Wirtschaft

425.000 Passagiere betroffen Lufthansa streicht neun von zehn Flügen

Die Drohung der Lufthansa-Piloten entfaltet schon vor Streikbeginn ungeahnte Wirkung: Die größte deutsche Fluggesellschaft stellt ihren Flugbetrieb für mehrere Tage nahezu komplett ein. Und erste Auswirkungen sind bereits spürbar.

Die Streikdrohung der Lufthansa-Piloten wirft den regulären Betriebsablauf im deutschen Flugreiseverkehr gründlich durcheinander. Die Deutsche Lufthansa weitet den Umfang der vorsorglich annullierten Flüge aus und lässt anstatt der zunächst gemeldeten rund 200 Verbindungen in den kommenden Tagen insgesamt rund 3800 Flüge komplett ausfallen. Lufthansa und der Flughafenverband kritisierten die Aktion.

Vom größten Streik in der Unternehmensgeschichte sind voraussichtlich mehr als 425.000 Passagiere betroffen, wie die Airline mitteilte. In den drei Tagen von Mittwoch bis Freitag sollen nur rund 500 Flüge auf kurzen und mittleren Strecken verkehren. Auch die meisten Frachtflüge der Lufthansa Cargo sind bereits abgesagt.

Lufthansa richtet Info-Seite ein

Lufthansa bietet ihren Gästen umfangreiche Möglichkeiten zur Umbuchung an. Die Passagiere werden zudem gebeten, sich auf der Internet-Seite zu informieren.

Hinweis: Informationen zu Flugstatus, gestrichenen Flügen und etwaigen "Reisealternativen" bietet die Lufthansa auf einer eigenen Seite im Internet an.

Diese Rechte haben Fluggäste bei Streiks

Fluggesellschaften sind dazu verpflichtet, im Falle eines Streiks so schnell wie möglich eine Ersatzbeförderung zu organisieren, entweder mit einem anderen Unternehmen oder per Bahn. Wer sich lieber selbst um eine Alternative zum gestrichenen Flug kümmert, kann die Buchung stornieren und bekommt dann sein Geld zurück.

Die Fluggastrechteverordnung sieht bei großen Verspätungen oder annullierten Flügen pauschale Schadensersatzzahlungen vor. Bei Streiks gilt das aber nicht, hat der Bundesgerichtshof entschieden (Az.: X ZR 138/11). Streiks seien "nicht zu beherrschende Gegebenheiten", auf die Fluggesellschaften keinen Einfluss hätten, fanden die Richter. Anders als bei technischen Defekten oder Überbuchungen gibt es deshalb für die Reisenden kein Geld.

Immerhin haben die Betroffenen grundsätzlich Anspruch auf Betreuungsleistungen, wenn sie stundenlang auf ihr Flugzeug warten müssen. Die Fluggesellschaften müssen dann die Kosten für Telefonate, Getränke, Mahlzeiten und gegebenenfalls eine Übernachtung im Hotel übernehmen.

"Fluggäste, deren Flüge gestrichen wurden, werden gebeten, sich vor Antritt ihrer Reise online über den Status ihrer Buchung zu informieren", teilte die Lufthansa mit. Die Piloten der Fluggesellschaft wollten eigenen Angaben zufolge von Mittwoch bis Freitag drei komplette Tage streiken, um ihrer Forderung nach mehr Geld und der Beibehaltung einer betriebsinternen Frührente Nachdruck zu verleihen.

Der kurzfristig eingesetzte Ersatzflugplan sieht jetzt die vorsorgliche Streichung nahezu aller Lufthansa-Verbindungen im geplanten Streikzeitraum vor. Die ersten Absagen betreffen Flüge ab diesem Montag, wie aus einer im Internet veröffentlichten Aufstellung hervorgeht (die Liste finden Sie hier).

Swiss und Austrian Airline nur indirekt betroffen

Betroffen sind innerdeutsche Verbindungen von und nach Frankfurt oder München ebenso wie Interkontinentalflüge und Verbindungsflüge zwischen verschiedenen Auslandsflughäfen.

In der vergangenen Woche hatte Lufthansa beim weit kürzeren Warnstreik des Flughafenpersonals vorsorglich gleich 600 Verbindungen gestrichen. Unabhängig vom Verdi-Streik des Airport-Personals hatten die in der Pilotenvereinigung Cockpit organisierten Flugzeugführer parallel dazu einen dreitägigen Vollstreik von diesem Mittwoch bis Freitag angekündigt.

Unmittelbar betroffen von den Streikmaßnahmen sind die Gesellschaften Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings. Die Konzerntöchter Swiss und Austrian Airlines haben eigene Tarifverträge und werden von einem Ausstand bei der Lufthansa nur insofern berührt, dass Umsteigeverbindungen auf Lufthansa-Flüge gefährdet sind. "Ausgenommen von den Streikmaßnahmen und Streichungen sind die Flüge (von) Eurowings, Air Dolomiti, Swiss und Austrian Airlines", heißt es in einer Mitteilung der Lufthansa.

Der Flughafenverband ADV kritisierte das Vorgehen der Gewerkschaft: "Die deutschen Flughäfen erwarten von der Vereinigung Cockpit die Einhaltung einer fairen Streikkultur. Der angekündigte Streik sprengt alle Dimensionen - vom Zeitpunkt zu Beginn der Osterferien in einigen Bundesländern bis zum Umfang von mehreren Tagen", sagte Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel.

Treffen ohne konkretes Ergebnis

Am Wochenende hatten sich beide Seiten bei einem treffen nicht annähern können, wie Cockpit mitteilte. Der Konzern habe kein neues Tarifangebot vorgelegt. Cockpit fordert für die 5400 Piloten der Kranich-Airline mehr Geld und die Beibehaltung der betriebsinternen Frührente. Lufthansa-Personalchefin Bettina Volkens zeigte sich enttäuscht über die Eskalation: "Ich bedaure zutiefst, dass die Vereinigung Cockpit nicht bereit ist, ohne Arbeitskampf und auf dem Verhandlungswege mit uns zu einer Lösung zu kommen." Insgesamt drohe dem Konzern alleine im Passagiergeschäft ein Ergebnisschaden in zweistelliger Millionenhöhe.

Hauptstreitpunkt in dem Tarifclinch ist die bei der Lufthansa für das fliegende Personal lange Zeit übliche Frührente: Bislang konnten Flugzeugführer frühestens mit 55 Jahren und spätestens im Alter von 60 Jahren in den Vorruhestand gehen - die Bezüge bis zum Beginn der staatlichen Rente wurden aus der Übergangsversorgung gezahlt. Die Lufthansa kündigte den entsprechenden Tarifvertrag zum Jahreswechsel. Das Unternehmen will die Piloten später in Rente schicken.

Cockpit hingegen fordert, dass wegen der Belastungen durch lange Schichten und Nachtarbeit jeder Pilot selbst entscheiden solle, wann er mit dem Job aufhört. Auch eine in der Vorwoche vorgelegte neue Offerte ist nach Aussage von Cockpit nicht ausreichend, da sich die Konditionen für neue Piloten auf jeden Fall verschlechtern. Daneben fordert die Gewerkschaft zehn Prozent mehr Lohn über zwei Jahre. Die Lufthansa bietet hingegen über gut dreieinhalb Jahre eine Erhöhung der Vergütung um 5,2 Prozent und eine Einmalzahlung an. Auf die ursprüngliche vorgesehene Kopplung der Gehaltsentwicklung an das Unternehmensergebnis werde verzichtet.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa/rts