Wirtschaft

Griechisches Hilfspaket weckt Zweifel Vorerst gerettet

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(Foto: REUTERS)

Athen kann aufatmen – zumindest vorerst. Eine Staatspleite scheint mit dem zweiten Hilfspaket über 130 Milliarden Euro erst einmal vom Tisch. Doch hinter den Hilfen stehen viele Fragezeichen. Für die Gläubiger könnte es schon bald ein böses Erwachen geben – und gerettet ist Griechenland keineswegs.

Geht es nach den Anleihe-Zockern, dann ist mit der Einigung auf das zweite Hilfspaket für Griechenland noch nichts geklärt. Eigentlich sollen die frischen Milliarden der Euro-Nachbarn kurzfristig dafür sorgen, dass Griechenland am 20. März eine fällige Anleihe über 14,5 Mrd. Euro zurückzahlen kann – andernfalls wäre das Land offiziell pleite. Doch sicherer scheint die Rückzahlung dieser Anleihe mit der Einigung in Brüssel keineswegs geworden zu sein. Viel mehr als ein Drittel ihres Papierwertes will am Finanzmarkt niemand dafür zahlen, obwohl Athen seinen Gläubigern eigentlich schon in einem Monat die volle Summe zurückzahlen müsste.

Hinter dem Zweifel der Spekulanten steckt die Angst, dass die Welt am 20. März doch anders aussieht, als das Schulterklopfen der Euro-Finanzminister vermuten lässt. Sorgen sind angebracht.

Erzwungener Haarschnitt

Schlaf-Defizite: ein müder Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker neben IWF-Chefin Christine Lagarde.

Schlaf-Defizite: ein müder Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker neben IWF-Chefin Christine Lagarde.

(Foto: dpa)

Größter Knackpunkt ist der freiwillige Verzicht privater Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen. Die gute Nachricht: Der Internationale Bankenverband IIF hat sich nach monatelangem Ringen mit Griechenland geeinigt, dass die großen privaten Finanziers auf nominal 53,5 Prozent ihrer Forderungen verzichten und Athen so um 107 Mrd. Euro entlasten. Weil zugleich die Laufzeit der Schulden deutlich verlängert wird und die Zinsen sinken, liegt der tatsächliche Verzicht bei über 70 Prozent. Der Haken: Papier ist geduldig.

Wie viele Banken sich tatsächlich an dieses Verhandlungsergebnis halten und sich am Schuldenschnitt beteiligen, steht in den Sternen. Ziehen nicht genügend Gläubiger mit, dann fehlt Athen dieses Geld auf seiner Schrumpfkur. Das griechische Parlament dürfte dann die Daumenschrauben anziehen und einen Schuldenschnitt per Gesetz erzwingen. Damit würde auch für die Griechenland-Zocker die Befürchtung wahr werden: Sie säßen mit ihren Papiere, die eigentlich in wenigen Wochen auslaufen würden, mit im Boot. Statt einer dreistelligen Rendite würden sie ebenfalls in die Röhre schauen.

Betroffen von einem Zwangsumtausch wären alle Gläubiger gleichermaßen, ob sie wollen oder nicht - alle bis auf einen: die Europäische Zentralbank. Sie sitzt wegen ihrer Stützungskäufe auf riesigen Beständen griechischer Staatsanleihen. Mit einem Trick hat sie sich jüngst aus der Affäre gezogen und die Papiere gegen einen Zwangsumtausch abgesichert. Eine vertrauensbildende Maßnahme war das nicht.

Auch andere wesentliche Meilensteine des Rettungspakets sind noch nicht erreicht. So müssen etwa die Parlamente der Euro-Staaten den Hilfen noch zustimmen. Damit steht auch im Bundestag eine neue hitzige Debatte aus, unter anderem auch, weil die Europäische Zentralbank ihre Zinsgewinne aus ihren Griechenland-Anleihen als Rettungsbeitrag abtreten soll.

Offen ist auch, wie stark sich der Internationale Währungsfonds an den Hilfen beteiligt, der sich an bisherigen Hilfen mit einem Drittel beteiligt hatte. IWF-Chefin Christine Lagarde fordert jedoch eine Aufstockung des dauerhaften Rettungsschirms ESM, was Deutschland ablehnt.

"120,5 Prozent"

Die eigentliche Gretchenfrage hinter der kurzfristigen Rettungsarchitektur ist jedoch eine andere: Hat Griechenland auf absehbare Zeit überhaupt eine realistische Chance, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen?

Auf Biegen und Brechen haben die Brüsseler Rechenspiele ergeben, dass Griechenlands Schulden für das Land nach der Diktion des IWF künftig wieder "tragfähig" sein sollen. Als magische Marke gilt dafür die Schwelle von 120 Prozent Verschuldung im Jahr 2020 im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Das Ergebnis der Nacht heißt nun: 120,5 Prozent.

Nach bitteren Jahren Griechenlands, in denen fast im Wochentakt Prognosen revidiert und Gewissheiten gestrichen wurden, sind Zweifel an der Treffsicherheit solcher Nachkommastellen-Arithmetik angebracht. Daran, ob ein Land wieder auf die Beine kommt, das nach harten Jahren der Rezession und des Sparens noch immer höhere Schulden hat, als es im Jahr erwirtschaftet, sind Zweifel fast zwingend.

So erforderlich ein harter Sparkurs für Griechenland auch sein kann, ändert er doch zu wenig an den Kernproblemen des Landes: keine funktionierende Steuerverwaltung, ein verkrusteter Arbeitsmarkt, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit oder Korruption und Vetternwirtschaft, um nur einige zu nennen. Veränderungen solch gewachsener Strukturen sind schwieriger als die Entlassung einiger tausend Staatsbeamter oder die Senkung des Mindestlohns.

Quelle: ntv.de

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