Der Börsen-TagErdogan gibt den Zins-Irrläufer

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will niedrigere Zinsen - ungeachtet der hohen Inflation. Die Zinssätze sollten im einstelligen Bereich liegen, sagte Erdogan in einer Rede vor Abgeordneten seiner regierenden AK-Partei.
Erdogan hatte Zentralbankchef Naci Agbal im März gefeuert, nachdem dieser kurz zuvor den Leitzins von 17 auf 19 Prozent erhöht hatte, um die Inflation unter Kontrolle zu bekommen. Es war das dritte Mal seit Mitte 2019, dass er den Notenbankchef entließ. Im vergangenen Monat lag die Teuerungsrate in der Türkei bei 16 Prozent. Derweil stürzt die türkische Währung ab.
Seit dem Abgang Agbals hat die Landeswährung Lira um etwa zwölf Prozent zum Dollar abgewertet. Das macht den Kampf gegen die Inflation schwieriger, ist die rohstoffarme Türkei doch auf viele Importe angewiesen. Durch die schwache Lira verteuern sich die Einfuhren, da viele Waren an den Weltmärkten in Devisen wie Dollar oder Euro bezahlt werden müssen.
Ein weiteres Problem: Türkische Unternehmen sind im Ausland stark verschuldet und haben Kredite in Fremdwährungen aufgenommen. Sie bekommen deshalb ein massives Problem: Sie erwirtschaften ihre Gewinne in immer schwächerer Lira und müssen damit Kredite in harten Devisen tilgen.
Das ebenso klassische wie wirksame Mittel, um Inflation und Währungsverfall zu bekämpfen, sind Zinserhöhungen. Denn höhere Zinsen wirken tendenziell preisdämpfend, weil sie Kredite verteuern. Zudem wird Sparen attraktiver. Das heißt: Unternehmen investieren weniger, Verbraucher konsumieren weniger. Dadurch sinkt die Nachfrage nach Produkten - und das macht Preiserhöhungen schwieriger. Zudem machen höhere Zinsen es für Investoren attraktiver, Geld in der Türkei anzulegen. Das führt dazu, dass - wegen der höheren Nachfrage - der Kurs der Lira steigt. Und eine stärkere Währung wirkt wiederum inflationshemmend. Denn im Ausland gekaufte und in die Türkei eingeführte Güter werden damit billiger. Der Nachteil: Dadurch wird die Konjunktur gebremst - und das möchte Erdogan um jeden Preis verhindern. Denn mit einem kreditfinanzierten Wirtschaftsaufschwung sichert er sich seit vielen Jahren seine Popularität in weiten Teilen der Bevölkerung.
Er bezeichnet Zinsen zudem als "Mutter allen Übels" und behauptet entgegen der ökonomischen Lehre, dass hohe Zinsen für hohe Inflation sorgen - und niedrige Zinsen für niedrige Inflation.