Wirtschaft

Radioaktiv verstrahlte Pazifik-Fische? Fischhändler fürchten Strahlung

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Gefangen, ausgenommen, eingefroren: Verstrahlter Fisch gilt nach der Messung als Sondermüll.

(Foto: REUTERS)

Die Atom-Katastrophe von Japan droht den Handel mit Seefisch dauerhaft zu belasten: Beim einem großen Branchentreff in Brüssel beherrscht die Sorge vor radioaktiv belasteten Meeresfrüchten die Gespräche der Experten. Wenn sich die Bedenken der Verbraucher erhärten, steht nicht nur die japanische Fisch-Industrie vor einer tiefen Krise. Im Hafen von Zeebrügge ziehen Kontrolleure unterdessen einen verstrahlten Schiffscontainer aus dem Verkehr.

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Routinekontrolle im Hafen von Yokohama: Der Geigerzähler lenkt Handelswege.

(Foto: REUTERS)

Das Reaktorunglück in Japan in Folge des Erdbebens und des Tsunamis sorgt für weltweite Verunsicherung über möglicherweise verstrahlten Fisch. Händler beklagten auf der noch bis Donnerstag laufenden Messe "European Seafood" in Brüssel wirtschaftliche Einbußen sowie ein komplettes Einfuhrverbot einiger Staaten für Fisch aus Japan. Bedenken gibt es aber auch wegen einer möglichen Verstrahlung von weit entfernten Fischfanggebieten.

Die Unternehmen beklagten in Brüssel eine Nervosität im weltweiten Handel mit Meeresprodukten. "Zurzeit ist der Export praktisch auf Null", sagte ein Manager der Tokioter Hanwa-Firmengruppe, Kazuyo Kashihara, mit Blick auf die Fischindustrie an der vom Tsunami und dem Atomunglück in Fukushima betroffenen japanischen Ostküste. Schuld sei die Kommunikation der japanischen Regierung: Hätte diese das Ausland besser über die Folgen des Atomunglücks aufgeklärt, wäre es gar nicht erst zu "Gerüchten" über mögliche Gefahren gekommen, beklagte Kashihara.

"Seit dem 11. März haben die meisten Länder ihre Türen für japanische Importe geschlossen", sagte auch Teppei Arai von Yokohama Reito Co. Mit Blick auf die Küste vor Fukushima seien Sorgen auch durchaus berechtigt, urteilte Arai. Allerdings seien erst in einer Fischart erhöhte Strahlenwerte nachgewiesen worden. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat unterdessen damit begonnen, mit eigenen Messungen der Wasserqualität vor Japan zu überprüfen.

Mit der Strömung in deutsche Küchen

Mittlerweile gibt es Bedenken nicht mehr nur für die japanische Küste, sondern auch für weit größere Fanggebiete, aus denen auch beträchtliche Mengen Fisch den Weg nach Deutschland finden. "Wo es kritisch werden könnte ist, wenn die Strömung hoch geht in die Beringsee", sagte eine WWF-Sprecherin. Die Beringsee liegt am Nordende des Pazifiks zwischen Asien und Amerika. Der Generalsekretär des Deutschen Fischerei-Verbandes, Peter Breckling, sprach von Anzeichen von Nervosität "im pazifischen Markt".

In Deutschland bezieht unter anderem der Tiefkühl-Riese Frosta Fisch aus dem Nordpazifik. Das Unternehmen wolle die Lieferungen von dort nun extra unter die Lupe nehmen, sagte Vorstandsmitglied Jürgen Marggraf in Brüssel. Der Fisch soll demnach mit Geigerzählern geprüft sowie in Labors getestet werden.

Fukushima-Spuren im Pazifik-Fisch?

Marggraf verwies außerdem auf weitere Kontrollen in Liefer- und Importländern sowie durch Forschungsschiffe der USA und Russlands auf hoher See. "Es wurde bisher nichts nachgewiesen", sagte Marggraf. Die erste Lieferung, die nach dem 11. März gefangen wurde, erwartet Frosta Ende Mai in Bremerhaven.

