Wirtschaft

Ex-Deutsche-Bank-Chef kämpft um seinen Ruf Das Ackermann-Syndrom

Ackermann11.jpg

Josef Ackermann kämpft nach den Rücktritten um seinen Ruf.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Selbstmord seines Finanzchefs, der Rücktritt beim Versicherer Zurich - und nun der Abschied von Siemens: Josef Ackermann kämpft um sein Vermächtnis. "Späte Reue" zeigt er nicht, auch wenn so die neueste Biographie über ihn heißt. Sein Auftritt enthüllt das verschobene Selbstbild eines Topmanagers.

Als sich die Türen des Konferenzsaals im Berliner Regent-Hotel öffnen, ist Josef Ackermann nicht zu übersehen. Betont lässig, sein Joe-Lächeln auf den Lippen, betritt der ehemalige Deutsche-Bank-Chef den Saal. Er baut sich vor der Wand aus Kameras auf. Die Fotografen bilden einen Halbkreis um ihn. Ackermann im Mittelpunkt. Im Blitzlichtgewitter.

Man hätte fast vergessen können, warum Ackermann eigentlich gekommen war. Stefan Baron, während der Finanzkrise sein Sprecher bei der Deutschen Bank, stellt die Biografie des Schweizers vor. "Heute soll es um das Buch gehen", versucht ein Verlagssprecher die Aufmerksamkeit in die gewünschte Richtung zu lenken.

Doch es geht nicht um das Buch. Es geht um Ackermann. Ackermann will es so. Der ehemalige Chef der Deutschen Bank kämpft um sein Vermächtnis. Als Chefkontrolleur der Zurich-Versicherung ist er vor drei Wochen überhastet zurückgetreten. Pierre Wauthier, der Finanzchef der Gruppe, hatte sich das Leben genommen und Ackermann in seinem Abschiedsbrief schwer belastet.

Die Buchvorstellung ist Ackermanns erster öffentlicher Auftritt seit dem Eklat. Nun verteidigt er sich. Dass Wauthier ihn in einem Brief verantwortlich oder mitverantwortlich an dem Suizid gemacht habe, müsse er mit aller Entschiedenheit zurückweisen. "Seine Anschuldigungen an meine Person sind in keiner Weise nachvollziehbar", sagt Ackermann.

Der Schweizer nutzt den Moment, um gleich mit einem weiteren unrühmlichen Kapitel abzuschließen: Er werde auch seinen Aufsichtsratsposten bei Siemens niederlegen. "Diskrepanzen in Stil und Fairnessfragen" hätten dafür den Ausschlag gegeben. Ackermann hatte die Turbulenzen rund um den Chefwechsel bei Siemens mehrfach intern kritisiert. Und am Ende im Machtkampf mit Siemens-Chefkontrolleur Gerhard Cromme den Kürzeren gezogen.

Kampf um Anerkennung der Öffentlichkeit

Ackermann9.jpg

Josef Ackermann (li.) und Ex-Sprecher Stefan Baron, der eine Biographie über die gemeinsamen Jahre bei der Deutschen Bank geschrieben hat.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit beiden Rücktritten ist Ackermann erkennbar auf dem Weg in den Ruhestand. Ackermann, der es gewohnt ist im Mittelpunkt zu stehen, muss die Bühne, die er so liebt, mehr und mehr verlassen. Doch bevor er sich zurückzieht, will er sein umstrittenes Bild in der Öffentlichkeit zurechtrücken. Der Versuch enthüllt auch sein Selbstbild. Wie er sich selbst und seine Karriere betrachtet. Und welchen Blick er auf sein Verhalten hat.

Durch die Anschuldigungen von Wauthiers Familie sei "eine weitere erfolgreiche Führung des Verwaltungsrats zum Wohle der Zurich" infrage gestellt, teilte Ackermann drei Tage nach Wauthiers Tod mit. Um jegliche Rufschädigung zu vermeiden, habe er beschlossen zurückzutreten. Der Schritt erschien zunächst wie eine Geste von Anstand. Inzwischen sieht er mehr wie eine Flucht nach vorn aus: Wauthiers Familie habe mit weiteren Schritten gedroht, auch damit, zu den Medien zu gehen, sagt Ackermann. "Meine Handlungsfreiheit wäre deutlich beschränkt gewesen". Deshalb habe er die Konsequenzen gezogen.

