Kolumnen

Inside Wall Street Die "verlorene Generation"

Hohe Arbeitslosigkeit, fallende Löhne, die Börsen auf Talfahrt: Dass die USA vor einer neuen Rezession stehen, lässt sich nicht verhehlen. Das hat dramatische Folgen für das Land, auch jenseits der Bankkonten. Statistiker sorgen sich um eine "verlorene Generation".

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Hoffen auf einen Job: Junge Bewerber in einem Einkaufszentrum in Kalifornien.

(Foto: AP)

"Wir haben ein monströses Job-Problem", sagt Andrew Sum vom Center for Labor Market Studies an der Northeastern University, "und die jungen Leute sind die größten Verlierer." Ganze Jahrgänge von Schul- und Studienabgängern schlügen sich zurzeit mit Gelegenheitsjobs durch und müssten, wenn sich der Arbeitsmarkt einmal erhole, mit einem ganzen Schwung jüngerer Bewerber um neue Stellen konkurrieren. Es könne mehr als zehn Jahr dauern, bis sich die Arbeitssuche bei jungen Menschen wieder normalisiert habe.

Die jüngsten Daten aus der Volkszählung zeigen, welche sozialen Folgen das hat. Dass immer mehr Amerikaner in ihren Zwanzigern und Dreißigern keinen Job finden können, verschiebt das gesellschaftliche Gefüge. Wichtigster Wandel: Immer mehr Heranwachsende verschieben Umzüge und Familienplanung, bleiben bei ihren Eltern wohnen. In der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen ist die Zahl der Umzüge über weite Strecken um fast 5 Prozent auf 3,2 Millionen gefallen – das ist der niedrigste Stand und damit die niedrigste Mobilität seit dem Zweiten Weltkrieg.

Immer weniger junge Ehepaare

Unter den 25- bis 34-Jährigen wohnen derzeit fast 6 Millionen Amerikaner bei ihren Eltern – ein Anstieg von 25 Prozent seit Beginn der Rezession. Fast ein Fünftel der jungen Männer hat das Nest noch nicht verlassen. Damit bleibt das "starke Geschlecht" doppelt so häufig unter dem schützenden Dach des Elternhauses wie die jungen Damen. Parallel zu dieser Entwicklung ist die Zahl der Eheschließungen dramatisch eingebrochen. Im vergangenen Jahr haben nur 51,4 Prozent der jungen Erwachsenen geheiratet, im Jahr 2000 waren es noch mehr 57 Prozent.

Wo junge Leute bereits geheiratet haben, fehlt in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld die Stabilität in der Beziehung. Jeder vierte Haushalt mit Kindern wird zurzeit von einer alleinerziehenden Mutter geführt. Unter allen Haushalten mit einer jungen Mutter unter dreißig Jahren liegen 30 Prozent unter der Armutsgrenze. Unter allen Haushalten bezieht aktuell jeder achte Lebensmittelmarken, die Hälfte davon sind junge Familien mit Kindern.

Billigkräfte ziehen

Richard Freeman, Volkswirt an der Harvard University, fürchtet psychologische Folgen dieser Entwicklung. "Diese jungen Leute werden Narben davontragen, unter denen sie ein Leben lang leiden. Man wird sie wohl die 'verlorene Generation' nennen." Es sei klar, dass ihr Leben und ihre Karriere "ohne die aktuelle Wirtschaftskatastrophe anders verlaufen wären."

Licht am Ende des Tunnels gibt es nicht, wie die Statistik zeigt. So zeigen die aktuellen Zahlen einen anhaltenden Zustrom von Einwanderern, die in den USA offensichtlich eher einen Job finden als Amerikaner. Das liegt daran, dass Unternehmen vor allem billige, und auch oft illegale und unterbezahlte stellen schaffen. Andere lassen lieber Senioren weiterarbeiten als neue Leute einzustellen. Jeder sechste Senior in Amerika arbeitet zurzeit, der höchste Stand seit den Sechzigerjahren.

Quelle: ntv.de