Autor Rolf Dobelli "Man kann lernen, typische Denkfehler zu erkennen und damit umzugehen"

Viele Menschen fühlen sich in Zeiten großer Unsicherheit und wiederkehrender Krisen überfordert - doch ein Teil des Problems liegt im eigenen Denken. Bestsellerautor Rolf Dobelli erklärt im Podcast "Biz & Beyond", warum wir systematisch falsch entscheiden und was dagegen hilft.
ntv.de: Viele Menschen empfinden die aktuelle Lage in der Welt als belastend. Woran liegt das?
Rolf Dobelli: Das liegt nicht nur an den äußeren Entwicklungen. Ein Teil davon entsteht im Kopf. Wir denken nicht so rational, wie wir glauben - und in unsicheren Phasen fällt das besonders auf.
Was passiert da genau?
Es gibt zahlreiche typische Denkfehler. Das sind keine zufälligen Ausrutscher, sondern wiederkehrende Muster. Wir gewichten Informationen verzerrt, reagieren stärker auf Neues und verlieren dabei manchmal den Überblick. Unter Stress verstärken sich diese Effekte zusätzlich. Das Gefühl von Überforderung ist also auch eine Folge dieser Denkmechanismen.
Gibt es einen Denkfehler, der besonders ins Gewicht fällt?
Selbstüberschätzung. Wir neigen dazu, unser Wissen und unsere Fähigkeiten zu überschätzen.
Geht das genauer?
Viele gehen davon aus, dass sie Situationen gut einschätzen können - im Alltag genauso wie bei größeren Entscheidungen. In Wirklichkeit sind viele Dinge komplexer, als sie erscheinen. Diese Diskrepanz führt dazu, dass Risiken unterschätzt und Entscheidungen vorschnell getroffen werden.
Lässt sich das vermeiden?
Nicht vollständig. Diese Denkfehler sind Teil unserer kognitiven Ausstattung. Auch ich mache sie. Aber man kann lernen, sie früher zu erkennen und bewusster damit umzugehen.
Wie gelingt das im Alltag?
Hilfreich ist es, sich die eigenen typischen Denkfehler bewusst zu machen - zum Beispiel in Form einer einfachen Checkliste. Das klingt schlicht, kann aber dabei helfen, automatische Reaktionen zu hinterfragen und bewusster zu entscheiden.
Viele kennen solche Ansätze - und setzen sie trotzdem nicht um.
Das ist nicht ungewöhnlich. Wissen allein reicht nicht aus. Diese Prozesse laufen oft unbewusst ab. Deshalb braucht es Wiederholung und eine gewisse Form von Selbstbeobachtung.
Welche Rolle spielt Intuition bei Entscheidungen?
Das hängt stark von der Situation ab. Bei weitreichenden Entscheidungen lohnt es sich, bewusst analytisch vorzugehen. Bei kleineren Alltagsentscheidungen kann Intuition hingegen durchaus sinnvoll sein. Wichtig ist, zwischen diesen Situationen zu unterscheiden.
Viele Menschen zögern Entscheidungen hinaus, weil sie nicht alle Informationen haben …
… dabei ist vollständige Information kaum erreichbar. In vielen Fällen reicht ein Großteil der relevanten Informationen aus, um eine fundierte Entscheidung zu treffen. Danach ist es sinnvoll, ins Handeln zu kommen.
Also nicht zu viel Nachdenken?
Nachdenken ist wichtig, aber es hat Grenzen. Man kann nur bis zu einem gewissen Punkt im Voraus analysieren. Erst durch Handeln entstehen neue Erkenntnisse, die weitere Entscheidungen ermöglichen.
Welche Rolle spielen andere Menschen in diesem Zusammenhang?
Eine sehr große. Das Umfeld beeinflusst, wie wir denken und entscheiden. Austausch, Feedback und Zusammenarbeit können helfen, blinde Flecken zu erkennen.
Gilt das auch für den beruflichen Alltag?
Ja, natürlich. Die Zusammenarbeit mit anderen prägt den Alltag erheblich. Deshalb ist es sinnvoll, neben fachlichen Aspekten auch darauf zu achten, ob die Zusammenarbeit langfristig funktioniert und für beide Seiten tragfähig ist.
Wenn man das zusammenfasst: Was hilft, um stabil durch unsichere Zeiten zu kommen?
Zum einen ein reflektierter Umgang mit dem eigenen Denken. Und zum anderen stabile, vertrauensvolle Beziehungen. Diese beiden Faktoren tragen wesentlich dazu bei, auch in schwierigen Phasen handlungsfähig zu bleiben.
Mit Rolf Dobelli sprachen Sandra Navidi und Ulrich Reitz.