Ob Fisch durch die ausfallenden Lieferungen aus Japan und wachsende Importe dorthin weltweit teurer wird, darüber herrschten in Brüssel geteilte Meinungen. Er sehe "keinerlei Einfluss", sagte der Chef einer taiwanischen Restaurantkette. Der Unfall treibe die Preise "international" in die Höhe, urteilte dagegen die Präsidentin einer französischen Import-Export-Firma.

Preisschwankungen im internationalen Handel wären auf dem deutschen Markt schnell zu spüren: Zwei Drittel des in Deutschland verzehrten Fisches wird nach Angaben von Umweltorganisationen nicht von der heimischen Fischerei gefangen.

Vor diesem Hintergrund hatte das Bündnis "Ocean2012" vor kurzem den 27. April für Deutschland zum "Fish Dependence Day" erklärt. Gemeint war die Abhängigkeit (englisch: dependence) von Fischimporten. Rechnerisch seien die deutschen Konsumenten von diesem Tag an für den Rest des Jahres von Fischimporten abhängig, wenn der Bedarf zuvor allein aus Fängen der heimischen Flotte in europäischen Gewässern gedeckt worden wäre.

Renaissance mit Öko-Fangflotten?

"Die EU verfügt über die größten Fischereigewässer der Welt - doch überwiegend werden sie nicht verantwortungsvoll bewirtschaftet", kritisierte die Meeresschutz-Expertin der Deutschen Umwelthilfe und deutsche Ocean2012-Koordinatorin Nina Wolff. "Um unseren wachsenden Appetit auf Fisch zu stillen, exportieren wir die Überfischung in andere Teile der Welt."

Das Bündnis fordert daher, die europäischen Fischbestände wieder so weit aufzubauen, dass sie "nachhaltig" befischt werden können. In Deutschland gehörten unter anderem der Naturschutzbund Deutschland und Pro Wildlife dem Bündnis an.

Sollten sich die schlimmsten Befürchtungen im Handel bestätigen und erste Messungen eine weiträumige Strahlenbelastung in den pazifischen Fanggebieten ergeben, bekämen die Forderungen der Umweltschützer ungewollt neue Brisanz: Die Fischerei in Nord- und Ostsee stünde womöglich vor einem neuen Aufschwung - mit allen Chancen auf eine nachhaltige Bewirtschaftung.

Verstrahlter Fracht-Container aus Japan

Dass die Angst vor verstrahlter Ware aus Japan nicht unbegründet ist, zeigt unterdessen ein aktueller Fall aus Belgien: Dort war am Dienstag ein leicht radioaktiv verstrahlter Schiffscontainer aus Japan bei einer Routinekontrolle aufgefallen. Bei der Überprüfung im Hafen von Zeebrügge sei das radioaktive Cäsium-137 festgestellt worden, sagte eine Sprecherin der belgischen Atom-Aufsichtsbehörde. Allerdings sei der gemessene Wert "sehr niedrig". "Es besteht keine Gesundheitsgefahr", ergänzte die Sprecherin.

In dem Container wurden Bagger-Bauteile transportiert, die nicht kontaminiert wurden. Experten untersuchten den Container am heutigen Mittwoch. Er war in einen separaten Hafenbereich gebracht worden.

Eine Sprecherin von EU-Energiekommissar Günther Oettinger betonte, es gebe keinen Grund zur Besorgnis. Der EU-Grenzwert von 0,2 Millisievert pro Stunde sei deutlich unterschritten. Eine Strahlendosis von 0,1 Millisievert an der Oberfläche des Containers sei leicht abwaschbar, sagte sie.

Der Container wurde den Angaben zufolge am 16. März - fünf Tage nach dem Atomunglück von Fukushima - im Hafen der japanischen Stadt Yokohama verschifft. In Malaysia wurde er auf einen Frachter umgeladen, der schließlich nach Belgien fuhr.

Quelle: n-tv.de, mmo/AFP/dpa

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