Kolumnen

Wirecard war einfach verlockend Wer zockt, darf nicht heulen

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Wirecard war etwas für Zocker. Und das kann schiefgehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Unser Kolumnist steckt seit Langem im Wirecard-Krimi fest. Mit viel Einsatz, zwischenzeitlich viel Gewinn und nun viel Verlust. Er beklagt die miese Kommunikation des Konzerns und der Prüfer, findet aber auch: Wer große Gewinne erwartet, darf sich nicht beschweren, wenn es Verluste gibt.

Ich gestehe, ich bin ein Zocker.

Ich gestehe, dass ich nächtelang damit verbracht habe, auf die eine entscheidende Adhoc-Meldung zu warten. Bei Wirecard konnte man sehr gut warten: Auf die Klärung der Sachverhalte nach den Vorwürfen der "Financial Times" (FT). Auf das Verbot von Leerverkäufen. Auf die Veröffentlichung des KPMG-Prüfberichtes. Auf die tatsächliche Veröffentlichung ebenjenes Berichtes. Auf die Jahresbilanz. Auf die verschobene Jahresbilanz. Auf die erneute Verschiebung. Und nun gestern auf die endgültige Jahresbilanz. Die dann - Sie erraten es - erneut verschoben wurde. Stattdessen gab es die Mitteilung über vermeintlichen Betrug bei Treuhändern und die Erkenntnis, dass alles noch viel schlimmer ist als befürchtet.

Warum ich so viel gewartet habe? Zu so vielen verschiedenen Anlässen? Weil jede dieser einzelnen Nachrichten den großen Preis versprochen hat. Das große Los. Hohe Gewinne. Jedes Mal wurde ich enttäuscht. Und bin doch dringeblieben. Weil der ganz große Absturz auch ausgeblieben ist. Jedes Mal. Bis jetzt.

Minus 70 Prozent. Was war das für ein Tag. Wenn man schon am Morgen alle fünf Minute die Nachrichten checkt, wenn dann am Vormittag innerhalb von drei Minuten die Aktie schon um 40 Prozent fällt, dann weiß man, dass im eigenen Depot nichts mehr so ist wie vorher.

Dabei sah alles so gut aus: Nach dem KPMG-Bericht, der schon einigermaßen vernichtend ausfiel, hatte sich der stets sehr selbstbewusste Wirecard-Boss Braun einen Rückzug light auferlegt, mehr Kontrolle, mehr Compliance, alles irgendwie professioneller. Das zog. Die letzten Tage kannten die Kurse nur noch eine Richtung: hinauf.

Ich gestehe: Am Vorabend des Crashs stand ich um eine erkleckliche Summe im Plus. Es hätte für zwei bis drei Sommerurlaube gereicht. Aber ich war mir sicher: Morgen, wenn der Jahresabschluss kommt, da geht noch mehr. Also schön dringeblieben.

Jetzt reicht es noch für einen Wochenendtrip. In den Spreewald. Soll ja auch schön sein.

Natürlich habe ich diesen Tag damit verbracht, zu schimpfen: Denn es ist unvorstellbar, dass all die positiven Wasserstandsmeldungen, die Wirecard immer von sich gab, noch legal sein sollen. All das Geplänkel von tollen Zahlen, neuen Kunden und der Bestätigung: Ja, der Bericht kommt. Heute. Ganz bestimmt. Wenn mir das mein Maler an der Ecke erzählen würde und dann aber nicht liefert, wäre ich schon sauer. Wirecard aber ist im Dax. Und die Frau in der Pressestelle bestätigt das trotzdem. Was soll das mehr sein als eine Lüge, dass sich die Balken biegen? Es ist unglaublich.

Genauso unglaublich ist aber auch, dass die Wirtschaftsprüfer, also erst KPMG und jetzt Ernst & Young, tatsächlich bis zum letzten Tag warten, um dann in der letzten Minute zu kommunizieren, dass es kein Testat gibt für die Zahlungsabwickler aus Aschheim. Wo war die Adhoc-Meldung in den Wochen zuvor? Als so viele Kleinanleger wieder rein sind in die Verheißung namens Wirecard?

Denn das ist es eben auch gewesen: eine Verheißung. Und deshalb fällt es mir so schwer, all die Jammereien zu lesen von den Anlegern bei Twitter, in den Foren unter den Wirtschaftsartikeln. Wie sie sich aufregen über die vermeintlichen Verbrecher um Markus Braun. Wie sie schwören, doch immer an das Unternehmen geglaubt zu haben.

Ehrlich? Das ist doch Quatsch. So viele Anleger haben wie ich irgendwann von Wirecard gehört, dem Unternehmen, dessen Kurs sich innerhalb von ein paar Jahren verzigfacht hatte. Das wuchs und wuchs und mit ihm das Vermögen der Aktionäre. Dann bin ich eingestiegen. Mit viel Geld. Wie so viele andere. Habe ich an das Unternehmen geglaubt? Keine Ahnung. Aber ich dachte, es geht immer weiter aufwärts. Ging es auch, eine Weile. Dann kam Wirecard in den Dax. Das Licht wurde heller, die Schatten wurden dunkler. Die FT-Berichte kamen. Die ersten Abstürze. Doch immer wieder erholte sich das Unternehmen. Ich kaufte mehr Aktien. Ich hätte es auch anders machen können: Shorts kaufen. Mit Wirecard-Verlusten spielen. Aber nein: Ich mache keine Wetten auf sinkende Kurse, ich finde das moralisch nicht in Ordnung.

Die Kurse wurden volatil, wie man es im Dax noch nicht gesehen hatte. Heute 11 Prozent rauf, morgen 20 Prozent runter. Ein Traum für jeden Daytrader.

11 Prozent rauf, das macht bei 20.000 Euro mal eben 2200 Euro Gewinn. Das ist ein Monatsgehalt für viele. Das lohnt sich. Es ist aber auch Zockerei.

Denn ich hatte schon am Vorabend des Crashs weit mehr als 11 Prozent Gewinn gemacht. Und bin trotzdem dringeblieben. Weil ich dachte, es geht noch mehr. Vielleicht 20, 30 Prozent.

Es ist immer die Verheißung, die lockt. Auf noch mehr Geld. Doch wer bei einer Aktie 20 Prozent Gewinn holen will, der muss auch immer damit rechnen, 20 Prozent zu verlieren. Oder auch mehr. Wer dann rumheult, ist selber schuld.

Ich bleibe trotzdem erstmal drin. Bei minus 60 Prozent fehlen auch die Alternativen. Vielleicht ist ja doch noch was zu holen. Ansonsten wird Wirecard meine persönliche Telekom.

Quelle: ntv.de