Wirtschaft

Nachfolger des "Trümmerhaufens" Gehört Delivery Hero wirklich in den Dax? 

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Delivery Hero ist seit 2017 an der Börse.

(Foto: picture alliance / Jens Kalaene/)

Nach dem Wirecard-Debakel wird ein neuer Kandidat für den deutschen Elite-Index Dax gesucht. Der aussichtsreichste Kandidat ist Delivery Hero - obwohl das Unternehmen kein Geld verdient und man hierzulande beim Essenslieferdienst nicht bestellen kann.

Wirecard fliegt Ende der Woche aus dem Börsen-Leitindex Dax, Nachfolger des Skandal-Unternehmens in der ersten Börsenliga wird aller Voraussicht nach Delivery Hero. Dem Lieferdienst schlägt jede Menge Skepsis entgegen, er wird als "digitaler Pizzaservice" verspottet. Dieses Unternehmen soll in einer Liga mit Daimler, Siemens und der Deutschen Post spielen? "Ich weiß nicht, ob es so toll ist, ein direkter Nachfolger des Trümmerhaufens Wirecard zu werden", stichelte Symrise-Chef Heinz-Jürgen Bertram auf die Frage nach einem möglichen Dax-Einzug des von ihm geführten Aroma-Herstellers. Mit Delivery Hero sei "ein Unternehmen, das nie Geld verdient hat", die bessere Wahl.

Delivery Hero
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Im Rennen um die Nachfolge hat Symrise wohl das Nachsehen. Ausschlaggebend für eine Aufnahme in den Dax sind der Börsenwert des Streubesitzes und der Handelsumsatz. Delivery Hero liegt hier vorne - doch dass das Unternehmen die Kriterien für die Aufnahme in den Dax erfüllt, ändert nichts daran, dass der Leitindex ein unkonventionelles Mitglied bekommt.

Als Spiegelbild der deutschen Wirtschaft, die der Dax abbilden soll, kann Delivery Hero derzeit kaum funktionieren. Das Unternehmen hat seinen Sitz zwar in Berlin, doch sein Deutschland-Geschäft mit Marken wie Foodora, Lieferheld oder Pizza.de hat es an den niederländischen Konkurrenten Takeaway ("Lieferando") verkauft. Der Berliner Lieferant ist vor allem in Asien aktiv - und es ist völlig unklar, wann Delivery Hero Geld verdienen wird. Delivery Hero betreibt in mehr als 40 Ländern Bestellplattformen für Essen lokaler Anbieter und will in Kürze auch nach Japan expandieren. Das Unternehmen beschäftigt 25.000 Mitarbeiter, davon rund 1300 in Berlin.

Die Skepsis gegenüber dem Dax-Kandidaten liegt vor allem am Kollaps von Wirecard, weil sich dort eine traumhafte Wachstumsstory als Luftnummer erwies. Analysten, Wirtschaftsprüfer und Finanzaufsicht haben sich so kräftig blamiert und Anleger so viel Geld versenkt, dass Delivery Hero nun die Auswirkungen des Debakels zu spüren bekommt und Wachstumsstorys kritischer hinterfragt werden.

Schnelles Wachstum, keine Gewinne

"Der zahlenmäßige Aufstieg ist zwar beeindruckend, man kann aber nicht über die derzeit intensive Verlustsituation und mangelnde Prognose einer nachhaltigen Gewinnerzielung hinwegsehen", sagte Christian Strenger, ehemaliger Chef der Fondsgesellschaft DWS und Experte für gute Unternehmensführung, im Gespräch mit ntv.de. Wenn man die derzeitigen Kriterien für eine Dax-Mitgliedschaft zugrunde lege, passe Delivery Hero in den Leitindex. "Aber hier werden keine Qualitätskriterien bezüglich Aufsichtsrats- und weiterer Governancequalität zugrunde gelegt, was für die Börsen-Bundesliga selbstverständlich sein sollte", kritisiert Strenger.

