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Der schwächelnde Markt in Europa macht auch Mercedes zu schaffen.
Der schwächelnde Markt in Europa macht auch Mercedes zu schaffen.(Foto: picture alliance / dpa)

Das "Gepäck" muss leichter werden: Krankt Mercedes an den Märkten?

Bei Mercedes stehen die Zeichen auf Verjüngung. Eine konsequente Modelloffensive überrollt förmlich den Markt. Der Run auf die neue A-Klasse ist gigantisch - und dennoch zieht Daimler-Chef Zetsche schon mal vorsorglich an der Reißleine. Der europäische Markt schwächelt, und auch in China läuft nicht alles nach Plan.

Daimler pumpt auf der ganzen Linie. In allen Segmenten stellen sich die Stuttgarter neu auf. Die Linien verjüngen sich und auch die Ansprechhaltung zielt auf eine neue Zielgruppe. Weg vom Image der Verstaubtheit und Hausbackenheit. Und tatsächlich: Die neue A-Klasse boomt, bevor sie auf dem Markt ist. Seit dem Bestellstart im Juni sind in Stuttgart mehr als 40.000 Aufträge eingegangen. Sollte sich die Lust auf das Modell fortsetzen, dürfte ein Absatzrekord anstehen. Und dennoch ist man bei Daimler vorsichtig, denn auch in Stuttgart ist keiner frei von den Erschütterungen des europäischen Marktes.

Bereits im Sommer hat Daimler-Chef Dieter Zetsche seine Mitarbeiter in einem Brief auf harte Zeiten eingeschworen. Der Autobauer müsse sich "gesamtwirtschaftlich auf stärkeren Gegenwind" einstellen, heißt es in dem Schreiben. Der Autobauer rechnet in seiner Pkw-Sparte wegen der Absatzflaute in Europa mit einem operativen Gewinnrückgang und kündigte ein Sparprogramm an. Inwieweit die Beschäftigten davon betroffen sein werden, wollte Daimler noch nicht mitteilen.

Das eigenen "Gepäck" muss leichter werden

"Je unwegsamer aber das Gelände "draußen" wird, desto wichtiger ist es, unser eigenes "Gepäck" so leicht wie möglich zu machen", schreibt Zetsche in dem Brief. "Jeder Euro, den wir für Entbehrliches ausgeben, ist ein Euro weniger für unsere Wettbewerbsfähigkeit." Die "Financial Times Deutschland" hatte bereits berichtet, das geplante Sparpaket habe einen Umfang von 1 Milliarde Euro. Ein Daimler-Sprecher wollte die Zahl nicht kommentieren.

Aus Unternehmens- und Gewerkschaftskreisen heißt es, weder ein Stellenabbau noch Kurzarbeit seien geplant. Branchenkenner halten vor allem bei der Produktion und im Einkauf Kürzungen für wahrscheinlich. "Fakt ist, dass man Produktionskapazitäten zurückfahren muss", sagte Autoexperte Stefan Bratzel der Nachrichtenagentur dpa. Auch mit den Zulieferern wird der Konzern nach Ansicht von Fachleuten vermutlich in Verhandlungen treten.

Der schwächelnde Automarkt in Europa macht im Oberklasse-Segment allerdings nicht nur Daimler zu schaffen. Auch der Sportwagenbauer Porsche kündigte bereits an, 2013 wieder mehr Autos verkaufen zu wollen. Allerdings könnte der Zuwachs zwischen 5 und 10 Prozent geringer ausfallen, als bisher geplant. Die Rivalen BMW und Audi bekräftigten unterdessen ihre Vorhersagen und rechnen weiter mit Rekordergebnissen. Die werden aber hauptsächlich durch die Absätze in China gepuffert.

Mercedes versteht chinesischen Markt noch nicht

Doch auch im Reich der Mitte haben die Stuttgarter so ihre Probleme. Die sind nicht allein durch das langsamere Tempo des größten Automarktes der Welt zu erklären. Zwar hat sich der Wettbewerb in China verschärft, aber chinesische Experten führen den stetigen Rückgang im Absatzwachstum der Stuttgarter auch auf hauseigene Probleme zurück. "Mercedes versteht den chinesischen Markt noch nicht gut genug", sagt Jia Xinguang, Chefanalyst der China Automobile Consulting Corporation, in Peking.

