Frustrierte Ebay-KäuferVon der Bahn abgezockt?
Die Ersten werden die Letzten sein - zumindest die Frustriertesten. Wer bei der Ebay-Ticket-Aktion der Bahn zu früh geboten hat, ärgert sich jetzt über die Preispolitik der Bahn. Dabei ist die für Vieles verantwortlich - aber nicht für unvorsichtiges Bietverhalten.
von Isabell No
Pioniergeist ist schon eine heikle Sache. Früh-Adoptoren, also jene, die immer als Erste zugreifen, kaufen sich unausgereifte Automodelle oder technische Geräte, die schon kurze Zeit später für einen Bruchteil des Preises aber in besserer Qualität zu haben sind. Sie zahlen ein Heidengeld fürs neue I-Phone, mit dem sie auch dann noch telefonieren, wenn sich alle anderen an den technischen Möglichkeiten des Nachfolgemodells erfreuen. Und sie surfen heute noch für 40 Euro im Monat durchs Netz, weil das vor ein paar Jahren mal der Standardpreis für DSL-Flatrates war. Kurz: Der Pioniergeist geht einher mit finanzieller Risikobereitschaft, bisweilen auch mit völliger Unvernunft.
Am vergangenen Freitag konnte man das Phänomen quasi im Zeitraffer beobachten: Die Deutsche Bahn startete ihren Ticket-Verkauf bei Ebay. Über einen Zeitraum von zehn Tagen sollen insgesamt rund eine Million Tickets an den Mann gebracht werden, teils als Auktion, teils im Sofortkauf. Um 12:15 Uhr fiel zum ersten Mal der Hammer, beim Gebot von 191 Euro für zwei Fahrten zweiter Klasse innerhalb Deutschlands. Dass sich das nur für die Wenigsten lohnen würde, konnte sich jeder ausrechnen. Die Freude der Meistbietenden über seine Pionierleistung dürfte denn auch nur kurz gewährt haben: In den folgenden Auktionen sank der Preis minütlich und pendelte sich schließlich bei rund hundert Euro ein.
Wer konnte das ahnen?
Wer glaubte, damit ein gutes Geschäft gemacht zu haben, wurde schon einen Tag später eines Besseren belehrt. Da servierte die Bahn nämlich das gleiche Paket zum Festpreis von 66 Euro, für 99 Euro konnte man wenig später schon erster Klasse reisen. Gute Angebote - für jene, die gewartet hatten. Die Früh-Bieter sind indes vergrätzt und machen ihrem Unmut nun bei der Verkäufer-Bewertung bei Ebay Luft: "Mies! Erst versteigern dann billig anbieten", "Abzocke!", poltern die, die sich von der Bahn übers Ohr gehauen fühlen. Viele Kommentare erboster Bieter wurden von Ebay inzwischen gelöscht.
Der Ärger ist nachvollziehbar - aber ist er gerechtfertigt? Der Bahn Preistreiberei zu unterstellen, ist jedenfalls weit hergeholt. Schließlich ist es das Merkmal einer Versteigerung, dass nicht der Verkäufer, sondern die Bieter den Preis bestimmen. Und offenbar fanden sich genug, die bereit waren 100 Euro und mehr für zwei Zweite-Klasse-Tickets auszugeben. Völlig freiwillig. Dass die Bahn später auch Tickets zum Sofortkauf anbieten würde, war kein Geheimnis. Allein, zu welchem Preis, das war nicht klar. Dass 100 Euro kein Schnäppchen sein würden, hätte aber jeder ahnen können, dem frühere Bahn-Sonderaktionen wie das Tchibo-Ticket in Erinnerung sind. "Selbst schuld!" möchte man aus der Klugscheißer-Ecke rufen.
Sonderrechte für die Bahn
Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack. Denn offenbar werden für die Bahn Regeln außer Kraft gesetzt, die für alle anderen Verkäufer bei Ebay gelten. Diese hätten beispielsweise mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen, wenn ihre Bewertungsquoten so negativ wie die der Bahn ausfielen. Nur 74 Prozent der Käufer urteilten positiv über deren Angebot - normalerweise droht Verkäufern bei zu vielen Negativbewertungen zumindest eine Verwarnung. Strittig ist zudem das Widerrufsrecht: Gewerbliche Händler unterliegen bei Ebay dem Fernabsatzgesetz und müssen Ware innerhalb von 14 Tagen zurücknehmen. Für Fahrkarten gilt diese Regelung generell nicht - doch verkauft die Bahn bei Ebay überhaupt Fahrkarten oder handelt es sich um Gutscheine? Die Verbraucherzentrale Berlin kommt zu letzterem Schluss und forderte von der Bahn jetzt eine Unterlassungserklärung. Für die frustrierten Biet-Pioniere dürfte die allerdings zu spät kommen.