Wirtschaft

Steiler Aufstieg, tiefer Fall Xu Jiayin, das Gesicht von Chinas Immobilien-Blase

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Xu war zeitweise der reichste Mann chinas.

(Foto: Sun xinming - Imaginechina)

Viele Jahre herrschte angesichts explodierender Immobilienpreise in China Goldgräberstimmung. Das Gesicht des Booms ist Xu Jiayin. Der Gründer von China Evergrande wurde zum reichsten Mann Asiens – doch nun fällt er tief.

Der Weg von Xu Jiayin kannte lange nur eine Richtung: nach oben. Aufgewachsen im ländlichen China wurde er zum reichsten Mann der Volksrepublik. Doch nun geht es für Xu (der auf Kantonesisch Hui Ka Yan heißt) steil bergab. Sein Immobilienentwickler China Evergrande droht, unter der Last von geschätzt 300 Milliarden Dollar Schulden zusammenzubrechen.

Wie bei vielen anderen Business-Tycoonen Chinas spiegelt Xus Lebenslauf die radikale und schnelle Umwälzung Chinas seit den 1980er-Jahren wider - von einer armen und vor allem ländlich geprägten Gesellschaft zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde mit erheblichem politischen und militärischen Gewicht. Sein Absturz illustriert die Veränderungen, die Präsident Xi Jinping dem Land verordnet.

"In den vergangenen 30 Jahren haben private Firmen in China bei Null angefangen", sagte Xu auf dem Volkskongress, den die Kommunistische Partei 2018 in Peking veranstaltete. "Klein wurde zu groß, schwach zu stark", lobte er die KP. Ohne sie wäre dieser Aufstieg nicht gelungen. Damals war Xu der reichste Mann des Landes, "Bloomberg" schätzte sein Vermögen auf 43 Milliarden Dollar.

Xu wurde 1958 auf dem Lande in der Provinz Henan geboren. Seine Mutter starb, bevor er ein Jahr alt war. Sein Vater hatte in den 30er- und 40er-Jahren gegen japanische Besatzer gekämpft. "Ich habe während der Schulzeit nur Süßkartoffeln und gedünstetes Brot gegessen", sagte Xu. "Die Laken, die Bettdecken, meine Kleidung - alles war mit Flicken übersät." Sein größter Wunsch sei es gewesen, in der Stadt einen Job finden und besseres Essen zu bekommen.

Mit dem Ende der Kulturrevolution verließ Xu 1976 die Schule und zog vom Land in die Stadt - wie hunderte Millionen seiner Landsleute in den vergangen Jahrzehnten. Er hatte Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Als die Universitäten wieder öffneten, studierte Xu Metallurgie in Wuhan. In den 80er- Jahren leitet er dort eine staatliche Stahlfabrik.

Millionen im Fußball versenkt

1992 zog Xu nach Shenzhen, die aufstrebende Sonderwirtschaftszone in der Nachbarschaft zu Hongkong. Vier Jahre später gründete er in Guangzhou den Immobilienentwickler China Evergrande und setzte dabei auf die rapide Urbanisierung des Landes. Das Unternehmen wuchs rasant und ging 2009 an die Börse. Über das ganze Land verteilt betreibt und entwickelt Evergrande mittlerweile 1300 Immobilienprojekte, viele auch in kleineren Städten. Für den Konzern arbeiten insgesamt 200.000 Menschen. Jährlich werden rund 3,8 Millionen Menschen angeheuert für Immobilienprojekte. Evergrande finanzierte seine schnelle Expansion mit Krediten und Anleihen.

Um die Umsätze auch beim an Tempo verlierenden Immobilienmarkt hochzuhalten, investierte Evergrande in immer neue Bereiche - mit überschaubarem Erfolg. Der Konzern ist beispielsweise an einem Joint-Venture für Elektromobilität beteiligt, das noch kein E-Auto verkauft hat. Auch bei Schweinezucht, Tourismus, Mineralwasser, Versicherungen und Erdöl probierte sich Evergrande aus.

Bekannt im Ausland dürfte vor allem der Kauf des Fußballvereins Guangzhou FC sein. Nach der Übernahme 2010 pumpte Evergrande hunderte Millionen in den Klub, um teure Wechsel von Spielern und Trainern aus Europa und Südamerika zu finanzieren. Zwischenzeitlich wurde der Wert des Vereins auf eine Milliarde Dollar geschätzt. Fußball ist der Lieblingssport von Präsident Xi, der China als Weltmeister sehen will. Investitionen in chinesische Vereine machen Unternehmen zudem bekannt und ermöglichen Zugang zu lokalen Parteikadern - und damit Zugang zu Grundstücken und zu Krediten regionaler Banken.

Angesichts der Schwierigkeiten von Evergrande sind die goldenen Zeiten vorbei. "Bloomberg" zufolge schrieb der Verein jedes Jahr zwischen 155 und 310 Millionen Dollar Verlust. Nun kämpft der Klub ums Überleben, bittet um Staatshilfe und versucht, seine Spieler zu verkaufen.

