfhubschrauber "Tiger" für die Bundeswehr und verbündete Streitkräfte baut. Die Bundesregierung sei vorab über die Pläne informiert worden, sagte Enders. Dort hält man noch einen wichtigen Hebel in der Hand. Aus dem Berliner Ministerium hieß es, man werde mit EADS im Gespräch bleiben.
Aigner will in Bayern moderieren
In den Reihen der EADS-Mitarbeiter ist der Unmut groß. Eine offensichtliche Ungleichbehandlung zwischen deutschen und französischen Standorten dürfte die noch immer vorhandenen nationalen Konfliktlinien innerhalb des Konzerns weiter verstärken. Noch scheuen die Belegschaftsvertreter vor großangelegten Protesten in Deutschland zurück.
Die Betriebsräte wollten erst abwarten, wie sich die Zahlen auf die einzelnen EADS-Niederlassungen verteilen, sagte Betriebsratschef Rüdiger Lütjen. Mehrere Standorte sollen nach Enders Willen ganz geschlossen werden. Das Hauptquartier der Rüstungstochter Cassidian verlegt er von Unterschleißheim an den EADS-Sitz nach Ottobrunn bei München, gut 1000 Mitarbeiter sind davon direkt betroffen.
Die Zusammenlegung von Cassidian, der Raumfahrttochter Astrium und der Militärflugzeugsparte Airbus Military trifft vor allem die Werke im Süden Deutschlands. Bayerns neue Wirtschaftsministerin Ilse Aigner schaltete sich umgehend ein: "Mir ist wichtig, dass möglichst viele Arbeitsplätze erhalten bleiben. Das gilt über alle Wertschöpfungsebenen hinweg", erklärte die CSU-Politikerin. "Gerne bin ich bereit, für die bayerischen Standorte eine Moderatorenrolle zu übernehmen."
Aigners Angebot lehnte Gewerkschaftsfunktionär Kerner rundweg ab. Er will sich offenbar gar nicht erst mit landespolitischem Geplänkel abgeben. Kerners Ansicht nach muss die Bundesregierung einen Plan vorlegen, wie sich die deutsche Flugzeugbau- und Rüstungsindustrie in der Zukunft insgesamt entwickeln könne. Nur mit Planungssicherheit habe die Branche Zukunftschancen, sagte er.
Der Löwenanteil in Deutschland
Von den 4500 Arbeitsplätzen, die das Unternehmen in den kommenden drei Jahren in der Stammbelegschaft abbauen will, seien 2000 in Deutschland betroffen, bestätigte Personalchef Thierry Baril in einer Telefonkonferenz. In Frankreich seien es knapp 1300, in Spanien knapp 560 und in Großbritannien 450. Baril deutete an, dass er sich in den nächsten Monaten einige Kündigungen abverhandeln lassen könnte. "Sinkende Arbeitskosten könnten einige Positionen retten", sagte der Manager.
Die Arbeitnehmervertreter nahmen den Vorstoß zögerlich auf. EADS müsse zunächst sein "Kassenbuch aufmachen" und erklären, welche Sparziele das Management mit den Einschnitten konkret verfolge. "Den Weg zum Liebling der Börse muss das Management alleine gehen", sagte Gewerkschafter Kerner. "Die Verknüpfung von einem Margenziel von zehn Prozent mit der Drohung von betriebsbedingten Kündigungen ist nicht sehr sinnvoll." EADS sei kein Sanierungsfall.
"Börsenliebling" EADS?
Die EADS-Spitze wollte sich zu den Kosten der Einschnitte und zu möglichen Ersparnissen zunächst nicht äußern. Mitte der Woche steht eine zweitägige Investorenveranstaltung an, die aller Voraussicht nach weitere Erkenntnisse bringen wird. Prognosen und Sparziele gelten als kursrelevant. Die Konzernführung muss es daher schon aus aktienrechtlichen Gründen vermeiden, vorab Details aufzudecken.
Den Spekulationen am Markt tut das keinen Abbruch: Analyst Zafar Khan von der Societe Generale zum Beispiel schätzt die Kosten für die Umstrukturierung auf einmalig 250 Millionen bis 300 Millionen Euro. Nach Abschluss des Konzernumbaus ließen sich jährlich dann aber 375 Millionen Euro einsparen, rechnete Khan weiter vor. Unklar ist bislang, welche konzerninterne Rolle für die Rüstungssparte in Zukunft noch vorgesehen ist.
"Zu teuer, überspezifisch, überentwickelt"
Generell werde der EADS-Konzern, der zum Jahreswechsel den Namen seiner Zivilflugzeug-Tochter Airbus übernehmen wird, am Geschäft mit rüstungstechnologischen Produkten festhalten, sagte Enders. Spartenchef Bernhard Gerwert betonte, man werde sich auf Militärflugzeuge und Raumfahrttechnik konzentrieren und sich von Randgeschäften trennen.
Dabei zeichnen sich schon jetzt neue Schwierigkeiten ab. In den kommenden Jahren könnten weitere Arbeitsplätze verloren gehen, sollte EADS nicht bald neue Käufer für den Eurofighter finden. Die Produktion ist nur noch bis 2017 mit bestehenden Aufträgen ausgelastet. Gerwert erklärte, sein Haus bemühe sich in fünf Ländern um einen Zuschlag. Ein bis zwei Aufträge seien zu erwarten.
Zuletzt waren die Exporterfolge des Fliegers mager, in Indien, der Schweiz und Südkorea wurden die Europäer von der Konkurrenz ausgestochen. Sollte die Auftragslage danach schlecht aussehen, werde es 2018 weitere Jobkürzungen geben müssen, sagte der Chef der neuen Sparte "Airbus Defence & Space", Gerwert.
Das ebenfalls an EADS beteiligte Frankreich spielt dabei eine bemerkenswerte Rolle. Paris unterstützt den eigenen Rüstungskonzern Dassault massiv bei den Verkaufsverhandlungen im Ausland. Daneben setzt Frankreich seine Kampfjets auch in den verschiedenen regionalen Militärmissionen in Afrika ein. Das verschafft dem Mehrzweckkampflugzeug "Rafale", einem direkten Konkurrenzprodukt des Eurofighters, am internationalen Markt nicht unwesentliche Verkaufsvorteile. Die Maschine gilt als "kampferprobt", ein Siegel, das die "Typhoon"-Technologie nur ansatzweise verdient.
Enders gab dann auch indirekt den europäischen Ländern die Schuld für den schlechten Auslandsabsatz des Eurofighters. Die Maschine, die mit ihren Vorüberlegungen einst als "Jäger 90" gestartet war, ist mit ihrer gesamten Projektplanung auf einen größeren Absatzmarkt ausgelegt. "Er ist zu teuer, überspezifisch, überentwickelt", schimpfte der Manager. Große neue Rüstungsprogramme aus den europäischen Ländern seien allerdings auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.