Wirtschaft
Recep Erdogan hat die Wahl gewonnen. Doch die Wirtschaftskrise in der Türkei geht weiter.
Recep Erdogan hat die Wahl gewonnen. Doch die Wirtschaftskrise in der Türkei geht weiter.(Foto: picture alliance/dpa)
Montag, 25. Juni 2018

Wahlsieg von Recep Erdogan: Was auf die Wirtschaft der Türkei zukommt

Von Daniel Saurenz und Benjamin Feingold

Mit seiner neuen Machtfülle wird es dem türkischen Präsidenten Erdogan noch leichter fallen, seine Wirtschaftspolitik durchzusetzen. Doch er wird sich an seinen Versprechen messen lassen müssen.

Recep Tayyip Erdogan hat die Wahlen in der Türkei gewonnen. Eine Stichwahl ist nicht notwendig und auch im Parlament hat er die Mehrheit behauptet. Die türkische Lira hat sich zwischenzeitlich zwar um fast drei Prozent gegenüber dem Euro und dem US-Dollar erholt, weil Anleger auf mehr politische Stabilität hofften. Doch die Atempause war nicht von langer Dauer. Inzwischen geht es für die Lira in die gleiche Richtung weiter wie vor der Wahl: abwärts. Für die Anleger rücken die langfristigen Wirtschaftsprobleme der Türkei bereits wieder in den Mittelpunkt. Und Erdogans Drohungen, die Unabhängigkeit der Zentralbank einzuschränken.

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Vor der Wahl hatte er die Wähler aufgefordert, für ihn zu stimmen, damit er künftig mehr Macht über die Währungshüter ausüben und die Zinsen niedrig halten könne. „Ihr werdet sehen, wie wir uns um die Zinsen und andere Dinge kümmern werden, wenn ihr mir erst einmal die Vollmacht dafür gegeben habt“, sagte Erdogan. Diese Aussagen schüren die Ängste der Investoren. Sie glauben, Erdogan könne die Notenbank an die Leine legen, weil sie nicht in seine Wirtschaftspolitik passt.

Denn um die Wirtschaft anzukurbeln, braucht Erdogan niedrige Zinsen. Aus Angst vor dem weiteren Verfall der Lira macht die türkische Notenbank aber das Gegenteil und erhöht sie. Am 7. Juni hatten die Notenbanker überraschend den Leitzins um weitere 1,25 Prozent auf 17,75 Prozent angehoben, um den dramatischen Verfall der Lira abzubremsen, nachdem die Zinsen bereits am 23. Mai um satte drei Prozent erhöht worden waren.

Diese Zinsschritte konnten die Schwindsucht der türkischen Währung allerdings auch nicht aufhalten. Allein in den vergangenen zwölf Monaten hat die Lira um knapp 30 Prozent gegenüber dem Euro an Wert verloren. In den vergangenen fünf Jahren summiert sich das Minus sogar auf 55 Prozent.

Kann Ankara die Schuldenlast stemmen?

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Sollten Erdogan die türkischen Zinsen tatsächlich senken, dürfte der Druck auf die türkische Währung noch wachsen und die Inflation befeuern. Sie ist im Zuge des Lira-Verfalls bereits auf über zwölf Prozent gestiegen - eine Zahl, die auch ohne Zinssenkung verunsichert. Genauso wie die Entscheidung der Ratingagentur Moody’s. Am 1. Juni hat sie angekündigt, eine Herabstufung der Türkei zu prüfen. Die Anleihen des Landes sind längst nur noch Ramschniveau. Ihre hohen Schulden kann die Türkei nur noch mit Geld aus dem Ausland bedienen. Das übe erheblichen Abwertungsdruck auf die Währung des Landes aus, begründeten die Moody's-Experten ihren Schritt.

Inzwischen steht die Türkei mit über 53 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung in der Kreide. Insgesamt schuldet sie Investoren rund 453 Mrd. Dollar - ein im internationalen Vergleich sehr hoher Wert. Wegen des Absturzes der Lira wird es für die Türkei immer schwerer, diese Schuldenlast in Euro oder Dollar zu bedienen, da immer mehr Lira dafür aufgewendet werden müssen. Das hat die Zinsen für zehnjährige Anleihen zuletzt auf über 16 Prozent katapultiert.

Der Traum vom Wachstum

Der Mix aus hohen Auslandsschulden, hoher Inflation, gestiegenen Zinsen und einer kollabierenden Währung ist auch Gift für die Unternehmen des Landes. Für Investitionen, Forschung und Entwicklung oder höhere Löhne ist kein Geld übrig und die Konjunktur bleibt auf der Strecke.

Erdogan dürfte es daher sehr schwerfallen, in den nächsten Jahren die Arbeitslosenquote von zuletzt über zehn Prozent spürbar zu senken. Vielmehr könnten sich die wirtschaftlichen Probleme des Landes weiter rapide verschärfen, was mittel- und langfristig zu steigender Arbeitslosigkeit führen sollte.

Erdogan hat zwar die Wahl gewonnen, aber auf die türkische Wirtschaft dürften dennoch schwierigere Zeiten zukommen. Möglicherweise sollten Anleger ihre Lira entgegen Erdogans Rat nach der kurzen Erholung doch lieber in Euro oder Dollar umtauschen.

Quelle: n-tv.de