Wirtschaft

Kampfjet-Ingenieure bald arbeitslos? EADS erwägt harte Kündigungen

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Technisch gesehen eine exzellente Maschine: Nur am Weltmarkt kommt der Eurofighter nicht richtig an.

(Foto: REUTERS)

Europas Rüstungsbranche steht vor tiefen Einschnitten: EADS-Chef Enders will knapp 6000 Stellen streichen. Die deutschen Standorte sollen offenbar die Hauptlast tragen. Französische Medien sehen eine Mitschuld bei der Kanzlerin Merkel.

EADS
Airbus 123,20

Europas größter Luftfahrt-, Rüstungs- und Raumfahrtkonzern EADS kann beim geplanten Abbau von 5800 Stellen offenbar nicht auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. "Wir werden alles tun, um das zu verhindern", sagte Konzernchef Tom Enders im Interview der französischen Tageszeitung "Libération". Versprechen wollte er den Verzicht auf Zwangsentlassungen aber nicht.

Laut Enders sollen Mitarbeiter in einem ersten Schritt Angebote bekommen, das Unternehmen freiwillig zu verlassen oder vorzeitig in Rente zu gehen. Zudem sollen Wechselmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens angeboten werden - vor allem von der Rüstungssparte hin zum Flugzeugbauer Airbus.

Genau hier liegt Beobachtern zufolge das zentrale Problem der gesamten europäischen Rüstungsbranche. Die Verteidigungsetats der Staatengemeinschaft schrumpft, die bislang verlässliche Nachfrage der Militärs geht notgedrungen zurück. Die Sparzwänge in den öffentlichen Kassen machen sich auch im militärischen Flugzeugbau immer stärker bemerkbar. Das Interesse an prominenten Großprojekte wie etwa dem Jagdflugzeug Eurofighter "Typhoon" reicht nicht mehr aus, um kostspielige Entwicklungs- und Produktionskapazitäten vorzuhalten. Zuletzt fielen richtungsweisende Exporterfolge in Staaten wie Südkorea ins Wasser. Alternative Großaufträge sind derzeit nicht in Sicht.

EADS-Chef Enders will auf diesen Trend reagieren, indem er den militärischen Flugzeugbau mit der Raumfahrtsparte zusammenlegt. Dort entwickeln sich die Budgets ebenfalls rückläufig. Doch wohin mit den teils hoch spezialisierten Arbeitskräften? Wochenlang war über den geplanten Jobabbau bei EADS spekuliert worden. Seit Anfang der Woche herrscht nun zumindest Klarheit über die Zahl: 5800 Stellen wird der künftig unter dem Namen Airbus firmierende Luft- und Raumfahrtkonzern bis Ende 2016 streichen - davon einen Großteil in Deutschland.

Welche Verantwortung trägt Merkel?

Die deutschen Standorte sind mit 2600 Stellen sogar deutlich stärker betroffen als die französischen. Zuvor war von rund 2400 Jobs in Deutschland die Rede. Ein Zufall ist das nach französischer Lesart nicht. Demnach könnte Bundeskanzlerin Angela Merkel durchaus einen Teil dazu beigetragen haben, wie die Tageszeitung "Le Figaro" mutmaßt. Mit ihrem "Nein" zur geplanten Fusion von EADS mit dem britischen Rüstungsriesen BAE habe Merkel verhindern wollen, dass wichtige Verteidigungsaktivitäten von Deutschland nach Großbritannien verlagert werden, kommentierte das Blatt und nannte den damaligen Wahlkampf als möglichen Hintergrund. Dies sei aber offensichtlich eine Fehlkalkulation gewesen. Deutschland treffe der Stellenabbau nun am härtesten.

Und der "Figaro" verweist auf Kürzungen Deutschlands bei zugesicherten Aufträgen für das Transportflugzeug A400M und Hubschrauber vom Typ "Tiger" und NH90. Es sei unmöglich, Stornierungen im Gegenwert von mehreren Milliarden Euro einfach so aufzufangen, wird dazu Enders zitiert. Doch das ist nicht alles: "Unsere Produkte sind viel zu teuer oder nicht auf die Anforderungen des Marktes zugeschnitten - oder beides", schrieb Enders in einem Brieg an die Mitarbeiter.

Strategische Neuausrichtung

Laut internen EADS-Dokumenten dürfte das Auftragspolster im Rüstungsbereich derzeitigen Planungen zufolge bis 2018 von 48 Milliarden auf 31 Milliarden Euro zurückgehen. Während das Raketen-Geschäft möglicherweise stagniere, werde der Umsatz mit Kampfflugzeugen eventuell um die Hälfte abschmelzen, heißt es in einem Strategiepapier. "Unsere traditionellen Märkte in diesen Bereichen schrumpfen, daher müssen wir dringend den Zugang zu internationalen Kunden verbessern und Wachstumsmärkte erschließen", erklärte Enders in der offiziellen Stellungnahme.

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Hochspezialisierte Experten bei der Arbeit: In Manching bei Ingolstadt entsteht das Rumpfsegment eines Eurofighters.

