Wirtschaft

Experten zerpflücken den Zypern-Plan Moody's deutet Schläge an

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Deutschland war dagegen, beteuert Bundesfinanzminister Schäuble.

(Foto: REUTERS)

Europa zittert um Zypern: Mit der umstrittenen Zwangsbeteiligung privater Bankkunden kehrt die Hektik zurück in die Eurozone. Die akuten Ansteckungsgefahren hält man bei der Ratingagentur Moody's zwar für beherrschbar. Doch Europas Banken drohen womöglich ernste Konsequenzen.

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So sieht es der zyprische Kleinsparer: "Merkel, du hast unsere Ersparnisse gestohlen".

(Foto: REUTERS)

Die geplante Zwangsabgabe auf alle Bankeinlagen in Zypern hat nach Einschätzung der Ratingagentur Moody's schwerwiegende Folgen nicht nur für heimische Bankkunden. Auch für Gläubiger von Banken anderer europäischer Länder ergäben sich "negative Implikationen", schreibt die Agentur in einer ersten Einschätzung. Unter anderem erhöhe die Entscheidung der Eurogruppe vom Wochenende das Risiko der Kapitalflucht aus anderen Euro-Krisenländern.

Im Klartext heißt das: Durch die Einbeziehung privater Guthaben in Zypern verdüstern sich die Perspektiven für alle Banken der Währungsunion. Inwieweit sich diese erste Einschätzung konkret auf die Beurteilung der Kreditwürdigkeit europäischer Banken auswirken wird, ließen die Bonitätswächter zunächst offen.

Im Fall einer Herabstufung könnte sich das Zypern-Problem jedoch indirekt über Fremdkapitalaufnahme schnell auch in den Bilanzen der Geldhäuser bemerkbar machen.

Die akuten Ansteckungseffekte über die Anleihemärkten schätzen die Moody's-Experten dagegen als geringer ein. Die Gefahr einer Umschuldung wie in Griechenland, als Inhaber von Staatsanleihen auf einen Großteil ihres Kapitals verzichten mussten, sei vorerst gebannt.

Allerdings weiche der Beschluss, Bankkunden eine Zwangsabgabe auf ihre Einlagen aufzubürden, entscheidend von vorherigen Fällen ab, so Moody's. Beispielhaft nennt die Agentur die Unterstützung des spanischen Bankensektors oder des niederländischen Instituts SNS Reaal. Dort wurden Bankkunden nicht zur Kasse gebeten.

Zwar dürften die unmittelbaren Auswirkungen der Zwangsabgabe auf Zypern begrenzt bleiben, schätzt Moody's. Allerdings zeige der Beschluss, dass die Entscheidungsträger im Währungsraum offensichtlich gewillt seien, Verwerfungen an den Finanzmärkten in Kauf zu nehmen.

Italien lehnt Zypern-Vergleich ab

Der Chef der italienische Wertpapieraufsichtsbehörde Consob will die Sonderabgabe auf Spareinlagen in Zypern nicht dramatisiert wissen und glaubt nicht, dass vergleichbares in Italien passieren könnte.

Zypern sei ein kleines Land und unterscheide sich grundlegend von Italien, sagt Giuseppe Vegas am Rande einer Konferenz in Mailand. Der Euro bleibe eine stabile Währung und werde die Krise überleben.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, der die Bundesregierung in gesamtwirtschaftlichen Fragen berät, plädiert unterdessen dafür, dass die Euro-Finanzminister ihre Zypern-Entscheidung zurücknehmen.

In der zyprischen Hauptstadt wird derzeit offenbar noch darum gerungen, zumindest die Konditionen für Kleinsparer abzumildern.

Bofinger: "Fatale Folgen"

"Diese Quasi-Enteignung der Anleger würde nicht nur das Bankensystem in Zypern gefährden, sondern wäre eine Bedrohung für das Finanzsystem im gesamten Euro-Raum", sagte das Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der "Passauer Neuen Presse".

"Das muss revidiert werden, sonst hätte es fatale Folgen", warnte Bofinger. "Die Euro-Krise würde wieder verschärft werden, und es würde Europa ein Vielfaches von dem kosten, was man jetzt glaubt, durch die Beteiligung der Sparer in Zypern einsparen zu können", betonte Bofinger.

Der "zweite Tabubruch"

Mit der Beteiligung der Anleger am EU-Hilfspaket für Zypern werde "die zweite tragende Wand des europäischen Finanzsystems eingerissen", so der Experte. Im Oktober 2010 sei die uneingeschränkte Sicherheit der europäischen Staatsanleihen in Frage gestellt worden. Seitdem seien Staatsanleihen nicht mehr sicher. "Das gilt nun auch für die Einlagen von Sparern. Das ist der zweite Tabubruch", sagte Bofinger.

"Es besteht die Gefahr, dass die Sparer in anderen Ländern verunsichert werden und ihre Konten räumen." Der Sachverständige erwartet, dass die Bilder der Menschen vor den gesperrten Geldautomaten psychologische Folgen auf die Entwicklung der Märkte haben werden. "Hier geht viel Vertrauen verloren."

"Noch keine Trendwende"
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Haben Sie Angst um Ihre Ersparnisse?

Bofinger widersprach Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der das Schlimmste der Euro-Krise überwunden sieht.

"Wir stecken mitten in der Krise. Wir haben eine Rezession im Euro-Raum und eine sehr deutliche Rezession in den Problemländern. Es gibt da überhaupt noch keine Trendwende." Zypern zu stabilisieren, ohne die privaten Anleger dort daran zu beteiligen, wäre seiner Ansicht nach besser gewesen.

Quelle: n-tv.de, mmo/DJ/dpa

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