"Von den drei deutschen Luxusgiganten kennt sich Audi am besten aus, weil sie als Erste hier auf den Markt gekommen sind", sagt der Unternehmensberater. So verbuchten die Ingolstädter in China in den ersten acht Monaten des Jahres ein Absatzwachstum von 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das Plus bei Mercedes schrumpfte hingegen und lag in den ersten acht Monaten nur noch bei neun Prozent - gerade mal halb so viel wie die rund 20 Prozent Wachstum, die für das Oberklasse-Segment in China vorhergesagt werden.

Luxusmarkt in China ist besonders

Der Luxusmarkt in China ist ganz besonders: Die Käufer der teuren Schlitten sind viel jünger als anderswo - durchschnittlich gerade einmal 30 Jahre. BMW und Audi bieten in China eine große Palette von Modellen an - von den bei Funktionären beliebten Langversionen bis hin zu sportlichen Modellen. "Zum Beispiel der Q7, Q5 oder A4 - solche Autos zielen auf junge Leute", sagt Jia Xinguang. "BMW hat die 3er- und die X-Serie für jüngere Käufer."

Der Experte spricht von der "reichen zweiten Generation". "Diese Kids können wahllos das Geld ausgeben, das ihre Familien haben." Bei Mercedes wird der Trend durchaus auch gesehen. Auf der Automesse in Chengdu wurde gerade die sportliche neue B-Klasse in China vorgestellt. Weltweit wird das Produktportfolio verjüngt.

Autoexperten erklären die Probleme von Mercedes in China auch mit historisch gewachsenen Vertriebskanälen, die den Absatz behindern. Importierte Autos werden über Mercedes Benz China zusammen mit dem traditionellen Händler Lei Shing Hong (Hongkong) verkauft. Lokal produzierte Wagen wiederum vertreibt das Beijing Benz (BBAC) genannte Gemeinschaftsunternehmen mit Beijing Automotive Industry (BAIC).

"Wir waren hier nicht optimal aufgestellt", räumt ein Daimler-Sprecher ein. Mercedes habe aber gerade mit 75 Prozent die Mehrheit in der Importgesellschaft mit Lei Shing Hong übernommen und werde in einem nächsten Schritt beide Vertriebskanäle zusammenlegen.

Ein weiteres Problem, das alle Autobauer trifft, ist Chinas Konjunkturschwäche. Das Reich des Drachen leidet stärker als erwartet unter der geringeren Nachfrage auf seinen krisengeschüttelten Exportmärkten in Europa und den USA. Der gesamte Personenwagenmarkt wird in diesem Jahr wohl nur um acht Prozent zulegen. "Die letzten fünf Jahre waren für uns sehr erfolgreich. Da haben wir viel erreicht. Aber der stärkere Wettbewerb ist jetzt auch bei Mercedes zu spüren", sagt der Daimler-Sprecher.

Markt in China beschränkt sich selbst

Der Wachstumsmarkt wird nach Einschätzung von Experten auch durch den Wegfall von Kaufanreizen und Beschränkungen in großen Metropolen gebremst. Autos stehen im Stau, quälen sich im Schneckentempo durch die Städte. Es fehlt an Parkplätzen. Smog hängt in den Straßen. Um die Zahl der Fahrzeuge zu begrenzen, werden Beschränkungen eingeführt. So müssen Autofahrer in Peking an einem Tag der Woche den Wagen stehen lassen - je nach Zahl auf dem Nummernschild.

"Im nächsten Jahr wird sich der Automarkt nicht besser entwickeln", glaubt Experte Jia Xinguang. "Auch die Aussichten für den Oberklassemarkt sind nicht rosig." Die Gewinnwarnung bei Mercedes ist für ihn ein Zeichen für Ernüchterung. "Viele Unternehmen hatten überzogene Erwartungen an den chinesischen Markt."

Von Pessimismus will sich Audi aber nicht anstecken lassen. Die Ingolstädter wollen dem Markt auch in Zukunft davonfahren: "Wir sehen weiterhin gute Wachstumsperspektiven in China", sagt ein Sprecher. Die Zahl der Familien mit mittleren und hohen Einkommen steige. Im Hinterland erschließe sich Audi mit dem Ausbau seines Händlernetzes neue Märkte. Demnächst werden auch der A3 und Q3 in China produziert - ein neues Wachstumssegment, heißt es, für junge Kunden.

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Quelle: n-tv.de

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