Wirtschaft

Anleger und Medien sind schuld Prokon verteilt den Schwarzen Peter

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"Wir gegen den Rest der Welt" - diese Einheit zwischen Unternehmen und Anleger ist vorbei.

(Foto: dpa)

Eine ökologische, sichere, systemkritische Kapitalanlage mit Top-Rendite. Klingt zu gut, um wahr zu sein. Darauf sind jetzt auch Prokon-Anleger gekommen und ziehen ihre Gelder ab. Der Windkraftfinanzierer versucht sie mit einer skurrilen Mischung aus Drohungen und Beschwörungen zu halten.

Mehr als eine Milliarde Euro haben Anleger über sogenannte Genussscheine dem Windanlagenfinanzierer Prokon zur Verfügung gestellt. Das Versprechen: 8 Prozent Zinsen und eine "klare Positionierung zu den Missständen in der Banken- und Finanzwelt". "Unser Erfolg ist das Ergebnis unserer Ehrlichkeit"; rühmt sich Prokon auf seiner Website. Doch genau daran mag eine immer größere Zahl an Anlegern offenbar nicht mehr glauben. Die fehlende Transparenz - trotz wiederholter Aufforderungen von Anlegerschützern veröffentlichte das Unternehmen bislang keine testierten Konzernbilanzen sondern lediglich selbstdefinierte Kennziffern - und der seit Jahren im Raum stehende Verdacht, es könnte sich bei Prokon um ein Schneeballsystem handeln, wurde nun einer kritischen Masse von Investoren zu viel.

"Viele überstürzte Kündigungen" hätten Prokon "in eine sehr ernste Bedrängnis" gebracht, teilte das Unternehmen in der Nacht zum Samstag auf seiner Webseite mit. Sollte es nicht gelingen, die Liquiditätslage sehr schnell wieder zu stabilisieren, werde Prokon voraussichtlich Ende Januar gesetzlich gezwungen sein, eine Planinsolvenz wegen drohender Zahlungsunfähigkeit einzuleiten. Im Klartext: Die Anleger sind schuld, wenn das Unternehmen vor die Wand fährt. Deshalb sollen sie sich auf vorformulierten Rückantworten verpflichten, ihr Geld bis mindestens Ende Oktober 2014 nicht zurückzufordern und auch auf die direkte Auszahlung von Zinsen zu verzichten.

Ein Loblied auf den treuen Anleger

Hilfe für Prokon-Anleger

Die DSW bietet verunsicherten Prokon-Anleger die Möglichkeit, sich unter der Telefonnummer 0211/6697-31 oder per Mail (thomas.hechtfischer@dsw-info.de) registrieren zu lassen. In einem ersten Schritt soll ein Informationsservice für Betroffene aufgebaut werden, zudem erwägen die Anlegerschützer auch juristisch aktiv zu werden.

Wer sein Geld dennoch zurück will, soll mit seiner Unterschrift bezeugen, dass er sich dessen bewusst ist, entscheidend zur Vernichtung eines zukunftsfähigen und nicht systemkonformen Unternehmens mit über 1300 Arbeitsplätzen beigetragen zu haben. Auch wer das Formular einfach nur ignoriert, trägt für das Unternehmen "automatisch zur drohenden Planinsolvenz mit den beschriebenen Folgen" bei. Ganz böse ist man auf Anleger, die versuchen "sich durch die Beauftragung von Rechtsanwälten und Klageeinreichungen einen Vorteil gegenüber denjenigen zu verschaffen, die sich besonnen dafür engagieren, das Unternehmen zu stabilisieren".

Für letztere gibt es natürlich jede Menge Lob dafür, sich "nicht von Angst und Medienschlagzeilen vereinnahmen zu lassen." Auch für unsichere, aber im Grunde ihres Herzens treue Anleger, gibt es eine Lösung: Wer einen unabhängigen Ansprechpartner brauche, könne sich einfach an die Anlegergemeinschaft "Freunde von Prokon" wenden. Und erhält dort Einblick darin, wem das Unbehagen und die Angst nützt: "Jenen Leuten, denen das Modell Prokon ein Dorn im Auge ist und die daran verdienen wollen, dass wir uns zerstreiten." Wer jetzt noch zweifelt, kann sich durch die Blogeinträge der Mitanleger überzeugen lassen: "Ich denke, die Atomlobby, die Mächtigen und die Regierung haben einfach beschlossen, Prokon jetzt platt zu machen. Die aktuelle Situation ist nur geschuldet der Hetzkampagne der lobbyistengesteuerten Medien und der 'bildungsfernen' Schicht einiger Anleger, die diesen Medien alles glauben und mit dem Abzug sehr großer Mengen an Kapital Prokon in die Insolvenz zu treiben drohen", schreibt ein Anleger wütend, als andere Forumteilnehmer mehr Transparenz von dem Unternehmen einfordern.

Substanz und Naivität

Die wilden Argumentationen mal beiseite gelassen, bleibt die Frage, was eigentlich tatsächlich der Grund für die angespannte Lage des Unternehmens ist. Prokon selbst steht für Anfragen der Medien seit Ende Mai vergangenen Jahres nicht mehr zur Verfügung, da sie sich dort nur "Vorwürfen und völlig falschen Behauptungen" ausgesetzt sehen. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) geht aktuell nicht davon aus, dass es sich beim Geschäftsmodell von Prokon um ein klassisches Schneeballsystem handelt. Es seien Vermögenswerte vorhanden, die im Falle einer Insolvenz zu großen Teilen den Genussrechtsinhabern zur Befriedung der Ansprüche zur Verfügung stehen, so die Einschätzung der SdK.

Laut der Konzernzwischenbilanz wurde zum 31.Oktober 2013 ein Verlust von 209,9 Millionen Euro verbucht, die Zinszahlungen beliefen sich in diesem Zeitraum auf 330,3 Millionen Euro. Dass das ein Indiz für ein Schneeballsystem sein könnte, davon will man bei dem Konzern nichts wissen. "Wenn überhaupt, kann man uns nur die Höhe der Zinsen vorwerfen." Vielleicht sollte man dem Unternehmen auch die Naivität vorwerfen, dass das eine sinnvolle Beteiligung der Anleger am "Unternehmenserfolg" ist.

Ob der Windkraftfinanzierer nur heiße Luft verbreitet hat, wird sich im Falle einer Insolvenz schnell erweisen. Dass es in jedem Fall keine gute Idee ist, langfristige Anlagen wie Windräder mit kurzfristigen Geldern wie Genussrechten zu finanzieren, haben schon andere Institute wie die Hypo Real Estate und Konsorten schmerzhaft erfahren.

Für die Prokon-Anleger, die sich nach den langen Jahren der Finanzkrise und ihrer Verwerfungen, offenbar ein neues System gewünscht haben, ist das eine bittere Pille. Doch sie müssen sich selber vorwerfen, dem Traum vom sich selbst wunderbar vermehrenden Geld aufgesessen zu sein. Den gibt es innerhalb und außerhalb des Systems, wie auch der jüngste Bitcoin-Boom eindrucksvoll beweist. Aber wo sich Märkte und Unternehmen jeglicher Aufsicht entziehen, ist auch Platz für irrwitzige Spekulationen, die spektakulär scheitern können. So befremdend die schon fast sektenähnlichen Beschwörungen von Prokon und seinem Freundeskreis wirken, ein richtig guter Rat findet sich doch auf den Websites: "Schalten Sie Ihren gesunden Menschenverstand ein."

Quelle: n-tv.de

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