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Zertifikate: Emittentenrisiko Tipps für Käufer

Es ist kein leichtes Jahr für die Zertfikatebranche. Innerhalb weniger Monate gerieten gleich drei angesehene Zertifikate-Emittenten in Schieflage. Im März musste bereits Bear Stearns bei JP Morgan Unterschlupf suchen, Merrill Lynch fand in der Bank of America den Retter. Doch um die angeschlagene Lehman Brothers ist es weitaus schlechter bestellt. Trotz eines dramatischen Rettungsversuchs musste die US-Investmentbank Konkurs anmelden und gleichzeitig Gläubigerschutz beantragen. Lediglich einzelne Filetstücke sind für die Konkurrenz noch interessant. So übernahm die britische Barclays Bank die Kernsparten Investmentbanking sowie Handel mit Aktien und festverzinslichen Papieren in Nordamerika. Der japanische Finanzriese Nomura kauft die Aktivitäten in Europa und im Nahen Osten. Allerdings betreffe dies bislang nur 2.500 Mitarbeiter und nicht die Aktien, Anleihen und anderen Anleihen der Pleitebank, berichten die japanische Zeitung "Nikkei" und das "Wall Street Journal".

Daher dürften auch die Zertifikatebesitzer in Deutschland vom drohenden Kollaps betroffen sein, denn Emittentin oder Garantiegeberin der Zertifikate ist die Lehman Brothers Holding, die unter Insolvenzschutz steht. Die knapp 200 Zertifikate werden aktuell nicht mehr an deutschen Börsen gehandelt. Von Lehman selber gibt es bisher noch keine Auskunft darüber, was mit den Zertifikaten passiert. Damit droht den Besitzern der Zertifikate der Totalverlust. Denn Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen und gehören, im Gegensatz zu Fonds, nicht zum Sondervermögen und sind damit nicht vor anderen Gläubigern geschützt.

Lehman schreibt hierzu in seinen Verkaufsprospekten: „Die Schuldverschreibungen stellen unmittelbare, nicht nachrangige und besicherte Verbindlichkeiten der Emittentin dar und stehen untereinander im gleichen Rang, ebenso wie mit allen sonstigen unbesicherten Verbindlichkeiten der Emittentin“.

Anlegern hierzulande bleibt also nur der Gang zum Konkursverwalter. Doch da es sich eben um „unbesicherte“ Verbindlichkeiten handelt, müssen sich die Zertifikatebesitzer, wenn sie sich aus der Konkursmasse bedienen wollen, ganz hinten anstellen. Es ist aber nicht auszuschließen, dass, nachdem die „besicherten Forderungen“ bedient wurden, möglicherweise noch ein Rest an Vermögen übrig ist und die Zertifikatebesitzer zumindest einen Teil ihrer Forderungen zurück erhalten. Aber wann dies sein wird und wie hoch, ist noch völlig offen.

Im Gegensatz zu Lehman hatten die Besitzer von Merrill Lynch-Zertfikaten Glück im Unglück. Diese Papiere werden auch vorerst weiter gehandelt. Was aus diesen Zertifikaten wird, vermochte auch Merrill Lynch nicht zu sagen. Ein Totalausfall droht aber nicht, denn Merrill ist ja nicht insolvent, sondern hat nur den Eigentümer gewechselt. Als JP Morgan die angeschlagene Bear Stearns übernommen hat, hat sie auch deren Zertifikate übernommen. Die Papiere werden wieder wie gewohnt gehandelt.

Die Chance eines raschen Ausstiegs über die Börse hatten die Besitzer von Lehman-Zertifikaten leider nicht. Ihnen bleibt nur noch das Prinzip Hoffnung.

Worauf Anleger bei Zertifikaten achten sollten

Garantieversprechen mit „100-Prozent-Kapitalschutz“ helfen dem Zertifikatebesitzer wenig, wenn die emittierende Bank Konkurs anmeldet. Daher sollten Anleger, die sich Zertifikate ins Depot legen, folgende Tipps beachten.

1) Um das Emittentenrisiko bzw. das Risiko einer Insolvenz zu reduzieren, hilft es, Zertifikate von verschiedenen Emittenten zu erweben, so dass im Falle einer Insolvenz eines Emittenten nicht das ganze Geld verloren geht.

2) Anleger sollten sich genauestens darüber informieren, wer das Zertifikat herausgibt. Im Zweifel sollten sie den Bankberater drängen, diese Informationen herauszugeben. Dabei sollte man nur Papiere von Emittenten zweifelsfreier Bonität erwerben. Dies ist umso wichtiger, je länger die Zertifikate laufen. Die meisten Häuser veröffentlichen ihre Bonitäts-Ratings, die sie durch die Ratingagenturen erhalten haben. Diese können auch auf der Internetseite des Deutschen Derivate Verbands auf www.deutscher-derivate-verband.de eingesehen werden.

3) Aber auch die Bonitätsratings reichen nicht immer aus, um die Zahlungsfähigkeit eines Emittenten ausreichend zu beurteilen. So hatte Lehman kurz vor dem Konkurs noch bei A-, also eine mittlere Bonität mit geringem Risiko.

Deutlich besser erweisen sich da sog. Credit Spreads, die die Risikoprämie zwischen Staatsanleihen und Unternehmensanleihen gleicher Laufzeit berechnen. Staatsanleihen der Bundesrepublik Deutschland (Bundesanleihen) oder der Vereinigten Staaten (U.S. Treasuries) werden als ausfallrisikofrei betrachtet. Für das Ausfallrisiko einer Inhaberschuldverschreibung oder Unternehmensanleihe muss der Emittent eine zusätzliche Verzinsung in Form einer Risikoprämie zahlen: den Credit Spread. Je schlechter die Bonität (Kreditqualität) desto höher wird die Risikoprämie sein, die der Anleger fordert. Der Credit Spread hängt daher von der Einschätzung der Marktteilnehmer hinsichtlich der Bonität des Emittenten ab.

4) Hilfreich in diesem Zusammenhang sind auch die Risikoklassifizierungen, die beispielsweise der DDV in Form des Value at Risk (VaR) vornimmt. Die Kennzahl ermittelt aufgrund verschiedener Risiken (Bonitätsrisiko, Kursrisiko, Volatilitätsrisiko, Währungsrisiko, Zinsrisiko) das Verlustrisiko des Portfolios. Die Kennzahl hilft bei der Zertifikateauswahl und trägt dazu bei, das Risiko einzelner Zertifikate besser einzuschätzen. Weitere Infos hierzu findet man auf der Verbandssseite www.deutscher-derivate-verband.de ein.

Quelle: ntv.de