Es ist wohl dieses seltsame Verständnis von Verantwortung, das Josef Ackermann sein umstrittenes Bild in der Öffentlichkeit beschert: das Ackermann-Syndrom. "Es gibt keine andere Bank, die es in so kurzer Zeit geschafft hat, zu einem globalen Spieler zu werden", rühmt Ackermann seine Leistungen bei der Deutschen Bank. Gerade in den Jahren der Finanzkrise, als er mit Kanzlerin und Finanzminister die deutsche Bankenrettung organisierte, habe er einen Beitrag zum Gemeinwohl geleistet.

Aus all dem spricht Ackermanns Drang nach Anerkennung in der Öffentlichkeit. Anzukommen bei den Menschen, die in ihm, berechtigt oder unberechtigt, immer noch das Symbol für Profitgier und Turbokapitalismus sehen. Der Versuch, von ihnen verstanden zu werden. Und auch für seine Leistungen gewürdigt zu werden. Nicht nur für seine Fehler.

"Späte Reue" zeigt Ackermann kaum

Es ist nicht so, als ob Ackermann nicht fähig zur Selbstkritik wäre. Oder mit seinen Fehlern ringt. "Ohne Mannesmann ist Ackermann nicht zu verstehen", sagt Baron. Der Untreue-Prozess in Düsseldorf. Das Victory-Zeichen vor Gericht, die missverstandene Geste, mit der Ackermann zum Buhmann der Nation wurde. "Alles was danach kam, hat mit Mannesmann zu tun." Es habe Ackermann wachgerüttelt, sich selbst zu hinterfragen. "Die Finanzkrise hat nicht nur die Weltwirtschaft, sondern auch mich verändert", sagt Ackermann selbst. "Ich sehe heute vieles anders als vor der Krise." Damals habe eben ein ganz anderer Zeitgeist geherrscht.

Doch seine Einsicht bleibt halbherzig, bleibt unvollständig. "Späte Reue" heißt daher passenderweise das Buch, dass sein Vertrauter Baron über ihn und die Krisenjahre bei der Deutschen Bank geschrieben hat. Warum er diesen Titel gewählt habe, wollen die Reporter von Baron wissen. "Ackermann hatte einen wesentlichen Anteil daran, dass das Investmentbanking bei der Deutschen Bank ausgebaut wurde. Im Nachhinein würde er das nicht mehr so tun", ist seine wenig überzeugende Antwort. Als Ackermann darüber spricht, scheint er kaum etwas zu bereuen. "Mein Ehrgeiz bestand darin, die Deutsche Bank zu einem globalen Spieler zu machen. Das ging nur mit hohen Zielen".

Baron beschreibt Ackermann so, wie Ackermann sich selbst sieht: Als jemand, der sich durch die Finanzkrise selbstkritisch hinterfragte, nachdem er sie als erstaunter Beobachter erlebt hatte. Ganz so, als ob die Investmentbanker, die er zuvor einstellte, sie nicht mit ausgelöst hätten. Einer, der voller Entsetzen über die Milliardenverluste durch seine Bank wandelt, konsequent gegensteuert und dabei vergisst, dass er sie zuvor aufgebaut hat; das Geldhaus mit aller Macht auf die Zocker-Geschäfte im Investmentbanking ausgerichtet hat. Als eine Art verdutzter Zauberlehrling, der sich bemüht, die Geister der Zerstörung wieder einzufangen - als ob er sie vorher nicht selbst gerufen hätte. Insofern ist der etwas gequälte Titel "Späte Reue" eine passende Chiffre für das merkwürdige Verständnis von Verantwortung, mit dem Ackermann auf sich und seine Karriere blickt.

Barons Buch liefert womöglich aber auch eine Erklärung für dieses wirklichkeitsfremde Selbstbild. Ackermann hat über Jahre in einer Blase gelebt. Schriftliches habe er kaum hinterlassen, kaum E-Mails geschrieben, sagt Baron. Sein Leben sei bis ins letzte Detail durchgetaktet gewesen, den Konzern habe er quasi per SMS regiert. Bis Ackermann am 14. Januar 2009 nach einem brutalen Terminprogramm gegen 21 Uhr abends einen Schwächeanfall erlitt. Am Tag, als er den ersten Quartalsverlust in der Geschichte der Bank bekannt geben musste.

Er verbinde zwei Wünsche mit dem Buch, sagt Ackermann. Er hoffe, "dass die Menschen mich nach der Lektüre besser kennen. Und dass sie die Zwänge besser verstehen, denen Unternehmenschefs in einer globalen Wettbewerbsgesellschaft ausgesetzt sind."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen