Wirtschaft
Das Auftragsbuch ist voll: die Oderwerft in Eisenhüttenstadt.
Das Auftragsbuch ist voll: die Oderwerft in Eisenhüttenstadt.(Foto: picture-alliance / dpa)
Mittwoch, 17. Februar 2010

Frauen in der Wirtschaft: Eine Frau und eine Werft im Osten

1999 hat Elke Ruchatz die insolvente Oderwerft in Eisenhüttenstadt als alleinige Gesellschafterin gekauft. Heute ist sie ein gern gesehener Gast bei Schiffstaufen.

Ein Churchill-Zitat über dem Schreibtisch, Schiffsmodelle in den Regalen. Aus ihrem Büro kann Elke Ruchatz direkt auf das Werftgelände am Oder-Spree-Kanal blicken. Große Eisenteile und Rahmen liegen an Land. Schnee nimmt den Kolossen die Schwere. Seit gut zehn Jahren ist Ruchatz Chefin und Eigentümerin der Neuen Oderwerft GmbH im brandenburgischen Eisenhüttenstadt. Mit ihren rund 40 Mitarbeitern baut sie Schiffe für Elbe, Neckar und Oder. Im vergangenen Herbst feierte die einzige deutsche Werft an der Oder das zehnjährige Jubiläum ihrer Neugründung.

Elke Ruchatz - flotter Kurzhaarschnitt und dezente Brille - ist seit 1987 mit der Werft verbunden. Als "mitreisende Ehefrau" kaum sie aus dem Harz ins Brandenburgische, zwischen Berlin und polnischer Grenze. Wie ihr damaliger Mann sollte auch sie im Eisenhüttenstädter Stahlwerk arbeiten. "Doch das schien mir alles so groß", erinnert sich die 56-Jährige. Von ihrer Wohnung aus sah sie die Oderwerft. "Ich habe einfach dort angeklopft." Der Arbeitsweg war kurz und Stahl gehörte auch dort zum Arbeitsmilieu.

Schuldenberg drückt

Die studierte Ingenieurökonomin bekam sofort einen Arbeitsplatz und fand Gefallen an der Tätigkeit so nahe am Wasser, das sie als "beruhigend" empfindet. Bis zur politischen Wende waren rund 460 Mitarbeiter auf der Werft, Elke Ruchatz eine von ihnen. "Ich hatte in der Planung und im kaufmännischen Bereich zu tun, Aufträge, Kalkulationen", erinnert sich die gebürtige Lausitzerin. "Das hat mir gefallen." Dass es nur wenige Frauen in dem Männermetier gab, störte die inzwischen alleinerziehende Mutter zweier Kinder nicht.

Als die Oderwerft Eisenhüttenstadt GmbH 1999 in die Insolvenz ging, drängten Mitarbeiter Ruchatz - inzwischen kaufmännische Leiterin - zum Einstieg. Kunden und Mitarbeiter machten ihr Mut. "Da habe ich die Werft gekauft, als alleinige Gesellschafterin." Dem so lapidar klingenden Satz gingen schlaflose Nächte und ein Banken-Marathon voraus. Ruchatz sagt: "Das geht nur, wenn man nicht täglich an die Schulden denkt und sich von dieser Last nicht erdrücken lässt." Und: "Damit kann und muss ich leben."

Auftragsbuch füllt sich

Als sie das sagt, fällt ihr Blick auf den Kanal vor ihrem Bürofenster. Ruchatz startete mit zehn Mitarbeitern und zog den ersten Auftrag an Land, den Neubau eines Mehrzweckschiffes mit Motor. "Das war gleich eine große Herausforderung, klappte aber wunderbar." Der 2,5 Millionen Euro teure Neubau ging an das Wasser- und Schifffahrtsamt Magdeburg. Ihre Mitarbeiter schickte sie anfangs mit Werkverträgen in andere Werften. Doch bald füllte sich das eigene Auftragsbuch, mit Reparaturen, Instandsetzungen und Schiffsneubauten. "Für die Eisbrecher auf der Oder haben wir einen mobilen Reparaturdienst."

Im vergangenen Jahrzehnt verließen knapp 70 neue Schiffe die Werft. Damit lebt die mehr als 100-jährige Schiffbauer-Tradition im alten Fürstenberg, heute Stadtteil der zu DDR-Zeiten neu errichteten Stadt Eisenhüttenstadt weiter. Jetzt verlassen vor allem Arbeitsschiffe mit und ohne Antrieb, mal mit Kran, mal mit Bagger die Werft, die sich an Ausschreibungen der öffentlichen Hand beteiligt. Auftraggeber sind Wasser- und Schifffahrtsämter, bundesweit. Die achteten auf Preis, Termintreue und Leistungsfähigkeit, wie Ruchatz betont. "Dennoch ist das ein harter Kampf." Inzwischen ist sie bei Schiffstaufen ein gern gesehener Gast. "Da staunt jetzt keiner mehr, über den 'Chef aus Eisenhüttenstadt'", lächelt sie.

Von Männern akzeptiert

Auch die Banken gewöhnten sich an die Frau, die sie wegen eines Bürgschaftskredits "auf Herz und Nieren" prüften. "Da war schon viel Skepsis: eine Frau, eine Werft und das alles im Osten." Deshalb habe sie sich gefreut, dass sie zum zehnjährigen Firmenjubiläum auch die Banker begrüßen konnte. Wie so mancher Seebär auch macht Ruchatz wenig Aufhebens um ihre Arbeit. "Ich habe mir nie träumen lassen, in so eine Männerdomäne einzusteigen. Ich habe mich gut darauf eingestellt und bin von den Männern akzeptiert." Mit ihr sind noch zwei Frauen auf der Werft, darunter ihre Tochter.

Die "Liebe" zur Werft verlangt von Elke Ruchatz einen hohen Preis. "110 Prozent sind Werft, erst dann kommen persönliche Ansprüche", sagt die Chefin, die gern liest, schwimmt und joggt - so Zeit dafür bleibt. "Halbe Sachen sind nicht mein Ding." Die Werktage verbringt sie auf der Werft, dazu noch einen halben Samstag. "Da kann ich in Ruhe arbeiten, was beim Tagesgeschäft nicht geht." Sie erzählt von einem Traum: "Einmal eine Woche Urlaub machen." Und ihr Blick schweift wieder hinaus auf Kanal und Docks.

Quelle: n-tv.de