Kolumnen

Inside Wall Street Der Vorteil höherer Zinsen

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(Foto: AP)

Die US-Notenbank wird wohl bald die Zinsen erhöhen, und an der Wall Street sinken deshalb die Kurse. Dabei sollten sich Börsianer über die Pläne der Fed freuen.

Dow 17.000… das war einmal. Es mag nur ein paar Tage her sein, doch auf dem Parkett der New Yorker Börse scheint die einst magische Marke nur eine ferne Erinnerung zu sein. Starke Konjunkturdaten haben die Indizes in den letzten Tagen bluten lassen, denn Anleger haben Angst vor einer früheren Zinsanhebung - warum nur?

Ganz klar, alle Marktteilnehmer wissen, dass man die gewaltige Rallye der letzten Jahre allein der Notenbank zu verdanken hat. Mitten in der Finanzkrise warf die Fed die Maschine an, schmiss den Banken das Geld nur so hinterher und investierte gleichzeitig massiv in Staatsanleihen - der Markt erfuhr enorme Liquidität, Geld floss in Aktien, die längst nicht mehr reflektieren, wie gut es den Unternehmen im einzelnen oder der US-Wirtschaft im allgemeinen geht.

Wenn die Fed einmal ihre marktunterstützende Politik aufgibt - und angesichts eines stärkeren Arbeitsmarktes, steigender Löhne und einem stabilen Wirtschaftswachstum wird sie das wohl bald tun -, dann wird sich die Börse wieder um die fundamentalen Entwicklungen der Märkte kümmern müssen. Vorbei ist es mit dem geschenkten Geld, aber schlecht ist das nicht unbedingt. Klar, zunächst werden die Indizes ein paar Prozent einbüßen. Manche Analysten rechnen mit Kurseinbrüchen von bis zu 20 Prozent. Das könnte etwa die Blue Chips auf 13.000 Punkte drücken, was mehr als realistisch ist.

Doch sind diese Abstürze erst einmal überstanden, dann winkt den Börsen eine stabilere Zukunft mit erneut satten Zugewinnen. Statt auf einer Fed-Blase zu sitzen, könnten Anleger dank tatsächlich stattfindenden Wachstums ihr Portfolio verbessern. Immerhin ist ein steigendes Bruttoinlandsprodukt gute Nahrung für die Indizes, und auch von den stärkeren Daten vom Arbeits- und Immobilienmarkt sowie aus Industrie und Dienstleistungssektor wird man langfristig profitieren. Anleger könnten sich endlich von der absurden Maxime verabschieden, dass gute Nachrichten eigentlich schlechte Nachrichten sind - allein das sollte doch schon etwas wert sein.

Doch steigende Zinsen haben noch andere positive Auswirkungen für die Wirtschaft. So steigen ja nicht nur die Kosten für Kredite, sondern auch die Einnahmen der Sparer. Nicht zuletzt Millionen von Senioren hätten dank steigender Sparzinsen mehr Geld zur Verfügung. Höhere Zinsen bedeuten für Sparer mehr frei verfügbares Kapital, das dürfte die Verbraucherausgaben erhöhen - der Wirtschaftskreislauf zieht an.

Auch den Banken drohen nicht nur Nachteile. Höhere Zinsen zahlt man zwar an die Fed, bekommt man aber auch von Kreditnehmern – denen berechnet man prozentual höhere Aufschläge als die Notenbank verlangt, was die Kreditvergabe lukrativer macht. Die Bank verdient damit mehr im Kreditgeschäft... zumindest wenn sie Kredite auch wirklich vergibt. In den Jahren seit der Finanzkrise haben amerikanische Banken ihre Kriterien für Kredite scharf angehoben und weniger Geld verliehen. Ein profitableres Kreditgeschäft dürfte die Banken nun motivieren, wieder mehr Geld an investitionsfreudige Unternehmen oder Verbraucher weiterzugeben.

Langfristig wird all das wieder zu stabilen Kursgewinnen führen. Vorher aber muss der Markt behutsam in die Realität zurückgeführt werden. Dieser Prozess hat möglicherweise in den letzten Tagen begonnen.

Quelle: ntv.de