Bei der Corporate Governance sieht Strenger noch Luft nach oben - vor allem angesichts des lediglich sechsköpfigen Aufsichtsrats. "Problematisch erscheint insbesondere die zumindest zahlen-, aber auch personenbezogene Besetzung des Aufsichtsrats für ein Unternehmen, das global mit hohen Verlusten operiert und mit der Korea-Akquisition noch hohe Integrationsanforderungen zu erfüllen haben wird", sagt Strenger. Ende 2019 hatte der Konzern für 3,6 Milliarden Euro die Mehrheit am südkoreanischen Konkurrenten Woowa übernommen.

Die Anleger scheint all das nicht zu stören. Der Aktienkurs hat sich seit dem Corona-Crash der Börsen im März fast verdoppelt. Das Unternehmen profitiert in der Corona-Krise von der steigenden Nachfrage nach Essens-Lieferungen: Im zweiten Quartal verdoppelten sich die Bestellungen fast auf 281 Millionen, der Umsatz kletterte um 96 Prozent auf 612 Millionen Euro. Allerdings schreibt Delivery Hero angesichts der Kosten des Expansionskurses weiter rote Zahlen. Im ersten Halbjahr lag der um Sonderposten bereinigte Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bei rund 319 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor hatte er 171 Millionen Euro betragen.

"Ich weiß es wirklich nicht", antwortete Vorstandschef Niklas Östberg im Gespräch mit dem "Handelsblatt" auf die Frage, wann das Unternehmen Geld verdienen wird. "Ich möchte mich nicht auf ein fixes Ziel festlegen." Er habe schon einmal ein Datum genannt und sich dabei geirrt.

Asien im Fokus

Delivery Hero wurde 2011 gegründet und ging 2017 an die Börse. Mittlerweile liefert das Unternehmen nicht mehr nur Mahlzeiten aus, sondern abhängig von den Regionen auch Lebensmittel, Medikamente, Blumen und Elektronikgeräte. "Am Ende geht es um alles, was geliefert werden kann", sagte Östberg der Nachrichtenagentur Reuters. Trotzdem würden Essenslieferungen auch langfristig mehr als die Hälfte des Geschäfts ausmachen.

Während Delivery Hero im Nahen Osten Gewinne schreibt, ist das Unternehmen in Asien - seinem bei Weitem größten Markt - wie auch auf Konzernebene davon weit entfernt. "Ich denke, dass wir uns verdoppeln oder verdreifachen müssen, um dies zu erreichen", sagt der Mitgründer. Dies hänge auch damit zusammen, dass er die Gebühren, die Restaurants für die Vermittlung von Kunden zahlten, nicht erhöhen wolle.

Aktien-Analysten sehen viel Potenzial in Delivery Hero - und empfehlen die Aktie zum Kauf. Die Citi-Analysten nannten die Zahlen für das zweite Quartal "starke Ergebnisse", auch die Deutsche Bank bescheinigt dem Unternehmen ein starkes Quartal. In den meisten Ländern habe sich das Auftragswachstum auf ein Niveau über der Vor-Corona-Zeit beschleunigt. Die übliche Sommerflaute dürfte daher mehr als kompensiert werden. Auch die Credit Suisse ist zuversichtlich und vor allem von dem Markteintritt in Japan angetan. Derweil sieht Berenberg "starke strukturelle Wachstumstreiber".

Mit einer Marktkapitalisierung von inzwischen 19 Milliarden Euro hat Delivery Hero in den letzten Jahren an der Börse an Statur gewonnen. Zur Einordnung: Das Unternehmen wird damit an der Börse in etwa wie der Automobilzulieferer Continental bewertet, die Deutsche Bank ist 16,6 Milliarden Euro schwer.

"Ich freue mich riesig, dass das wahrscheinlich ein Startup schafft", sagte Investor Carsten Maschmeyer ntv.de zum wahrscheinlichen Dax-Aufstieg des Berliner Unternehmens. "Möglicherweise wäre Symrise der würdigere und solidere Konzern. Trotzdem gönne ich das Delivery Hero." Auch aus seiner Sicht sollte für die Dax-Zugehörigkeit jedoch ein weiteres Kriterium eingeführt werden: die Profitabilität.

Quelle: ntv.de