(Foto: REUTERS)

Arbeitnehmervertreter sehen das zum Teil ganz anders. Die französische Gewerkschaft FO wirft Enders vor, vor allem seine eigenen Profitversprechen im Sinn zu haben. Bis 2015 will der deutsche Top-Manager eine operative Gewinnmarge von mehr als zehn Prozent schaffen - im ersten Halbjahr 2013 lag gerade einmal bei 6,1 Prozent. Enders kann in diesem Zusammenhang allerdings auf den Erzrivalen Boeing verweisen. Der US-Konzern erzielte zuletzt eine fast doppelt so hohe Gewinnmarge wie EADS. Allerdings steht hinter Boeing auch das US-Militär, das allen Haushaltsstreitigkeiten und Budgetobergrenzen zum Trotz bislang wichtiger Rüstungsprojekte stets zu verteidigen wusste.

Bei EADS müssen die betroffenen Mitarbeiter nun hoffen, dass der Abbau sozialverträglich gestaltet wird. Der Konzern will vor allem befristete Verträge nicht verlängern und auf freiwillige Abschiede setzen. 1500 Mitarbeiter sollen Stellenangebote für Jobs bei Airbus und Eurocopter annehmen können. Die Pläne könnten nach Angaben des Unternehmens lediglich 1000 bis 1450 Beschäftigte direkt treffen - der Ausgang ist unklar, die Einzelheiten sollen bis Mitte 2014 mit den Gewerkschaften verhandelt werden.

"Uns ist sehr daran gelegen, die sozialen Auswirkungen der notwendigen Anpassungen so weit wie möglich abzufedern", erklärte EADS-Personalchef Thierry Baril. "Unsere Mitarbeiter sind zentral für den Erfolg unseres Unternehmens."

Am Eurofighter hängen Arbeitsplätze

In den Verhandlungen mit der deutschen Gewerkschaft IG Metall wollen sich beide Seiten bis Mitte kommenden Jahres auf die Modalitäten des Stellenabbaus einigen. Bis dahin wird Enders auch die Frage klären müssen, ob es am Ende nicht doch noch zu betriebsbedingten Entlassungen kommen wird.

Dabei zeichnen sich schon jetzt neue Schwierigkeiten ab. Sollte es ab 2018 keine weiteren Bestellungen für den Eurofighter geben, dann sieht EADS schon jetzt weitere Arbeitsplätze in Gefahr. Bis 2017 lägen noch Bestellungen für den schnellen und wendigen Kampfjet vor. Sollte die Auftragslage danach schlecht aussehen, werde es 2018 weitere Jobkürzungen geben müssen, bestätigte der Chef der neuen Sparte "Airbus Defence & Space", Bernhard Gerwert, in einer Telefonkonferenz. Das Kampfflugzeug wird im bayerischen Manching bei Ingolstadt montiert.

Stellenangst in Bayern

IG Metall und Betriebsrat machten bereits klar, dass betriebsbedingte Kündigungen keine Option seien. "Es wäre bei den Gewinnen, die der Konzern erreicht, niemandem vermittelbar, Mitarbeiter vor die Tür zu setzen", sagte Betriebsratschef Rüdiger Lütjen. Es sei positiv, dass EADS erst die Arbeitnehmer und dann die Medien informiert habe, sagte er. "Wir hoffen, dass dadurch ein Prozess eingeleitet ist, der von Fairness und Mitbestimmung der Belegschaft gekennzeichnet ist."

Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler schlug härtere Töne an: "Wer mit betriebsbedingten Kündigungen droht, um die Rendite zu verbessern, macht die Beschäftigten zornig", erklärte Wechsler und forderte "eine langfristige Perspektive für die Arbeitsplätze und Standorte". Es "steigert nicht die Wettbewerbsfähigkeit, wenn man hochqualifizierte und motivierte Mitarbeiter rausschmeißt", sagte der Gewerkschafter. Wenn EADS "nicht vom Grundsatz auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet", werde es Konfrontation geben.

Grund für die Kürzungen ist das schwächelnde Rüstungsgeschäft. Allein 2600 Stellen sollen in Deutschland wegfallen. Überwiegend werden die Jobs in der neuen Rüstungs- und Raumfahrtsparte Airbus Defence & Space wegfallen, die im kommenden Jahr aus den bisherigen Sparten Cassidian (Verteidigung) und Astrium (Raumfahrt) entstehen soll. Der Konzern will den Personalabbau bis Ende 2016 über die Bühne bringen.

EADS-Chef Enders hatte seine Pläne am Vortag zunächst intern vor Führungskräften und Arbeitnehmervertretern erläutert. Der deutsche Top-Manager hatte zuvor bereits mehrfach harte Einschnitte und Jobkürzungen angekündigt. Zwar verdient der Konzern dank seiner größten Verkehrsflugzeugtochter Airbus und der großen Nachfrage nach zivilen Jets Milliarden, im Rüstungsgeschäft bekommt EADS aber die Sparpolitik in Europa zu spüren.

Quelle: n-tv.de, mmo/ddi/dpa