Xi nimmt Milliardäre ins Visier

Der Sturz von Xu hat auch mit einem Kurswechsel von Präsident Xi zu tun. Lange hatte Chinas Führung Milliardenvermögen als Ausdruck der wirtschaftlichen Potenz Chinas toleriert - und als ein Versprechen gesehen, dass jeder Chinese ebenfalls reich werden könne. Doch das hat sich geändert - die Führung geht gegen Milliardäre vor.

Bekanntester von ihnen ist Jack Ma, der Gründer des Online-Giganten Alibaba. Er verschwand plötzlich von der Bildfläche und gab wochenlang kein Lebenszeichen. Nach rund drei Monaten Abwesenheit war wieder in einer kurzen Videobotschaft zu sehen, in der er ankündigt, sich verstärkt um seine wohltätigen Aktivitäten zu kümmern.

"Was Xi Jinping will, ist innenpolitische Stabilität, um die Macht der Partei und Chinas Aufstieg zur wirtschaftlichen und technologischen Weltmacht abzusichern", sagt Katja Drinhausen vom Merics Institut in Berlin. "Es geht um Kontrolle über Positionen, Narrative und Verhalten, um gesellschaftliche Verwerfungen zu verhindern." In einem Wiedererstarken der Partei und der zentralisierten Kontrolle über Wirtschaft und Gesellschaft sieht Xi heute Chinas Zukunft. So stößt der Staat wieder in Bereiche vor, aus denen er sich längst zurückgezogen hatte. Auch ruft Xi plötzlich nach "allgemeinem Wohlstand", was die Superreichen zu spüren bekommen. Zur Einordnung: China hat der "New York Times" zufolge mehr Milliardäre als die USA. Zugleich verdienen 600 Millionen Chinesen monatlich umgerechnet nur 150 Dollar - oder weniger. Das ist fast die Hälfte der Bevölkerung.

Nicht nur Xus Ehrgeiz, auch seine Verbindungen zu den höchsten politischen Kreisen, dürften zu seinem Aufstieg maßgeblich beigetragen haben. Die Nähe zur Macht erleichtert es, trotz immer weiter steigender Schulden neue Kredite zu bekommen. Doch die Beziehung hat sich abgekühlt: Im August forderte die Zentralbank Evergrande öffentlich auf, seine Schulden umzustrukturieren und keine "Falschinformationen" zu verbreiten. Kurz zuvor hatte Xu noch an der offiziellen Feier zum 100. Geburtstag der KP auf dem Tiananmen-Platz in Peking teilgenommen. "Dass Xu eine Einladung bekommen hat, heißt, dass Xi ihn auf dem Radar hat", zitiert die "Financial Times" die Beatungsfirma Cercius, die auf China spezialisiert ist. "Und das ist in der Regel keine gute Sache."

"Guter Seiltänzer"

Nach vielen Jahren des Booms auf Chinas Immobilienmarkt will die Führung des Landes gegen Spekulation vorgehen und Luft aus der Immobilienblase zu nehmen. Mieten sollen nicht mehr so stark steigen. Aufsichtsbehörden gehen gegen ausufernde Kreditvergabe der Banken an Immobilienunternehmen vor, beschränken die Kreditaufnahme und legen Obergrenzen fest - auch um die wachsenden Risiken im Finanzsektor insgesamt einzudämmen.

Der Konzern hat mit seiner Größe und der Verschuldung mittlerweile ein systemisches Risiko für die chinesische Finanzbranche darstellt. Die Schulden gegenüber Finanzinstituten und Anleihegläubigern belaufen sich auf knapp 90 Milliarden Dollar. Die gesamten Verbindlichkeiten summieren sich auf 1,97 Billionen Yuan - umgerechnet gut 300 Milliarden Dollar. Das entspricht zwei Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Laut Angaben vom vergangenen Jahr steht Evergrande bei 128 Banken und mehr als 120 Gesellschaften, die nicht aus der Finanzbranche kommen, in der Kreide.

Evergrande steckt in einem Teufelskreis: Das Geschäftsmodell beruht darauf, von den Kunden Vorkasse zu verlangen für Wohnungen, die noch nicht gebaut sind. Mit diesem Geld wird dann die Fertigstellung von Projekten finanziert. Doch nach dem Vorgehen der Regulierer wird es für Evergrande schwieriger, die Wohnungen fertigzubauen. Außerdem halten sich potenzielle Kunden angesichts der Schwierigkeiten nun von dem Unternehmen fern. Der Aktienkurs von Evergrande ist eingebrochen, Xus Vermögen auf 7,5 Milliarden Dollar geschrumpft.

"Xu ist ein ziemlich guter Seitänzer", zitiert "Bloomberg" Rupert Hoogewerf, den Gründer des Wirtschaftsmagazins "Hurun Report". "Es ist ihm bisher immer gelungen, eine Balance von Schulden und Wachstum zu finden." Derzeit sieht es allerdings so aus, als könnte der Tanz jäh enden.

Quelle: ntv.de

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